Der konservative Punkrocker – Campino im Interview

Das folgende Interview mit Campino ist noch vor Ausbruch der Corona-Krise entstanden. Anlass dazu gaben die geplanten Konzerte in Graz und Wien, die leider abgesagt wurden. Wir möchten Ihnen dennoch die klugen Aussagen des Hosen-Sängers nicht vorenthalten. Zu Corona gibt es keinen Bezug. Dazu ist aber eh schon alles gesagt.

weekend: Du hast für die ­leider verschobene Un­plugged-Tournee Gesangs­unterricht genommen. Ist das, weil man dich unplugged deutlicher hört?
Campino: (lacht) Das war zu befürchten. Es hat mir aber gut gefallen, mich gesanglich infrage zu stellen und da noch einmal nachzujustieren.

weekend: Waren das deine ersten Gesangsstunden?
Campino: Nein, 1986 war ich schon mal bei einer Gesangslehrerin. Ich habe der Dame damals ein paar Nummern von unserer Platte vorgespielt. Daraufhin meinte sie lapidar: „Tut mir leid, schalt das ab. Was du da machst, ist in meiner Kategorie Gesang nicht existent.“ Sie hat mir dann bloß ein paar Atemübungen gezeigt.

weekend: Die Toten Hosen gibt es seit 1982. Stellt man da so etwas wie Verschleiß­erscheinungen fest?
Campino: Wir unterliegen einem ständigen Prozess. Es ist wie bei einer Sportmannschaft – mal hat man eine bessere Saison, mal eine schlechtere. Wir geben alles, um Jahr für Jahr, Album für Album das Beste aus uns rauszuholen.

weekend: Spielt Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll heute noch eine Rolle? Oder seid ihr schon eher gesetzte Herren?
Campino: Das ist eine Definitionsfrage (schmunzelt). Wenn wir auf unserer fast 40-jährigen Wegstrecke die Alten geblieben wären, hätte es uns schon nach fünf Jahren gesundheitlich aus der Bahn gekegelt. Wir sind natürlich reifer und ruhiger geworden. Geblieben ist die Leidenschaft zur Musik.

weekend: Fühlst du dich immer noch als Punk?
Campino: Persönlich ja, aber ich möchte das niemandem erklären müssen. Das ist ein Selbstverständnis, ein Teil meiner Identität.

weekend: Also kannst du mit dem Satz „Wer in jungen Jahren nicht links ist, der hat kein Herz, wer es im Alter noch immer ist, der hat kein Hirn“ nicht viel anfangen?
Campino: Ein Stückweit kann ich den Satz schon nachvollziehen. Ich bin mit meinen Ansichten zwar dem linksgerichteten Lager zuzuordnen, was aber nicht heißt, dass ich nicht gleichzeitig in vielen Bereichen wertkonservativ bin. Das kommt bei mir auch immer stärker raus. Letztlich ist der Punk ja auch zu einer urkonservativen Angelegenheit geworden.

weekend: Punk scheint also ein wenig aus der Zeit ge­fallen. Andererseits sind die „Alten“ noch immer die ­Ticketseller bei den großen Festivals. Ein Widerspruch?
Campino: Es wäre realitätsfremd zu denken, dass Hipster die Toten Hosen abfeiern. Wir sind sicher nicht die Avantgarde. Die Menschen, die zu unseren Konzerten kommen, sind aber sehr durchmischt. Bei uns sind alle Altersschichten und alle Couleurs vertreten.

weekend: Es gibt wenige junge Musiker, die Punk oder Rock machen. Die sind eher im Hip-Hop zu Hause. Warum?
Campino: Ich finde, man kann jungen Rockbands nicht absprechen, dass sie nicht auch aktuell sind, da gibt es auch heutzutage noch ein paar sehr relevante, gute Künstler. Es ist aber sicherlich richtig, dass im Moment eher Hip-Hop-Bands den textlichen Sprengstoff zur gesellschaftlichen Diskussion liefern.

weekend: Du warst ja neben der Musik auch als Journalist und Schauspieler tätig. Im Herbst kommt eine Autobiografie von dir …
Campino: Eigentlich ist es kein klassisches autobiografisches Buch, so etwas wollte ich nie schreiben. Der Ausgangspunkt war meine Sehnsucht nach England und die Liebe zum Fußball. Leider kann ich nämlich viel zu selten Spiele meines geliebten FC Liverpool live erleben. Also habe ich beschlossen, über diese Gefühle ein Buch zu schreiben. Daraus ist dann mehr ­geworden.

weekend: Ordnest du in dem Buch auch gesellschaftspolitische Zusammenhänge ein oder ist es eher eine Fami­liengeschichte?
Campino: Es wird sicherlich aus der Sicht einer Privatperson auch politische Beobachtungen geben, zum Beispiel spielt natürlich aufgrund meiner Familiengeschiche der Brexit eine Rolle.

weekend: Euch gibt es als Band fast 40 Jahre. Denkt man da manchmal auch ans Aufhören?
Campino: Wir befinden uns sicher nicht mehr am Start eines Marathons, sondern sind eher auf der Zielgeraden. Wenn es gut läuft, schließe ich aber nicht aus, dass wir auch noch mit Siebzig auf der Bühne stehen. Es wäre eine schöne Vorstellung, dass man uns immer noch hören will.

Autor: Patrick Deutsch , 23.06.2020