Das krankhafte Vergessen

Eine 62-jährige Frau bemerkt an sich selbst Veränderungen: Sie wird langsamer immer vergesslicher, versucht aber selbst damit zurechtzukommen, es zu überspielen, sucht keine Hilfe. Sie findet sich irgendwann im Beruf nicht mehr zurecht, wird immer verzweifelter und depressiver. Auch in ihrer Beziehung kann sie dies nicht kommunizieren. Die Patientin gerät in einen psychischen Ausnahmezustand, sie schafft es nicht, sich Hilfe zu holen und wird schließlich nach einem Suizidversuch in die Psychiatrie gebracht. In einem längeren Prozess kann die Problematik erfasst und schließlich auch eine Diagnose gestellt werden. In weiterer Folge beginnt die Therapie, sie kann nach Hause zurück, aber nicht mehr in ihren Beruf. Die Diagnose bringt für sie Erleichterung, für die Familie ist es ein Schock, aber in weiterer Folge verleiht sie auch Handlungsmacht. Der Partner kümmert sich um die Frau, auch der Sozialsprengel und eine privat organisierte Unterstützung werden angefordert. Ihre Erkrankung verläuft schwer und schnell, nach etwa zweieinhalb Jahren muss eine 24-Stunden-Pflege angefordert werden, die sie bis zu ihrem Tod betreut.

Dies war einer der schwierigsten Fälle, die Josef Marksteiner, Abteilungsvorstand der Psychiatrie an der Innsbrucker Uniklinik, begleitet hat. Er erklärt, warum die Zahl der Demenzkranken zunimmt: „In Tirol werden die Menschen immer älter. Die Schätzungen liegen zwischen 9.000 und 10.000 Erkrankten. Man geht von 7.000 diagnostizierten Fällen und 3.000 noch nicht diagnostizierten Fällen aus. Die Dunkelziffer liegt bei etwa Prozent. Demenz ist eine altersassoziierte Erkrankung, das bedeutet: Je älter man wird, umso höher wird das Risiko an Demenz zu erkranken: „Das bedeutet aber auch: Je älter die Menschen generell werden, umso mehr Demenzkranke wird es geben. Durch den demographischen Wandel muss also in Tirol wie auch in anderen westlichen Ländern mit einer Zunahme der Demenzkranken gerechnet werden. Ein Hoch wird in den Jahren 2025 - 2030 erwartet, da dann die Babyboomer in ihre 70er kommen,“ so Marksteiner.

Schwung für die grauen Zellen

Ein weiterer Spezialist auf diesem Gebiet ist der in Tirol geborene Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und Vorstand der Österreichischen Alzheimergesellschaft Peter Dal Bianco: „Die Forschung zur Prävention der Alzheimer-Demenz stützt sich zum überwiegenden Teil auf Beobachtungsstudien: Einige groß angelegte Vorbeugungsstudien laufen zurzeit oder sind bereits abgeschlossen. So wurde etwa die Hormonersatztherapie umfassend untersucht; entgegen früheren Vermutungen scheint sie nach aktuellem Wissenstand keine Rolle in der Demenz-Prävention zu spielen,“ erklärt Dal Bianco. Um das Risiko einer Alzheimererkrankung zu senken, empfiehlt der Experte: „Wer bis ins hohe Alter körperlich aktiv bleibt, sich immer neuen geistigen Herausforderungen stellt und ein reges Sozialleben hat, hält dadurch nicht zuletzt seine grauen Zellen in Schwung.“

Eine über fünf Jahre laufende Untersuchung mit 469 über 75-jährigen Teilnehmern kam zu dem Schluss, dass Personen, die mehrmals pro Woche Freizeitaktivitäten betreiben, im Vergleich zu solchen, die dies nur einmal wöchentlich oder seltener tun, ein vermindertes Demenz-Risiko haben.

Keine Pille für die Prävention

Medikamente zur Vorbeugung gibt es laut Peter Dal Bianco nicht, jedoch kann eine gesunde Lebensweise aus medizinischer Sicht zur Prävention einer Alzheimer-Demenz empfohlen werden. Insbesondere gilt dies für Menschen, die unter Vergesslichkeit leiden oder ein erhöhtes familiäres Alzheimer-Risiko aufweisen.

Die sieben Alzheimer-Treiber, das sind Risikofaktoren, nicht Verursacher, wurden in einer neuen Metaanalyse identifiziert, dazu gehören Bewegungsmangel, Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Übergewicht, Zigarettenrauchen, Geringe Ausbildung und geistige Inaktivität und Depressionen.

Eine Alzheimererkrankung stellt für Familienangehörige eine große Belastung dar, die ohne Hilfe von außen kaum zu bewältigen ist. Josef Marksteiner rät Angehörigen, sich entweder an den Hausarzt zu wenden oder aber auch an Angehörigenberatungsstellen der Caritas oder der Volkhilfe-Demenzhilfe. Auch die Gedächtnisambulanzen geben Auskunft. Eine stationäre Aufnahme ist in Einzelfällen zur Diagnosestellung möglich, aber auch bei Überforderung der Erkrankten bzw. der Angehörigen.

Peter Dal Bianco gibt Angehörigen in seinem Buch „Alzheimer“ nützliches Hintergrundwissen http://www.konsument.at/cs/Satellite?pagename=Konsument/Produkt/Detail&cid=318890625585

Auf der Homepage des Experten http://www.memory-clinic.at/ findet man neben weiteren Informationen auch einen Selbsttest.

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Autor: Conny Pipal, 03.11.2016