Corona-Krise: Schreiben Sie sich Sorgen und Ängste von der Seele!

Gerade jetzt können wir alle etwas Ablenkung, kreative Beschäftigung und Trost brauchen. Wie und warum Schreiben dabei hilft, erklärt Verena Halvax im Weekend Interview. Am Ende des Artikels finden Sie außerdem zehn tolle Schreibanregungen.

Weekend: Welche positiven Auswirkungen kann Schreiben haben?

Verena Halvax: Die Schreibtherapie wurde bereits vielfach erforscht. Schreiben hat viele wissenschaftlich belegte Wirkungen: Es verbessert das Gedächtnis, verringert Stress, stärkt das Immunsystem, vermindert negative Stimmungen, fördert Kreativität und Problemlösungskompetenz, verbessert die soziale Intelligenz und vieles mehr. Schreiben verbessert auch die Selbstwirksamkeit – das Gefühl Kontrolle zu haben und nicht Kräften ausgesetzt zu sein, auf die ich keinen Einfluss habe.

Weekend: Warum ist das so? Was macht Schreiben mit uns?

Verena Halvax: Wir führen beim Schreiben einen erweiterten Dialog mit unserem Unterbewusstsein. Während wir viele Themen permanent in unserem Kopf herumwälzen, wird diese Endlosschleife beim Schreiben unterbrochen, denn da müssen wir auf den Punkt kommen. Der Prozess des Schreibens - gerade über Themen und Gefühle, die nicht "gesellschaftsfähig" sind - kann ein Gefühlschaos entwirren und uns der eigenen Person näherbringen. Es ist ein Akt der Echtheit, Wertschätzung und Empathie, wenn wir uns diese Zeit gönnen.

Weekend: In diesem Zusammenhang hört man oft den Begriff "Poesietherapie". Was genau versteht man darunter?

Verena Halvax: Poesietherapie setzt sich aus Bibliotherapie und Schreibtherapie zusammen. Dabei wird Lesen und Schreiben für Selbsterkenntnis, Selbsterforschung und teilweise auch zur Gefühlsregulation genutzt.

Weekend: Also kann auch das Lesen eines Buches etwas in uns bewirken?

Verena Halvax: Ein lustiges oder spannendes Buch kann eine tolle Ablenkung sein. Wenn man mit dem Helden eines Buches mitfühlt, reinigt man sich selber von seinen eigenen Gefühlen und lebt stattdessen die Gefühle des Helden mit. Auch Geschichten, die meiner Situation vielleicht ein bisschen entsprechen, können Hoffnung geben - weil ich merke, anderen geht es auch so und ich bekomme vielleicht auch Beispiele, wie andere mit der Situation umgehen bzw. sie sogar lösen. Lesen ist aber nicht dieselbe intensive Beschäftigung wie Schreiben.

Weekend: Welche Schreibformen sind besonders hilfreich?

Verena Halvax: Das Wesentliche bei der Schreibtherapie ist das expressive Schreiben, das vom amerikanischen Psychologen James W. Pennebaker in den 80er Jahren entwickelt wurde. Es dient zur Bewältigung von emotionalen Belastungen. Dafür nimmt man sich 20 bis 30 Minuten Zeit, um sich mit seinen tiefsten Gefühlen und Gedanken auf ein Ereignis im Leben zu fokussieren, das einen belastet oder aufwühlt. Dann gibt es auch noch das automatische Schreiben, wo man 20 Minuten lang einfach alles niederschreibt, was im Kopf ist - ohne dabei den Stift abzusetzen. Grammatik, Satzzeichen, Formulierung spielen keine Rolle. Es kann auch vorkommen, dass man dann schreibt "Ich weiß nicht, was ich schreiben soll, muss dann kochen, …“. Ziel ist, dass man sich von allem freischreibt. Das entlastet und verbessert die Stimmung. Alles darf unzensuriert rauskommen und dabei kommen auch oft Gefühle und Gedanken aus dem Unterbewusstsein ans Tageslicht. Am besten macht man das gleich nach dem Aufwachen..Ganz besonders profitieren Menschen davon, die jetzt alleine sind oder sich schwer tun, darüber zu reden - weil sie es (zumindest) auf Papier einmal rausgelassen haben.

Weekend: Nicht jeder ist geübt im Schreiben - aller Anfang ist oft schwer. Haben Sie Tipps?

Verena Halvax: Wichtig ist, dass man sich nicht mit seinem Lieblings-Autor vergleicht. Man kann für den Anfang auch einfach nur ein paar Stichwörter aufschreiben. Oder versuchen, sich vorzustellen, man erzählt das einer Freundin - nur halt schriftlich. Mit Phrasen wie "Stell dir vor ..." oder "Hör mal ..." fällt das leichter. Dabei muss man auch gar nicht darauf achten, schön zu formulieren. Man sollte sich selbst keinen Druck machen, sich nicht kritisieren oder hohe Anforderungen an sich stellen. Manchmal helfen auch Vorgaben, ein Gerüst, an dem man sich anhalten kann - wie zum Beispiel beim Haiku (siehe Schreibanregungen).

Schreibanregungen

1. Ein Haiku verfassen: Wie ein Schnappschuss wird bei dieser japanischen Dichtform eine Stimmung, ein Gefühl, ein Moment eingefangen. In drei Zeilen: Erste Zeile: 5 Silben, Zweite Zeile: 7 Silben, Dritte Zeile: wieder 5 Silben, dann eine Überschrift.
Haikus sind immer eine gute Übung, wenn es darum geht, Erlebnisse und Inhalte zu verdichten, zusammenzufassen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Fassen Sie z.B. jeden Abend den Tag in Form eines Haikus zusammen.

2. Freude-Biografie. Beim Blick in die Vergangenheit konzentriert man sich oft auf die negativen Sachen. Richten Sie bewusst den Blick nur auf das Freudvolle und Positive und schreiben Sie eine "Freude-Biografie". Oder: Schreiben Sie ein "Corona-Freude-Tagebuch" mit den Highlights, den positiven oder vielleicht auch glücklichen Momenten des Tages.

3. Gefühle beschreiben: Nehmen Sie eines der folgenden Gefühle und beschreiben es in einer kurzen Szene, ohne das Wort zu nennen. Der Leser müsste es aus dem Verhalten der Person erraten: Wut, Trauer, Angst, Freude, Hoffnung.

4. Satz beenden: Schreiben Sie eine kurze Geschichte, die mit folgendem Satz beginnt: „Ich wollte das nicht so laut sagen, ...

5. Fernsehbeitrag: Stellen Sie sich vor, in einem Jahr erscheint ein Fernsehbeitrag über Sie. Darin wird berichtet, wie Sie die Corona-Krise erlebt/gemeistert haben. Wie würde dieser Beitrag aussehen?

6. Regentagebrief. Schreiben Sie einen "Regentagebrief" an sich selbst: Beschreiben Sie darin, was Ihnen Spaß macht, worin Sie gut sind, welche Menschen Ihnen wichtig sind und was Sie an Ihnen schätzen oder welche Orte für Sie eine Bedeutung haben. Lesen Sie sich diesen Brief durch, wenn Sie einen schlechten Tag haben.

7. Nahrung für die Seele: Was ist in dieser Zeit die wichtigste Nahrung für Ihre Seele? Welche Bücher, welche Lebensmittel, welche Gedanken tun Ihnen gut? Schreiben Sie ein Gedicht darüber.

8. Ein Hoch auf die Freude: Nachstehend finden Sie ein paar Redewendungen, die Freude ausdrücken – fällt Ihnen eine Geschichte ein?
Schmetterlinge im Bauch
Das Herz hüpft
Sonne im Herzen
Im 7. Himmel sein
Die rosarote Brille aufhaben
Auf Wolke Sieben
Die Welt umarmen
Bäume ausreißen können
Grinsen wie ein Honigkuchenpferd

9. Skurrile Wortfindungen: Diese Übung ist von Petra Ganglbauer aus dem Kurs „Schreibpädagogik“ und passt vielleicht zur aktuellen Zeit:
Schreiben Sie zwei Listen mit jeweils 15 Wörtern. Eine Liste mit Obst und Gemüse, die zweite mit medizinischen Begriffen. Dann verbinden Sie jeweils Wörter von der einen mit Wörtern von der anderen Liste. Und nun schreiben Sie einen Text, in dem Sie solche Wörter verwenden. Zum Beispiel: Karotteninfusion, Pillensaft, ...

10. Lieblingsmenschen: Beschreiben Sie einen geliebten Menschen. Vielleicht schicken Sie ihm dann den Text?

Nähere Infos über Verena Halvax und ihre Workshops finden Sie unter:
www.schreiben-als-weg.at

02.04.2020