Warum Menschen mit Charisma so erfolgreich sind

Eine seiner vielen Schlachtensiege errang das Militärgenie Napoleon Bonaparte ganz ohne Armee, Kanonen und Gemetzel. Er siegte mit seinem starken Auftritt. Nach seiner Flucht aus Elba war er vor Grenoble auf ein königliches Bataillon getroffen, das den Befehl hatte, ihn tot oder lebendig aufzuhalten. Der Korse stapfte auf die Truppe zu, riss seinen Mantel auf und schrie: "Ist unter euch jemand, der seinen Kaiser töten will?! Nach einer Schrecksekunde lief die Truppe begeistert zu ihrem alten Chef über. Bis heute ist die Episode ein Musterbeispiel von charismatischer Wirkung.

"Gnade" von oben

Wenn es darum geht, besonders mitreißende Persönlichkeiten der neueren Geschichte zu nennen, fallen unweigerlich die Namen John F. Kennedy, Martin Luther King und Johannes Paul II., Lady Diana oder Barack Obama. Oder auch jener von Apple-Gründer Steve Jobs, der wie kein anderer das visionäre und kreative Unternehmertum verkörperte. John F. Kennedy und Bill Clinton verkörperten etwas anderes - den Sex-Appeal der Macht. "Ich weiß nicht ob's Magie ist oder ein Trick, aber es ist der beste Auftritt, den ich jemals gesehen habe", schwärmte einst Joan Collins nach einer Einladung Clintons ins Weiße Haus.

Unwiderstehlich?

Der US-Psychologe Ronald Riggio hat versucht, diese magische Wirkung auf andere wissenschaftlich zu erfassen. Wesentlich sind laut Riggio die Faktoren "Expressivität", "Kontrolle", und "Sensitivität". Mit Expressivität ist die Fähigkeit gemeint, einzelne Menschen und Gruppen direkt anzusprechen. Die eigenen Gefühle muss der Charismatiker glaubhaft und plastisch ausdrücken können. Die zweite Basiskompetenz ist die unbedingte Kontrolle über sich selbst. Unter "Sensitivität" versteht der Wissenschafter die feinen Antennen für die Wünsche, Stimmungen und Konflikte einzelner Menschen wie auch der jeweiligen Zielgruppe. Es sei wichtig, dass die drei Talente in einem ausgewogenen Verhältnis vorhanden sind, sagt Riggio. Dominiert zum Beispiel der Gefühlsausdruck auf Kosten der anderen Faktoren, entstehe Komik.

Anti-Charismatiker

Das schönste Beispiel dafür lieferte Frank Stronach. Mit seinen verbalen Amokläufen im Wahlkampf zertrümmerte er das visionäre "Ich-führe-euch-in-die-Zukunft"-Image, das die "Frank"-Plakate suggerierten, so gründlich, wie das seine Gegner nie zusammengebracht hätten. Obwohl auch diese nicht in der Lage waren, das Wählervolk von den Sesseln zu reißen. Kanzler Werner Faymann übertreibt - um auf das genannte Schema zurückzukommen - die Selbstkontrolle. Er ist geradezu die Ikone der Vorsicht, was ihm aber immerhin in der Wählergruppe der Pensionisten zur Verehrung gereicht hat. Michael Spindelegger, wollte seine Spin-Doktoren zum "Yes-we-can"-Draufgänger stylen, was trotz redlichen Bemühens im großen und ganzen danebenging. Wunsch und Wirklichkeit lagen da zu weit auseinander.

Landesfürsten & Dorfkaiser

"Die österreichische Parteikarriere fördert nicht gerade den "Hoppla-jetzt-komm-ich"-Typus, sagt der Politikwissenschafter Peter Filzmaier. "Bis sich einer in der Hierarchie nach oben gedient hat, ist er meistens nicht mehr ganz jung und die Persönlichkeit abgeschliffen." Auf der Regierungsebene muss sich der Politiker dann mit Koalititonspartnern arrangieren. Filzmaier: "Da ist ein jeder Charismatiker schnell mal entzaubert." Charisma spiele sich nur dort ab, wo eine "Absolute die freie Selbstdarstellung ermögliche, meint Filzmaier und spielt damit auf Erwin Pröll an. Aber auch Michael Häupl sein ein Beispiel für einen sich geschickt darstellenden Politiker - und so mancher leutseliger Dorfkaiser. Filzmaier: "Auch weil auf dieser Ebene die Mischung aus Realkontakt und Medienauftritt günstig ist.

Die Trickkiste

Womit wir beim Wesentlichen wären. Ronald Riggio hat herausgefunden, dass alle charismatischen US-Präsidenten in ihren Wahlkampfreden doppelt so viele sprachliche Bilder und emotional stark besetze Wörter verwendeten wie ihre heute in Vergessenheit geratenen Gegner. Gute Reden halten ist natürlich nicht alles. Ein Charismatiker spricht mit Körpereinsatz, hat eine große Bandbreite an Gesichtsausdrücken und eine modulationsfähige Stimme. Dazu kommt nich die Fähigkeit zur "Synchronizität" - das ist die instinktive Anpassung an die Gesten und Stimmungen von Gesprächspartnern.

Charisma im Alltag

Kann man sich das alles auch aneignen? Eine nicht gerade kleine Zahl an Ratgebern, Videos und Erfolgs-Gurus sagt geradeaus: "Yes, you can". Zum Beispiel die US-amerikanische Managementberaterin Olivia Fox Cabane oder auch der österreichische Mentaltrainer Manuel Horeth. Der Mentalist vermittelt in seinen Workshops, wie man die unterschwelligen Botschaften entziffert, die ein Gegenüber oder eine Gruppe aussendet. "Jeder von uns kann diese Wahrnehmung trainieren", sagt Horeth.

Rhetorik ist nicht alles

Der Unternehmens-Coach Gabriel Schandl ist skeptisch, was die Erlernbarkeit von Charisma betrifft. Er warnt inständig vor Theatralik. Auch Rhetorik sei nicht alles. "Wer nichts zu sagen hat, dem hilft auch eine bessere Artikulation, weniger "Äh" und eine tiefere Stimme nicht weiter. Umgekehrt gilt: Wem das Herz voll ist, der findet von allein die richtigen Worte." In jedem Fall gilt: Angeboren oder angelernt, Charisma ist ein flüchtiges Etwas. Siehe "Frank."

Autor: Laura Engelmann, 10.07.2017