Thomas Semmler: "Alles steht still!"

weekend: Während Ihre Firmen Thermencheck & Wellcard von den Lockerungen nach dem Shutdown profitieren, steht bei Semtainment mehr oder weniger alles still. Sie kritisieren, dass die Veranstaltungsbranche keine Lobby hat?
Thomas Semmler: Der Sektor war schon vor der Krise ein Haifischbecken, da ist es nun umso schwieriger, ein gemeinsames Sprachrohr zu finden. Es gibt jetzt zwar eine Interessensgemeinschaft, es hat sich aber nichts geändert. „Jeder gegen jeden“ ist das Credo. Wir brauchen unbedingt eine eigene Sparte in der Wirtschaftskammer.

weekend: Warum engagieren Sie sich nicht?
Thomas Semmler: Da müsste man sich politisch beteiligen und das ist nicht unser Stil.

weekend: Sie waren auch bei einer Demo in Wien dabei. Wie war‘s?
Thomas Semmler: Es waren ein paar Künstler dabei, außer mir kein Veranstalter und es ist alles sehr gesittet über die Bühne gegangen. Hätte ich soetwas organisiert, hätte ich Techniker zusammengerufen, wir wären mit zehn Lkw, lauter Musik und Lichtershow durch die Stadt gefahren. Das hätte für Aufmerksamkeit gesorgt.

weekend: Sie haben alle Sommerkonzerte auf der Schlosswiese in Moosburg abgesagt?
Thomas Semmler: Ja und wir werden auch die Herbsttermine absagen. Wir wissen ja nicht, wie es weitergeht. Es gibt keine klaren Ansagen, was ab 1. September Sache ist.

weekend: Viele Veranstalter versuchen neue Konzepte wie Autokino oder Autodisco. Für Semtainment ist das keine Option?
Thomas Semmler: Autokino ist ein netter Gag, aber das hätte man sofort umsetzen müssen. Und Autodisco macht keinen Sinn. Genauso wenig wie Konzerte in Hallen, bei denen die Besucher in Strandkörben sitzen müssen. Das zahlt sich für unsere Konzerte nicht aus. Immerhin geht es ja hier nicht nur um unsere Einnahmen, sondern auch die Menschen, die für uns arbeiten. Die Techniker, die Stagehands, die Caterer - die sind derzeit auch ohne Arbeit und ohne Geld. Viele haben nicht einmal Anspruch auf Kurzarbeit, weil sie Einzelunternehmer sind oder sich mit anderen Arbeiten über Wasser halten müssen.

weekend: Viele Ihrer Kollegen stehen vor dem Aus. Wird Semtainment die Krise überdauern?
Thomas Semmler: Ja, definitiv. Wir haben eine gute Firmenstruktur und brauchen bis auf die Kurzarbeit keine Finanzspritzen vom Staat. Und das obwohl wir normalerweise um diese Zeit schon um die 40.000 Karten verkauft hätten. 60 Prozent der Veranstalter stehen vor dem Konkurs, auch große Firmen, die es schon ewig gibt. Ein abgesagtes Konzert verkraftet normalerweise jede Firma, aber wenn ein halbes Jahr oder noch länger nichts stattfinden kann, dann wird es für viele schwierig. Viele Kollegen haben vielleicht für November und Dezember ausverkaufte Häuser, wissen aber heute noch nicht, ob diese Konzerte auch tatsächlich in der geplanten Form stattfinden werden können. Wir investieren jedes Jahr rund eine Million Euro in die Konzerte, noch bevor wir einen Cent verdient haben. Das heißt, die Stars müssen vorab bezahlt werden, die externen Firmen, mit denen wir zusammenarbeiten und unsere Mitarbeiter.

weekend: Mit der Schlosswiese haben Sie einen großen Vorteil: Kein Terminstau.
Thomas Semmler: Das stimmt. Anders als in der Stadthalle, die ja schon auf drei Jahre im Voraus ausgebucht ist und man jetzt die Konzerte irgendwie reinquetschen muss. Wir holen alle Konzerte und unsere Jubiläumsfeier nächstes Jahr nach. Es kommen die Acts von heuer wie Mark Forster und Seiler & Speer und die neuen, die wir schon für 2021 fixiert haben.

weekend: Trotz der aktuellen Situation lassen Sie sich nicht davon abbringen, das Projekt "Schlosswiese" zu erweitern?
Thomas Semmler: Ja, wir haben viel vor. Es gibt einen EU-Plan mit Gastronomie auf der Wiese, mit einer Naturtribüne, einer Gondel, mit der Künstler vom Schloss auf die Bühne fahren - es ist ein großes Projekt. Auch der Bürgermeister hat viele innovative Ideen bezüglich Ortsentwicklung, Bildung, Infrastruktur - auch an diesen beteiligen wir uns.

weekend: "Nie aufgeben!" Ist das Ihr Credo?
Thomas Semmler: Wir sind Selfmade-Unternehmer. Wir sind in einer 50 Quadratmeter großen Wohnung in St. Paul im Lavanttal aufgewachsen, ich arbeite seit meinem 15. Lebensjahr. Alles was wir haben, haben wir uns selbst erarbeitet. Deswegen weiß ich auch, wie schwer es Techniker, Lieferanten, Stagehands und andere Leute, mit denen wir zusammenarbeiten, derzeit haben.

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Autor: Mirela Nowak-Karijasevic , 01.07.2020