Brausen gehen in Wiens letzte Tröpferlbäder

Freitag war bei Oma Hermine Waschtag. Nicht für Tuchent und Kombinage, sondern für die Oma selbst. Oma Hermine lebte in Penzing in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, ohne Dusche. Wenn sie gefragt wurde, ob man nicht doch eine Dusche einbauen sollte, sagte sie: „Kinder, des zahlt sich doch nicht mehr aus.“ Das ging ­zirka 20 Jahre lang so. Das Tröpferlbad war mehr als nur für die Körperhygiene da. Es war gesellschaftlicher Treffpunkt und Bassenatratsch in einem.

Es tröpfelt nur

Die Gemeinde Wien errichtete 1887 das erste Volksbad in der Mondscheingasse im 7. Bezirk. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 waren es schon 18 Volksbäder, die jedes Jahr von rund 3,5 Millionen Menschen besucht wurden. In dieser Zeit entstand auch der Name „Tröpferlbad“: Weil die Wasserspeicher im Dachgeschoss bei starkem Andrang überbeansprucht wurden, tropfte das Wasser nur spärlich aus den Duschen – das „Tröpferlbad“ war geboren. Rund 5,1 Millionen Menschen zog es im Jahr 1950 noch zur Körperpflege in die historischen Brausebäder, im vergangenen Jahr waren es nur mehr knapp 30.000 Besucher in den verbliebenen sechs Bädern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Wohnungen in Wien zunehmend mit Duschen und Badewannen ausgestattet. Der Gang ins Tröpferlbad wurde somit überflüssig.

Die letzten sechs Bäder

Heute gibt es noch sechs Brausebäder, die neben Duschen und Badewannen auch über eine Sauna verfügen: Das Apostelbad im Dritten, das Einsiedlerbad in Margareten, das Hermannbad in Neubau, das Penzinger und das Währinger Bad sowie das Volksbad 16 in Ottakring. In einigen Städtischen Bädern wie dem Amalienbad, dem Floridsdorfer, dem Brigittenauer und dem Jörgerbad gibt es Brauseabteilungen. Die Brausebad-Kundschaft wird immer weniger. Es kommen noch ­ältere Menschen, die sich ihre Routine nicht nehmen lassen. Kaputte Thermen oder Substandardwohnungen treiben die Menschen noch ins Brausebad. Oder es kommen Arbeiter, die sich vor der Heimfahrt noch schnell waschen wollen. Mit Stundenpreisen von 2,40 Euro sind Wiens Brausebäder nicht ­kostendeckend zu führen. Die Einnahmen aus den Kartenverkäufen decken nicht an­nähernd die Kosten für die Mitarbeiter. Dennoch gibt es seitens der Stadt Wien keine Überlegung eines der sechs Bäder zu schließen. Martin Kotinsky, Sprecher der ­Wiener Bäder: „Grundlos schließen wir kein Bad. Wenn, dann nur wegen ­extremer Baufälligkeit.“ Man kann die letzten sechs Tröpferlbäder ja auch als eine Art Museum betrachten. Ein ­Museum zum Baden.

Tags

Autor: Andrea Burchhart , 29.10.2015