Bischof: Nach jeder Dunkelheit kommt Licht!

weekend: Teilen Sie mit uns Ihre Gedanken zum derzeitigen Ausnahmezustand, der die ganze Welt im Griff hält.
Bischof Marketz: Ostern ist diesmal mit der konkreten Lebensrealität vieler verbunden, es ist existenziell. Menschen haben Angst um ihre Gesundheit, um ihre wirtschaftliche Existenz, um das Leben geliebter Menschen. Das, was rund um uns in der Welt gerade passiert, ist das Thema der Kirche in der Karwoche und zu Ostern. Es geht um die Menschen, die in Angst und Ungewissheit bezüglich ihrer Zukunft auf Jesus schauen können, der dieselben Gefühle am Ölberg vor Gott gebracht hat. Es geht um Einsamkeit in Schmerz, Leid und Tod, wie Jesus sie auf seinem Kreuzweg auch erlitten hat. Und es geht um die auch uns von Gott geschenkte neue Lebenskraft, die das Dunkel der Nacht sprengt und uns Licht am Ende des Tunnels verheißt und sehen lässt. Es kann sein, dass wir heuer länger in der Karwoche verweilen werden und Ostern erst später kommt; aber das Osterfest wird kommen. Nach jeder Dunkelheit kommt Licht.

weekend: Gemeinsame Osterfeste gibt es heuer keine. Was raten Sie Familien?
Bischof Marketz: Wir müssen jetzt an uns und an unsere Mitmenschen denken. Wir können unsere Nächstenliebe ausdrücken, indem wir unser Leben und das Leben anderer nicht gefährden. Das bedeutet, weiterhin konsequent zu sein, zu vertrauen und zu glauben, und dazu gehört auch, die Vorgaben der Experten, der Krisenstäbe und der Regierung einzuhalten. Natürlich ist es mir ein persönliches Anliegen, dass Ostern, das größte Fest der Christen, alle Menschen auch heuer mitfeiern können. Durch die derzeit geltenden Beschränkungen ist es leider nicht möglich, dass wir dies in den Kirchen in Gemeinschaft tun. Ich möchte aber alle motivieren, über den Inhalt des Festes nachzudenken und diese Tage in der häuslichen Gemeinschaft feiernd und betend zu begehen. Gottesdienste können online sowie via Radio und Fernsehen mitgefeiert werden. Auch bieten wir als Kirche eine Vielzahl an Impulsen und konkreten Handreichungen, so dass die Menschen zu Hause in den eigenen vier Wänden beten, Wortgottesdienste feiern und sich über den Glauben austauschen können. Vor dem Palmsonntag wurde z. B. auch eine Sonderausgabe der Kärntner Kirchenzeitung „Sonntag“ mit Tipps zur Gestaltung der Kar- und Ostertage zu Hause an alle Kärntner Haushalte geschickt.

weekend: Glauben Sie, dass die Menschen nun wieder vermehrt in den Schoß der Kirche zurückkehren werden bzw. dass die Institution Kirche in Zeiten wie diesen Halt geben kann und wenn ja, wie?
Bischof Marketz: Die meisten Menschen in Kärnten schätzen das vielseitige Wirken der Kirche aufgrund verschiedener persönlicher Erfahrungen und viele leben sehr intensiv aus ihrem Glauben. Besonders in Krisenzeiten sind viele Menschen auf der Suche nach Halt, nach Kraft, nach Sinn. Der Glaube kann eine Stütze sein, um schwierige Situationen zu überstehen.

weekend:Welche Hilfe bietet die Kirche derzeit?
Bischof Marketz:Viele Menschen wenden sich mit ihren Sorgen und Nöten an die Kirche. Die einen fürchten sich vor der Krankheit, andere haben existenzielle Ängste angesichts der ungewissen wirtschaftlichen Zukunft und erhoffen sich materielle Unterstützung. Wieder andere versuchen Positives in der Krise zu entdecken, durch Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten und der Suche nach neuen spirituellen Dimensionen ihres Lebens und bitten darum, sie ins Gebet einzuschließen. Mit den Sozialleistungen der Caritas und vieler Pfarrgemeinden sowie der spirituellen Unterstützung durch Gebet und Gottesdienste, die über die sozialen Medien auch zu Hause mitgefeiert werden können, versuchen wir als Kirche, gerade in diesen schweren Zeiten den Menschen eine Stütze zu sein. Die Katholische Kirche hat der Caritas einen Fonds zur Verfügung gestellt. Das ist ein Zeichen, dass die Kirche ihren Auftrag verstanden hat und gemeinsam mit vielen anderen auf die Armut hinschaut und etwas dagegen unternimmt. Es geht vor allem um die Hilfe für notleidende Menschen – jetzt, aber genauso in der Zeit danach. Das ist auch ein Signal an die Caritas als kirchliche Institution und deren gute Arbeit. Um alle notwendigen Kräfte zu vereinen, wird außerdem ein runder Tisch aller karitativen Einrichtungen, angefangen von Caritas, Diakonie und Hilfswerk über Initiativen wie Nachbar in Not oder Licht ins Dunkel, und Politik initiiert.

weekend: Immer öfter ist die Rede davon, die Kirche zu öffnen, zu modernisieren, um für verlorene/neue Gläubige attraktiver zu werden. Wie "modern" kann die Kirche überhaupt werden?
​Bischof Marketz: Als Kirche müssen wir gerade in der aktuellen Situation viel Neues in kurzer Zeit lernen. Beim Einsatz von digitalen Medien beispielsweise haben wir einen ganz großen Sprung gemacht. Ich finde es auch für die Zukunft wichtig, dass wir uns weiterhin in den Sozialen Medien stärker bewegen. Wir fragen uns als Kirche natürlich auch, welche Aufgaben in Zukunft Priestern und welche Laien zukommen. Wie wird das Zusammenspiel sein? Ich hoffe doch, dass uns die Erfahrungen aus dieser Krise helfen werden, eine zukunftsfähige Kirche zu entwickeln. Ich traue mir aber wirklich nicht zu, jetzt schon Lehren zu ziehen. Wir stecken noch mitten in der Krise und haben die Gegenwart gut zu verkraften. Da kann ich noch nicht sagen, wie eine neue Gestalt der Kirche ausschauen wird. Aber die Erfahrungen, die wir in der Krise machen, werden uns sehr helfen.

Hier finden Sie den Lebenslauf von Dr. Josef Marketz.

Author: Mirela Nowak-Karijasevic , 09.04.2020