Auf der Straße zuhause

Es ist Samstagmorgen, ein eisiger Wind bläst über den Vorplatz des Bahnhofs. Menschen strömen von den Öffis in Richtung Eingangshalle, nur wenige sitzen auf den Bänken der Cafés und Restaurants. An diesem ungemütlichen Ort treffen wir Daniel: Der 49-jähirge Bulgare lebt seit 14 Jahren in Graz. Einen großen Teil dieser Zeit hat er auf der Straße verbracht, ohne, dass jemand Notiz von ihm nahm. Heute wird er unser Tourguide sein und uns zeigen, wie sich das Leben als Obdachloser in der zweitgrößten Stadt Österreichs abspielt.

Seltene Einblicke. Daniel ist Teil von „Shades Tours“. Das Unternehmen hat es sich zum Ziel gesetzt, mittels Stadtführungen über komplexe Sozialprobleme zu informieren und zu sensibilisieren. Zwei Stunden lang dreht sich dann alles um die Themen „Armut und Obdachlosigkeit“ oder „Flucht und Migration“. So soll ein Verständnis für Randgruppen entstehen und Vorurteile sollen abgebaut werden. Alle Tourguides werden außerdem für ihre Arbeit entlohnt und auch abseits ihrer Tätigkeit unterstützt. „Unser Ziel ist es, dass die Guides ca. zwei Jahre bei uns bleiben und dann den Sprung in ein eigenständiges Leben schaffen“, erklärt Standortleiterin Petra Niederdorfer, die die Tour begleitet.

Unerwartete Barrieren. Daniel ist auf dem besten Weg dorthin: Vor Kurzem war er auf der Armutskonferenz in Salzburg. Er ist gut vorbereitet und motiviert, uns von seinem Schicksal zu erzählen. Den Treffpunkt für die Stadtführung hat er keineswegs zufällig gewählt: „Viele Obdachlose halten sich am Bahnhof auf“, erklärt er. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Zum einen befindet sich die „Arche 38“ ganz in der Nähe. Die Notschlafstelle ist gerade in der kalten Jahreszeit ein wichtiger Treffpunkt und eine Möglichkeit, kurzfristig Unterschlupf zu finden. Zum anderen kann man sich hier vor der Witterung schützen. Und die ist zu jeder Jahreszeit unerbittlich: „Wenn es im Sommer 30 Grad hat, ist es fast noch schlimmer als die Minusgrade im Winter“, so Daniel. Außerdem gibt es WLAN, man kann auf die Toilette gehen und bis spät abends einkaufen. Weil der Bahnhof aber Privatgelände ist, versucht die Sicherheitsfirma der ÖBB ein Herumlungern von Obdachlosen zu verhindern. Daniel zeigt uns etwa die Mistkübel auf dem Gelände: „Die sind extra so gemacht, dass man aus ihnen nichts mehr herausholen kann“, erklärt er. Wenn man genauer hinsieht, fallen einem immer mehr Barrieren auf, die Obdachlose vom Bahnhof fernhalten sollen. „Aber wo soll man sonst tagsüber hin?“, fragt er in die betretenen Gesichter der Runde.

Zufluchtsort. Ein Ausweg ist das Marianum der Caritas. Hier erhalten bedürftige Menschen ein warmes Essen, können sich duschen oder den Computerraum benutzen. Außerdem gibt es einen Arzt, der sich um medizinische Probleme kümmert. „Früher bin ich öfters hierhergekommen“, erzählt uns Daniel. Mittlerweile schaut er nur noch gelegentlich vorbei: Er hat eine eigene Wohnung, macht seinen Schulabschluss nach und spielt in seiner Freizeit leidenschaftlich gern Theater. Eine Wendung, auf die sich viele obdachlose Menschen gar nicht mehr zu hoffen trauen. Dass Daniel dieses Glück hatte, ist nicht zuletzt auch der Unterstützung von Sozialarbeitern zu verdanken. Denn es ist gar nicht so einfach wieder ein Dach über dem Kopf zu erlangen. Für eine Gemeindewohnung muss man etwa mindestens fünf Jahre in Graz gemeldet sein. Eine Obdachlosigkeit unterbricht diesen Meldezeitraum, die Frist beginnt dann wieder von vorne zu laufen. „Es ist ein Teufelskreis“, bestätigt Petra Niederdorfer. Zumindest für Daniel hat dieser ein Ende gefunden. Seine Geschichte hinterlässt dennoch ein beklommenes Herz. Informationen zu den Touren gibt es unter www.shades-tours.com

Obdachlosigkeit in Graz:

  • Ca. 313 Personen sind in der Landeshauptstadt aktuell obdachlos. Das bedeutet, dass sie nirgends offiziell gemeldet sind.
  • Es wird geschätzt, dass 1.800 Personen zudem wohnungslos sind. Das heißt, sie sind zum Beispiel an der Adresse einer Sozialeinrichtung gemeldet, verfügen aber über keinen festen Wohnsitz.
  • 30 Prozent der Obdachlosen sind Frauen
  • bis zu 280 bedürftige Personen erhalten täglich ein warmes Essen im Marienstüberl der Caritas
Autor: Elisabeth Stolzer , 01.07.2020