Alltagshelden in der Krise

Egal ob im Krankenhaus, im Altersheim oder in der mobilen Betreuung – die Pflege hat eine schwere Zeit hinter sich. Überstunden, das Arbeiten mit Schutzausrüstung sowie neue Verhaltensregeln im Umgang mit Patienten zehrten an den Kräften des Pflegepersonals. Susanna Reisinger, Sprecherin der steirischen Pflegedirektorinnen im ÖGKV meint: „Es liegen auf jeden Fall intensive Monate hinter uns. Die Tage im Krankenhaus waren geprägt von Besprechungen über die Aufnahme von Patienten, das richtige Tragen der Schutzkleidung oder die neuen Maßnahmen der Regierung.“ Eines war jedoch laut ihr immer gesichert: die Versorgung durch Pflegekräfte. Auch Andreas Herz, Obmann des Fachverbandes für Personenbetreuer in der WKO, kann dies bestätigen: „Obwohl oft etwas anderes mitgeteilt wurde, hat auch die 24-Stunden-Betreuung während der Coronakrise immer funktioniert.“ Herz war unter anderem daran beteiligt, Züge von Rumänien nach Wien zu organisieren, um Heimhilfen nach Österreich zu bringen.

Zukünftiger Mangel. Derzeit kann Österreich aufatmen – die Versorgung durch Pflegekräfte ist garantiert. Doch das könnte sich schon in naher Zukunft ändern. Der Grund dafür liegt in der demografischen Entwicklung: Die Menschen werden immer älter. Laut einem Bericht des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung, der 2019 erschienen ist, werden 2030 österreichweit ca. 24.000 Betreuungs- und Pflegepersonen mehr benötigt als im Jahr 2016. Dabei steht Susanna Reisinger vor allem der Anzahl der Studienplätze ür die neue Ausbildung Diplomierter Gesundheits- und Krankenpfleger kritisch gegenüber. Künftig werden diplomierte Krankenpfleger an Fachhochschulen ausgebildet, doch diese starten mit wenigen Ausbildungsplätzen. „Dieses System sollte überdacht werden. Gibt es weniger Pfleger, kann es sein, dass solch eine Krise in fünf Jahren nicht mehr bewältigbar ist“, so Reisinger. Und Andreas Herz meint: „Eine höhere Ausbildung ist immer gut, doch wir brauchen insbesondere Fachkräfte, die am Bett, am Klienten arbeiten können.“

Taten statt Worte. Damit es jedoch nicht zu solch einem Szenario kommt, müssen Taten statt Worte folgen. Neben genügend Ausbildungsstätten braucht es eine adäquate Bezahlung, für die der Pflegesektor schon lange kämpft. Susanna Reisinger zieht demnach etwas Positives aus der Krise: „Corona hat gezeigt, dass Pflegekräfte unabkömmlich für das System sind.“ Laut Reisinger hat die Pflege ihre eigene Wichtigkeit erkannt: „Die Zeiten, in denen Pfleger nur Hilfskräfte von Ärzten waren, sind vorbei. Viele Pflegekräfte wissen nun, dass sie jene Verantwortung übernehmen können, für die sie ihre Ausbildung absolviert haben.“

Wünsche. Susanna Reisinger wünscht sich in der Zukunft der Pflege, neben einem fairen Lohn, vor allem eine passende Berufsbezeichnung: „Es braucht eine wertschätzende Bezeichnung, die für Personal und Patient lebbar ist.“ Aus der Krise erhofft sie sich außerdem, dass alle Personalverantwortlichen die Wichtigkeit der Pflege erkennen und auch nachhaltig daran denken. „Ich wünsche mir, dass die Pflege jene Verantwortung übernimmt, die ihr durch ihre Ausbildung zusteht. Dies könnte auch ein Ansporn für junge Menschen sein, einen Beruf in diesem Sektor zu ergreifen.“

Interview: Andreas Herz, Obmann des Fachverbandes der Personenbetreuer WKO






Sie waren daran beteiligt, Züge von Rumänien nach Wien zu organisieren, um die 24-Stunden-Betreuung zu gewährleisten. Ihr Fazit?

Der Transport funktionierte super, es gab eigentlich keinerlei Probleme. Alle Heimhilfen wurden natürlich bei der Einreise in Österreich auf das neue Virus getestet. Leider gab es auch einige positiv Getestete, die sicher in ihre Heimat zurückgeschickt wurden. Der Zug wurde ja vor allem deswegen organisiert, weil es keine andere Reisemöglichkeit gab, weder Bus noch Flugzeug. Doch dadurch, dass Rumänien und Ungarn ihren Corona-Notstand gelockert haben, nähern wir uns wieder dem Normalbetrieb und das Personal kann wieder leichter nach Österreich gebracht werden. Prinzipiell ist auch in der Krise weiterhin alles über die unterschiedlichen Agenturen gelaufen, wir haben nur die Rahmenbedingungen vorgegeben, um die Pflegekräfte nach Österreich zu bringen.

Welcher Plan wird bei einer zweiten Welle verfolgt?

Natürlich hoffen wir, dass es keine zweite Welle geben wird. Deswegen wurden ja all diese Maßnahmen ins Leben gerufen, um dies zu verhindern. Sollte es doch zu einer weiteren Welle kommen, könnte ich mir vorstellen, dass diese eher einzelne Bundesländer oder Regionen betrifft – dann müsste vor allem auf regionaler Ebene gehandelt werden. Andererseits glaube ich, dass wir gut vorbereitet sind, weil wir aus der jetzigen Situation gelernt haben. Wir haben so eine Krise schon einmal geschafft und wissen um die Organisation, die es braucht.

Wie könnte einem bevorstehenden Mangel an Pflegekräften entgegengewirkt werden?

Einerseits ist es wichtig vorzusorgen. Je länger die Menschen auch im hohen Alter gesund bleiben, desto später sind sie pflegebedürftig. Optimal wäre es natürlich, die Anzahl an Pflegebedürftigen minimal zu halten. Andererseits muss daran gedacht werden, wo, wenn nicht schon innerhalb des eigenen Landes, international gute Pflegekräfte zu finden sind. Und last but not least braucht es gute Ausbildungsstätten, die genügend Ausbildungsplätze aufweisen. Es gibt ja immer noch die Möglichkeit, die Ausbildung in eine Lehre umzuwandeln – vielleicht passiert das ja noch.

Autor: Teresa Frank , 08.06.2020