40 plus: Was nun?

Ein Sportwagen samt Blondine, eine Tätowierung und ein halsbrecherisches Hobby für den Mann um die 50, einen Toyboy und ein Facelift für die Frau in den Vierzigern - kaum eine Lebensphase ist mit mehr Klischees behaftet, als die sogenannte Midlife-Crisis. Tatsächlich gibt es aber viele Gründe, warum die "Generation 40 plus" drauf und dran ist, gewaltig durchzustarten.

Mythos Midlife-Crisis?

Die gute Nachricht zuerst: "Die Midlife-Crisis halte ich für einen Mythos", sagt Carola Iller, die sich an der Kepler Universität Linz unter anderem der Altersforschung widmet. Lebenskrisen können in allen Lebensaltern vorkommen. Bilanz zu ziehen und sich Gedanken über die zweite Lebenshälfte zu machen sei legitim und normal - und nicht gleichbedeutend mit einem Einschnitt oder einer Krise, so Iller. Wenn berufliche, familiäre und finanzielle Ziele erreicht wurden, halten viele Mittvierziger zwar mehr oder weniger zufrieden Rückschau, blicken jedoch mit Unbehagen in die Zukunft: "Was kommt jetzt noch?" Jetzt oder nie - dämmert es vielen, die einen Berufswechsel oder die Familienplanung noch verwirklichen wollen. "Eine große Herausforderung ist, dass sich das Bild vom Älterwerden stark verändert", sagt Iller. "Wir haben davon aber keine Idealvorstellung, es fehlt an Erfahrung, denn die Generation zuvor hat völlig anders gelebt. Das kann verunsichern und auch Angst machen", so die Altersforscherin.

Glückskurve

Dabei sind die Best Ager in Sachen Glücklichsein vorn dabei. Weltweite Studien zeigen, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit bei Männern und Frauen bis Mitte 40 sinken, nach dieser "Talsohle" aber steil ansteigen. Am glücklichsten sind Menschen zwischen dem 58. und dem 77. Lebensjahr.

Reich und sexy

Im Zentrum dieser Generation steht der Genuss - das gilt sowohl für Reisen und Kulinarik als auch für das Sexualleben. Nach dem Motto "Qualität vor Quantität" erfreuen sich Männer und Frauen ab 50 in Umfragen eines aktiven und lustvollen Liebeslebens. Anders als ihre Vorgänger, sind die "neuen Alten" bereit, ihr Geld auch auszugeben. Denn davon hat die reichste Generation aller Zeiten mehr als genug. Neben einem guten Einkommen und noch relativ hohen Pensionen, ist das zu erwartende Erbaufkommen eine wesentliche Einnahmequelle. Im Zeitraum von 2010 bis 2020 werden in Österreich 115 Milliarden Euro an Geldvermögen vererbt - dazu kommen noch Immobilienwerte um rund 100 Milliarden Euro.

Keine Angst vor morgen

Dennoch ist für die 40 plus-Generation auch der Gedanke an die Pension ein Thema. Ob Statistiken, Medien, Politik - es gibt kaum jemanden, der von einer gesicherten Pension ausgeht. Zwischen den Zeilen liest ein heute 45-Jähriger heraus, dass er entweder keine oder eine klägliche staatliche Pension erhalten wird - sofern er nicht ohnehin bis zum 70. Lebensjahr arbeiten muss. Der Zukunftsforscher und Autor des Buchs "Die Zukunft der 50-Plus-Generation", Christian Hehenberger, sieht keinen Grund zur Sorge: "Es ist immer wieder die Rede von einer Überalterung der Gesellschaft. Der Tenor lautet: Wenn keine jungen Arbeitnehmer aufgrund sinkender Geburtenraten nachfolgen, wer soll dann das Pensionssystem am Laufen halten? Das ist Unsinn!", so Hehenberger, der von einem Bevölkerungswachstum ausgeht. "In den nächsten Jahren wird die Bevölkerungszahl - und damit auch die Zahl der Erwerbstätigen - durch legale Einwanderung steigen. Vor allem aus Spanien wird qualifiziertes Personal zu uns kommen. Die Bevölkerungszahl steigt in Österreich jetzt schon stetig. Dadurch sind unsere Pensionen gesichert." Eine höhere Lebenserwartung bei guter Gesundheit bedeutet auch noch sehr viele Jahre nach der Pension auszufüllen. Das eröffnet Chancen und Möglichkeiten. "Offen bleiben, Pläne machen oder vielleicht eine neue Sprache lernen. Diese Dinge halten geistig fit, wie Studien nachweisbar belegen", weiß Altersforscherin Iller.

Zielgruppe 40 plus

Obwohl die "Best Ager" die Mehrheit darstellen und auch in puncto Vermögen die Nase vorn haben, sind sie (noch) nicht im Visier der Werbewirtschaft, die noch immer an den 14- bis 49-Jährigen festhält. Auch die Politiker - die paradoxerweise im gleichen Alter sind - übersehen vor allem die 50- bis 60-Jährigen. Tatsächlich wird die Politik aber von dieser Wählergruppe bestimmt, die sich ihrer Macht bewusst ist. Diese Macht resultiert aus einer hohen Zahl an Wahlberechtigten. Zudem ist das Interesse an Politik sowie die "demokratische Pflicht" an Wahlen teilzunehmen, in dieser Wählergruppe stärker ausgeprägt, als bei den Jungen.

Neuer Fremdkörper?

Dass das Leben "endlich" ist, wird in der Lebensmitte auch körperlich spürbar. Ähnlich wie in der Pubertät verändert sich der Körper, und das lässt auch die Psyche nicht kalt. Beim Mann sinkt der Testosteronspiegel, Fettpölsterchen ersetzen Muskeln, das Haar wird oft schütter und grau. In der sogenannten Andropause, den "männlichen Wechseljahren", verspüren viele Männer einen Verlust an Vitalität, Leistungsfähigkeit und Potenz. Mit sinkendem Östrogen haben Frauen bereits vor der Menopause zu kämpfen. Haut und Muskeln erschlaffen, die Knochendichte nimmt ab, "frau" nimmt schneller zu. "Kleine Weh-wehchen" häufen sich bei den Geschlechtern. Auch die Wahrnehmung verändert sich. Die Leistung der Sinnesorgane lässt nach, ebenso die Feinmotorik. Ärzte attestieren Menschen ab 40 eine erhöhte "Störanfälligkeit" bei Reizüberflutung und Ablenkung. Unser Gehirn verliert zehn Prozent seines Gewichts. Dennoch können wir geistig fit altern. Untersuchungen haben gezeigt, dass die "kristalline Intelligenz" - also Wortschatz, Allgemeinwissen und Erfahrung - bis ins Alter stabil bleibt oder sich sogar weiterentwickelt, wohingegen die "fluide" Intelligenz - Schnelligkeit der Wahrnehmung und Reaktionszeit - mit zunehmendem Alter abbaut. Doch was beängstigend klingt, hat auch positive Aspekte. Die Hormonumstellung bewirkt eine neue Form der Gelassenheit mit dem Leben umzugehen. Es ist auch kein Zufall, dass viele Ältere in der Disziplin Marathon erfolgreich sind. Denn hier sind Ausdauer und mentale Stärke wichtiger als reine Muskelkraft. Zudem fühlen sich die meisten Best Ager statistisch 14 Jahre jünger, als sie sind,. Die "Sturm-und-Drang-Phase" des Lebens weicht im Idealfall "der Weisheit durch Erfahrung".

Wendepunkt

Also alles nur Klischee oder doch auch ein Körnchen Wahrheit? Die Symptome der sogenannten "Midflife-Crisis", können auch in einem anderen Licht betrachtet werden. Denn sich einen lang gehegten Traum erfüllen - und sei es der Sportwagen oder eine Abenteuerreise - kann nicht falsch sein. Altersforscherin Iller: "Das Rollenverständnis zum Altern hat sich geändert. Das Leben ist nicht vorbei, sondern ein neues Leben beginnt."

Autor: Laura Engelmann, 04.07.2017