Zurück auf die Schulbank: Judith Raab

Die komplette Serie können Sie in der aktuellen Ausgabe der CHEFINFO nachlesen.

Ein System mit gezielter Förderung, wie sie selbst es genoss, wäre für Judith Raab ein richtiger Schritt.

Welche Schülerin waren Sie bzw. gingen Sie gerne zur Schule?

Ich liebte die Schulzeit und war eine begeisterte Schülerin, aber keine Streberin, war oft vorlaut. Ich hatte einfach die richtigen Lehrer, die mich gefördert und mein Talent optimal entfaltet haben. Heute beschäftige ich mich beruflich mit Talenteförderung.

Was war das Geheimnis an Ihrer Schule?

Es ist ganz einfach, Bildung ist Beziehungsarbeit. Wenn es Lehrkräfte schaffen, eine Beziehung aufzubauen, dann ist das ein riesiger Motivationsschub. Der Lehrer nimmt die Schüler ernst, gibt ihnen Wertschätzung, Anerkennung und Lob. Das kostet keinen einzigen Euro. Die Schule, wie sie heute ausgestaltet ist, ist komplett beziehungsfeindlich. Die Lehrer hetzen hin und her, der Klassenvorstand ist oft nur eine Stunde pro Woche in der Klasse, das ist keine Beziehung. Die jungen Menschen brauchen aber die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten und Probleme zu lösen, das ist derzeit überhaupt nicht der Fall.

Was wäre dann die ideale Schule?

Es gibt nicht diese eine Organisation, es gibt tausende Wege. Die derzeitige Diskussion Gesamtschule kontra Gymnasium ist nur Klassenkampf, das sind ideologische Grabenkämpfe. Wir haben eine rote Bildungsministerin und einen schwarzen Chef der Lehrergewerkschaft, deshalb geht nichts weiter. Auch die Teilung Hauptschule oder Gymnasium ist ein Wahnsinn. Wie soll ein 10-Jähriger entscheiden können? Das machen dann meist die Eltern. Deshalb bin ich vom Konzept der mittleren Reife überzeugt. Unser derzeitiges Schulsystem funktioniert nur dort, wo es Eltern gibt, die dahinterstehen, und Lehrer, die überengagiert sind. Das Konzept der verschränkten Ganztagsschule wäre ein Anfang. Die Schüler sollten nach der Schule nichts mehr mit der Schule zu tun haben. Unser aktuelles System stammt aber aus dem 19. Jahrhundert. Wenn Sie heute einen Menschen aus dem 19. Jahrhundert aufwecken könnten und in unsere Welt stecken, würde sich der überhaupt nicht zurechtfinden. Stellen Sie ihn in eine Klasse, dann wird er damit kein Problem haben.

Welche Eigenschaften müsste man den Kindern heute mitgeben?

Kinder, die heute in die Schule gehen, werden Berufe ausüben, die es heute noch nicht gibt. Kreativität, Innovation, die Fähigkeit, eigenständig Probleme zu lösen, Dinge miteinander zu verbinden, das sind die Fähigkeiten, die wir brauchen. Pflichterfüllung und Bulimiewissen, also Wissen, das nach dem Erlernen wieder ausgeschüttet wird, sind nicht mehr zeitgemäß. Wenn wir nicht gerade unwissentlich auf einer riesigen Erdölquelle sitzen, sind kreative Köpfe unsere einzige Ressource. Doch unser Schulsystem ist vergleichbar mit einem Viertelanschluss in einer digitalen Welt.

Braucht es mehr Geld, um effiziente Bildung anbieten zu können?

Nein, wir haben ohnehin schon eines der teuersten Systeme bei dürftigem Output. Rund 1.000 Schüler pro Jahr verfügen über keinen Schulabschluss, jedes vierte Kind kann nicht mehr sinnerfassend lesen. Die einfache Frage an die Schüler „Was taugt euch?“ würde schon Talente freilegen. Ganz entscheidend sind Investitionen in den Kindergarten und die Volksschule. Hier wird die Basis für den weiteren Weg gelegt. Es gibt den Faktor 1 : 12, das heißt, dass ein Euro, der in diese Basis investiert wird, später 12 Euro erspart, etwa bei AMS-Kursen, wo „Lebenskompetenz“ gelehrt wird, also Basics wie Pünktlichkeit und Co.

Hat Sie die Schule politisch geprägt?

Nein, das kam erst mit dem Studium und vor allem beim Lernen des Verfassungsrechtes. Ich war dann in der ÖVP aber nie glücklich damit. Mein Bruder ist zwar Bürgermeister in Hofkirchen, aber ein echter Rebell. Meine Motivation, mich politisch zu engagieren, war in erster Linie mein Kind. Ich möchte nicht, dass es einmal heißt: „Mama, wieso habt ihr damals nichts getan?“

Wordrap

Welche Art Schülerin waren Sie?
Ich war nie leise oder gar eine Streberin. Als Klassensprecherin war ich die „Bandenchefin“ und habe immer meine Meinung gesagt.

Hatten Sie einen Lieblingslehrer?
Herrn Hofinger in Deutsch und Frau Pinter in Turnen.

In welcher Rolle sehen Sie Lehrer heute?
Als eine Art Begleiter, eine Art Coach.

Was halten Sie von der Akademisierung der Lehrberufe?
Im Kindergarten und in der Volksschule ist eine hochqualitative Ausbildung absolut notwendig.

Zur Person

Judith Raab (46) stammt von einem Bauernhof und war die Erste in der Familie mit Studienabschluss (Jus an der JKU). Sie baute an der Uni u. a. die Kepler Society auf. Danach wurde sie Geschäftsführerin der Int. Akademie Traunkirchen, einer Denkfabrik Anton Zeilingers. Dort betreibt sie Begabtenforschung.

Autor: Gerlinde Vierziger, 27.02.2015