Siegfried Nagl spricht Klartext – Teil II

Ihnen ist das Thema Religion sehr wichtig. Viele – vor allem linksgerichtete Parteien – sagen, Religion sei komplett sinnlos. Warum ist sie wichtig? Warum braucht man Religion – egal, welche?

Im Laufe seines Lebens kommt jeder Mensch drauf, dass er mit seinem Egoismus und mit sich selbst alleine irgendwann nicht mehr weiter kommt. Deswegen gibt’s ein paar Werte, für die ich eintrete. Einmal für die Familie, denn diese sog. „Keimzelle der Gesellschaft“ gibt jedem Menschen Chance und Schutz zugleich. Die darüber liegende nächste Gemeinschaft ist das Dorf oder die Stadt. Auch da ist die Volkspartei Gottseidank die absolute Nummer Eins. Ich habe mir erlaubt, bei der letzten Auftaktveranstaltung zur Gemeinderatswahl auch ganz kurz zu zeigen, dass von 2350 Bürgermeistern in Österreich über 1700 der ÖVP zuzuordnen sind, gefolgt von der zweitstärksten Kraft in Österreich, der SPÖ, die knapp über 500 Bürgermeister hat. Die FPÖ hat's, glaub ich, zustande gebracht, dass sie in ganz Österreich 28 Bürgermeister stellt. Das entspricht, wenn ich so sagen darf, nicht einmal einem Prozent. Aber zurück zur Frage: Das ist auch die Frage, wie kann das Leben überhaupt gelingen? Jemand, der Sinn im Leben sucht, jemand, der ein Leben für sich und die Seinen meistern will, der kommt unweigerlich auch zum Thema Spiritualität und Religion. Ich schreibe niemandem seine Spiritualität und seine Religion vor. Ich kann nur jedem Menschen wünschen, dass er sich damit beschäftigt. Weil ihn das erst richtig stark macht. Und in dieser Zeit, in der wir jetzt leben, in der es rundherum so kracht und es so fürchterlich um das Leben so vieler Menschen bestellt ist, muss man aus irgendetwas heraus auch Hoffnung schöpfen können. Das ist für mich Religion und für viele, viele Menschen auch. Es ist ja Wahnsinn, wenn du dich heute in die Seelen und die Köpfe vieler junger Menschen hineindenkst. Das ist übrigens etwas, das auch die Politik wieder stärker brauchen würde: Ein bisschen mehr Empathie. Das Wort ist ja ein wenig in Vergessenheit geraten, es bedeutet das Sich-Hineindenken und Hineinfühlen in andere. Ein junger Mensch von heute erlebt, im Vergleich zu meiner Jugend, an allen Ecken und Enden Konflikte. Und zwar in einer Grausamkeit ausgetragen und über die Neuen Medien stündlich ins Wohnzimmer oder aufs Handy geliefert … Die Verbrennung und Enthauptung von Menschen, auch aus einem religiösen Konflikt heraus … Wir sehen eh nicht alles jeden Tag. Aber die Dosis genügt dennoch. Seit acht Jahren hören die Menschen ja auch nur mehr Krise, Krise, Krise. Wie sollen die zuversichtlich und von Hoffnung und Freude getragen in ihr Leben hineinstarten? Dazu kommt, was die Neuen Medien auch mit sich bringen. Wenn ich mir anschaue, wie Jugendliche im Netz diskriminiert werden … Also: Wir haben fast keinen Halt mehr für unsere jungen Menschen und damit für unsere Gesellschaft. Und Religion, Spiritualität, die Suche nach dem wirklichen Lebenskern kann dabei helfen, dass man das halbwegs meistert. Das ist der Grund, warum mir Religion so wichtig ist.

Kurz nach den Anschlägen in Paris haben Sie gefordert, das Glaubensbekenntnis am Meldezettel wieder einzuführen. Das ist von einigen Kommentatoren mit großer Irritation aufgenommen worden. War das unter dem Eindruck der Geschehnisse oder ist das tatsächlich ein langgehegter Wunsch?

Das ist ein langgehegter Wunsch. Mittlerweile läuft ja soviel unter dem Aufhänger „Datenschutz“, dass ein Bürgermeister oder eine Gemeinde in vielen Bereichen nicht mehr über die Bürgerinnen und Bürger Bescheid weiß. Das haben ein paar in die falsche Kehle bekommen oder in die falsche Kehle bekommen wollen. Warum ich’s für die Stadt Graz oder für alle Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gerne möchte: Falls es religiöse Konflikte gibt, versuchen wir, auf die Menschen im Positiven einzuwirken. Damit zum Beispiel der Dialog zwischen Religionen erhalten bleibt. Hab ich zum Beispiel einen Konflikt, weiß ich nicht einmal, wem ich einen Brief schreiben kann. Ich weiß nicht, an wen ich mich persönlich richten kann. Früher habe ich das gewusst: Wer ist Muslim, wer ist römisch-katholisch, wer ist Buddhist, wer gehört der jüdischen Glaubensgemeinschaft an? Ich konnte mich an diese Bürgerinnen und Bürger wenden, um mitzuhelfen, dass Konfliktlösung gelingt. Ich kann’s jetzt nicht. Weil ich nicht einmal mehr weiß: Wer ist überhaupt Muslim in meiner Stadt? Oder gehört sonst einer Religion an? Das äußere ich seit Jahren. Das Problem wird auch in anderen Bereichen deutlich: Wir wissen immer weniger, die NSA weiß aber alles. Das ist etwas eigenartig gelagert. Während Obama alles weiß, wissen die Bürgermeister immer weniger.

Dschihadisten in Graz: Was wissen Sie über die?

Wir stehen ununterbrochen in Kontakt auch mit dem Innenminsterium und den Sicherheitsbehörden, in diesem Fall ist das die Polizei …

Die sagen ja zum Beispiel, der Volksgarten sei sehr unsicher.

Selbstverständlich gibt’s dort in der Nacht immer wieder Problemsituationen. Und die sind so zustande gekommen – und das ist ja auch der Grund, warum wir dran arbeiten müssen – dass halt vor allem unbegleitete, minderjährige Asylwerber dort wohnen, die wir ja hier selbst zuhauf dort angesiedelt haben. Alle in dieselben Häusern. Ich bleib noch kurz dabei, das müssen Sie sich auf der Zunge zergehen lassen: Gebäude, in denen hundert junge Menschen quasi ohne Begleitkonzept, ohne Chance auf Arbeit, hingekommen sind, alle in den Straßenzügen Keplerstrasse und Mariengasse. Dort haben plötzlich Zuwanderer Häuser gekauft, in die bis zu 150 Leute einquartiert wurden, oft direkt nebeneinander. Da hat man, wenn ich so sagen darf, ein Ghetto geschaffen – und diese Jugendlichen haben leider begonnen, sich in das Drogengeschäft einzumischen und haben sich gegenseitig – von den Nationen her – bekämpft. Wir wissen, dass das in erster Linie die Nationen Afghanistan, Pakistan und Tschetschenien sind. Die haben sich auch Schlachten geliefert …

… Schlachten geliefert?

… ja, die haben sich Schlachten geliefert. Bei denen die Polizei selbst schon am Verzweifeln war. Es ist ja auch die Polizei zu uns gekommen, weil sie das Problem nicht alleine mit Polizeimitteln lösen konnte. Das muss man sozial mitlösen, über die Integrationsfrage mitlösen, und wir tun es gemeinsam. Wir haben uns ein Problem geschaffen und wir versuchen gerade, es aufzulösen. Da braucht man nichts schönreden. Das heißt aber nicht, dass Grazerinnen und Grazer, die da schon seit Jahren wohnen, jetzt dort in diesen Streit hineingeraten. Das sind nur diejenigen, die sich selbst, wenn ich so sagen darf, im Zuge des Verteilungswettbewerbes miteingebracht haben. Die haben sich auch zum Teil gegenseitig verletzt, schwer verletzt, und sorgen damit natürlich für einen fürchterlichen Ruf. Dem muss man begegnen. Wir arbeiten sehr intensiv mit der Polizei daran, wieder zur Normalität zurückzukommen. Gerade die Grazer Polizei hat federführend in ganz Österreich zum Beispiel bei den Dschihadisten mitgewirkt, dass es zu Razzien, zu Anklagen und zu Gerichtsverfahren kommt. Ich glaube also, wir haben hier in Graz eine sehr aufmerksame und sehr erfolgreiche Polizeiarbeit. Die werden wir auch fortsetzen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Wenn du nicht im Dialog mit den Religionsgemeinschaften bist, weißt du nicht, was los ist – und wir haben einen sehr guten Dialog mit den Muslimen in Graz, von denen es sehr viele gemäßigte gibt, die uns warnen können, wenn sie in ihren eignen Reihen Fundamentalisten und Dschihadisten entdecken. Das ist wichtig: Wenn ich die Brücken abbreche, weil die alle für mich – wie’s die FPÖ gerne will – außer Landes gehören, dann werd’ ich auch nichts ändern können. Keine Religionsgemeinschaft lässt sich von außen her verändern. Das gilt auch für uns Christen. Ich weiß ja, wie viele ununterbrochen versuchen, dem Vatikan zu sagen, dass er sich zu verändern hat. Religionsgemeinschaften aber verändern sich von innen heraus. Darum ist der Dialog auch so wichtig in der Integrationsdebatte. Warum versuche ich so, diesen Dialog, den Alfred Stingl begründet hat, fortzusetzen? Ich habe den Rat der Religionen gegründet, wir reden im Rathaus drüber, was wir verbessern können, und warnen, wie auch viele Muslime: Wenn man sich die Religionsgemeinschaft zum Feind macht, hat man keine Chance. Also bleiben wir in einem Dialog, dann erfahren wir auch vieles, was dort nicht klappt. Der Islam muss sich von Innen heraus ändern. Und es ist ja schon interessant, zum Beispiel in Jordanien zu sehen, wie die dortigen Muslime sagen: Jetzt muss Schluss sein.

Soviel zu Dschihadisten. Es gibt welche in Graz, und man beobachtet sie. Sorge tragen und beobachten tut man auch in der Elisabethstraße. Das Fazit Ihrer jüngsten diesbezüglichen Umfrage scheint zu sein: Die Lokale dürfen wieder unbegrenzt offen halten, dafür kommt ab und zu 'mal ein Nachtbus, eine Polizeistreife in die Nebengassen und ein Müllwagen mehr vorbei. Haben wir das richtig verstanden?

Wenn ein Karren so verfahren war … Das Thema wurde auch wieder medial von einigen viel stärker ausgetragen, als tatsächlich vor Ort spürbar ist. Journalismus neigt dazu, die Dinge so aufzukochen, dass die Politik leider den Fehler macht, täglich in kleinen Scheibchen zu korrigieren und zu verändern. Ich bin draufgekommen, dass beim Thema Univiertel irgendetwas überhaupt nicht mehr funktioniert. Auch in der Kommunikation. Hab also das gemacht, was alle Menschen tun sollen, wenn sie vor einem schwer lösbaren Problem stehen. Einen Schritt zurück machen und zu sagen, jetzt möchte ich gerne von den Menschen, die dort leben, wissen, wie’s ihnen geht. Man nennt das – Bürgerbeteiligung! Ich habe einfach alle gefragt, die dort leben … und siehe da, es ist genau das herausgekommen, deshalb darf ich das auch so frech verkünden: Die Medien haben mehr Trara daraus gemacht, als es wert war.

Es sind nicht alle angetroffen worden, nicht alle haben geantwortet.

Stimmt gar nicht. Wir haben alle dreimal besucht, es wurde bei der dritten Kontaktaufnahme noch einmal jedem die Möglichkeit gegeben, mit uns in Kontakt zu treten. Wenn jemand nicht mitmacht, heißt das nicht, dass ich ihn nicht erreicht habe. Sondern wir waren bei allen, wir haben allen die Möglichkeit gegeben. Es gibt auch keine Kritik am Ergebnis, auch von den BürgerInnen nicht, abgesehen von ein paar Hardlinern, die diesen Kampf aufgeschaukelt haben. Wenn von 4.000 Bewohnerinnen und Bewohnern nur zwischen 50 und 150 Personen ein jeweils spezifisches, wenn auch großes Problem haben, und der Rest mit der Lebensqualität sehr zufrieden ist, haben wir festzustellen: Wir haben uns treiben lassen. Jetzt setzen wir punktuell an. Denn ich weiß jetzt Wohnungs- und Hausgenau, wer welche Probleme hat. Wir werden auch auf die, die dort Probleme haben, zugehen, aber ich brauch nicht mehr alle über einen Kamm scheren. Ich habe den Patienten auf den Operationstisch gelegt und hab einmal ein Vollscreening gemacht, ich weiß jetzt, woran’s dort fehlt. Ich brauche kein generelles Medikament, dass der ganze Organismus dort schlucken muss, sondern ich werde dort mit Akupunktur versuchen, die Probleme zu lösen. Was im Übrigen auch möglich und viel billiger ist. Wir sind zum Beispiel draufgekommen, dass in der Elisabethstraße die Polizei gar nicht so erwünscht ist, wie in den Nebenstraßen. Wir haben feststellen können, dass eine der Nebenstraßen, die beethovenstraße, durch den Nachtbus zu eine Hauptader des Publikumsstromes geworden ist. Dort ist der größte Wunsch nach Polizei gegeben, klar, weil alle dort durchgehen, um zum Bus zu kommen. Also wird der Nachtbus jetzt in die Elisabethstraße verlegt. Dann werde ich nicht die Polizei – ich hab ja nur zwei Leute – in die Elisabethstraße schicken, wo sie zu zweit ja auch sehr gefordert sind, sondern die können auch in Nebengassen punktuell das schaffen, was die Anrainer dort wollen. Dass dort nämlich weniger Vandalismus, Verunreinigung und Lärm entsteht. Und so gehen wir das Problem jetzt an, ganz simpel: Ich hab es in seine Bestandteile zerlegt, und ich glaube, damit ist das Thema ziemlich vom Tisch. Was wir auch noch haben, ist, dass wir versuchen mit den Unternehmen eine Lösung zu finden. Das Univiertel hat’s ja immer gegeben und wird’s auch weiterhin geben. Aber dass ein paar Unternehmer sich an überhaupt keine Gesetze gehalten haben, wurde von den Medien überhaupt nicht transportiert. Und wenn man Unternehmer hat, die viel Geld investieren, aber nicht einmal eine Widmung haben …

Wie kann sowas passieren?

Man hat investiert und einfach aufgemacht. Das Kottulinsky ist da mein Lieblingsbeispiel dafür.

Wie kriegt man denn ohne Widmung eine Betriebsanlagengenehmigung?

Es gibt unterschiedliche Strafstellungen. Das eine ist: Du baust einmal um 1,6 Millionen Euro eine Diskothek in den Keller. Dann sagt die Baubehörde: Dafür kriegst du keine Benutzungsbewilligung. Du hast dann ein Verfahren am Hals, weil du die Disko dort nicht einmal bauen darfst. Das zweite ist: Gleichzeitig hat er um eine Gewerbeberechtigung angesucht. Die ist auf seine Person ausgestellt, und diese Gewerbeberechtigung sagt aus, welches Gewerbe der Investor ausführen darfst. Eine Genehmigung hat das Kottulinsky aber nur als „Kaffeehausbetrieb mit Hintergrundmusik“. So. Das sind die Dinge, die niemand gesagt hat. Das ist das Kottulinsky. Es macht ja dort jeder was er will, und jeder macht was anderes: Manche suchen erst gar nicht um die Sperrstundenverlängerung an und machen einfach auf. Also, die beiden Herren Held und Nusshold sind mir deshalb ans Herz gewachsen, weil die versuchen, mit sehr viel Qualität auch dran zu arbeiten, dass das Problem gelöst wird. Was andere ja gleich gar nicht getan haben. Die Kottulinsky-Betreiber haben ja zumindest um eine Sperrstundenverlängerung angesucht. Andere haben einfach aufgemacht und lassen sich abstrafen, regelmäßig. Und wenn’s sein muss, no, dann tun wir halt den Geschäftsführer wechseln, gehen in Konkurs und dann fängt das Verfahren von vorne an. Also das, was wir mit den Unternehmen da teilweise erlebt haben, ist ganz einfach Rechtsbruch. Und den hat ein Bürgermeister und seine Behörden und auch eine Stadträtin Elke Kahr – egal, wer dort sitzt – zu ahnden. Punkt. Es wird immer gesagt, da ist die böse Politik, die uns nicht feiern lässt. Ist ja ein kompletter Schmarrn! In einer Universitätsstadt mit 55.000 Studierenden ist das eine schlimme Geschichte, aber ich zeige gerade allen, dass, wenn man sich Zeit lässt, wenn man die Bürger miteinbezieht, sich alles lösen lässt. Ich werde zum Beispiel auch einbringen, dass diese Widmungsgeschichte erledigt wird. Das heißt, das Kottulinsky wird die Chance bekommen, zu einer Widmung zu kommen. Nicht nur für das Kottulinsky übrigens, sondern wir bereiten gerade eine Widmungsüberlegug für einen Großteil des Viertels vor. Diese Widmung ist eine alte kaiserliche Regelung: Das Erdgeschoss ist Kerngebiet, während Keller und Obergeschoß „allgemeines Wohnen“ sind. Solange diese Widmung besteht, darfst du in keinem Keller ein Lokal aufmachen. Nur ein Lokal in der Elisabethstraße hat aufgrund alter gesetzlicher Regelungen die Erlaubnis – der Kulturhauskeller – alle anderen Keller sind tabu.

Das heißt, diese Lokale hätten eigentlich nie dort eröffnen dürfen?

Ja, das ist der Punkt. Und das war nicht rüberzubringen. Die Tageszeitungen haben nur auf uns hingedroschen, denn „Die Politik lässt nicht feiern!“. Wir haben’s ihnen hundertmal gesagt, aber keiner hat’s geschrieben. Nusshold hat ja gesagt, ich sperre zu, ich höre auf, denn ich schaffe es nicht, dass wir das hinkriegen. Ich habe gesagt: Jetzt schauen wir uns das mal an, jetzt bereiten wir einmal eine Widmung vor. Das ist das eine. Das zweite ist: Andere haben sich gar nichts g’schert. Die haben zu mir gesagt: Herr Nagl, ich such gar nicht an um eine Sperrstundenverlängerung. Ich lasse einfach offen, Sie können mich eh strafen kommen. Und wenn die Strafe zu hoch ist, dann tauschen wir einfach den Geschäftsführer aus.

Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass die Gegend zwischen Sporgasse und Univiertel zu einem Ballermann-Disney Land für Studierende wird?

Es sperren ja auch immer mehr zu. Es ist ja kein tragendes Geschäftsmodell. Die letzten drei Bermudadreiecke sind ja schon gewandert. Das erste war hier, mittlerweile haben wir da keine nächtlichen Ruhestörungen mehr und ich hab selbst hier in der Herrengasse gewohnt und weiß noch, wie’s da mit den Partys abgegangen ist. Jetzt kein Problem mehr. Das zweite Bermudadreieck beim Franziskanerviertel – na, frage nicht, was wir hier mit den Bewohnern mitgemacht haben. Jetzt haben wir eine sehr große Zahl an Lokalen in der Zinzendorfgasse und der Elisabethstraße, ist ja auch nichts Neues, rund um die Posaune hat’s das immer gegeben. Nur hat sich leider etwas verändert: Es sind nicht nur mehr Studenten geworden, es gab nicht nur plötzlich die liberalsten Öffnungszeiten Europas in der Steiermark – da hat auch keiner hingeschaut – sondern wir haben es auch mit ganz anderen Trinkgewohnheiten zu tun. Stichwort Alkopos und Vorglühen.

Wenn das so ist, wieso erlaubt man dann, dass immer mehr Lokale aufsperren, die für Irritationen sorgen?

Weil ich’s nicht verhindern kann. Wenn Sie im Erdgeschoss in der Elisabethstraße ein Lokal kriegen und aufsperren, dann sperren sie’s auf. Da gibt’s keinen Nagl, der „Nein“ sagen darf, genausowenig wie das die Politik in der Stadt kann. Im Kerngebiet dürfen Sie überall aufmachen, also im Erdgeschoss. Nur im Keller nicht. Wenn das Kottulinsky im Erdgeschoss aufmacht hätte, dann gibt’s da keine Debatte, dann darf er das betreiben. Aber das sind Feinheiten, die keiner hören will. Ich habe jedenfalls alles auf den Prüfstand gelegt, ich glaube, dass wir’s hinkriegen und dass die Menschen, die dort wohnen und sich im Moment zurecht in ihrem Schlafverhalten und in ihrem Sauberkeitsempfinden – der Dreck ist es ja auch – gestört fühlen, entlastet werden. Das muss man schon tun. Auch in punkto Sauberkeit gab’s ja fast keine Bereitschaft der Betriebe, mitzuarbeiten. Hätte ich mir auch gewünscht, dass die sagen: Klar, Leute, wir machen sauber. Aber nein. Muss halt wieder die Öffentlichkeit zahlen. Und wir werden schauen, dass wir dort verstärkt reinigen. Hilft ja nichts. Wenn’s am Samstag und Sonntag in der Früh dort so ausschaut, wie’s ausschaut – das ist untragbar. Für alle, die dort wohnen, auch für die Touristen. Wäre auch eine Bitte, das allen wieder mal zu sagen: Muss Partylaune und Lifestyle immer damit zusammen hängen, alles fallen zu lassen, was ich hab? Vom Taschentuch bis zum Kaugummi? Die Stadt hat arge Verschmutzungen und wir geben so viel Geld aus … wir haben überprüft, wieviel täglich an Schmutz nur in den Straßenbahnen und Haltestellen liegt, nicht in den Kübeln, sondern herum. Und da füllen wir 256 Badewannen nur durch unachtsames Fallenlassen. Diese Müllmenge muss man 'mal gesehen haben … Ist schlimm, muss nicht sein und kostet Geld. Vandalismus, reinigen, kostet alles Geld, könnten wir uns ersparen. Eine kluge Gesellschaft tut’s nicht. Und unter Einfluss des Alkohols … jetzt machen wir schon Seminare in Schulen, dass man auch den Jugendlichen zeigt, was da passiert, und dass sie auch, wenn sie unterwegs sind und sie merken, da fängt einer zu randalieren an, Blumenstöcke auszureissen, Kübel umzuschmeißen, dass die anderen einen da nicht drin bestärken sondern sagen: Lass es bleiben!

Das ist ein mühsamer Weg!

Ja, aber Kommunalpolitik ist Bretterbohren jeden Tag. Das ist sehr mühsam. Wers noch nicht ausprobiert hat, der soll’s einmal tun, einen Monat lang.

Ein Statement zur Bundespolitik: Teilen Sie die Hoffnung Ihrer Parteikollegen auf eine Neupositionierung der ÖVP nach dem Wechsel an der Spitze?

Ich freue mich riesig, dass mein Wirtschaftsbundkollege Reinhold Mitterlehner das Steuerrunder übernommen hat, jeder weiß, dass er sehr konsequent und zielorientiert ist, und dass er auch über diesen Mut und Kampfgeist verfügt, den man in der Politik braucht. Von ihm habe ich gleich zu Beginn vernommen, dass er angetreten ist, um die Nummer eins zu werden und er hat an seiner Seite gute Wegbegleiter. Dazu gehört der Bundesfinanzminister, der Außenminister, die Innenministerin, dazu gehört ein Staatssekretär Harald Mahrer. Der ist ja auch Chef der Julius Raab Stiftung und ich beschäftige mich gerade intensiv mit seiner Schriftenreihe. Er hat gesagt, es gibt für ihn viele Samenkörner, Freiheit, Verantwortung, Solidarität, Chancengleichheit etc. und hat die für die heutige Zeit heruntergebrochen auf die Politikerinnen und Politiker. Ich hab natürlich sofort geschaut, was er alles publiziert hat. Kann’s nur wärmstens empfehlen, besonders das Kapitel über Freiheit in der Gesellschaft: „Je mehr wir nach dem Staat schreien und rufen, umso mehr Staat gibt es und umso weniger Freiheit für den Einzelnen bedeutet dies.“ Und es ist fast grotesk, dass wir diese Freiheit immer mehr bräuchten, auch im unternehmerischen Sinn, und dass gleichzeitig immer mehr Menschen nach einer Verdichtung des Staates rufen. Einer der größten Fehler, die wir glaube ich, gerade machen in unserem Europa, aber auch in unserem schönen Österreich. Kann ich also nur wärmstens empfehlen. Also, was die Bundespolitik betrifft: Da gibt’s eine Reihe von Persönlichkeiten und die werden die SPÖ schön fordern!

Sie sagen, Reinhold Mitterlehners hervorstechende Eigenschaften sind Mut und Kampfgeist. Nun, sein Spitzname aus der CV ist ja auch Django, da passt das gut. Wie ist denn Ihr CV-Spitzname?

Milupa.

Milupa? Wie der Babybrei?

Ja, aus einem einfachen Grund: Als ich in Graz studiert hab und zum CV gekommen bin, war ich immer u.a. auch zum Lernen auf der Bude in Graz, also im Carolinenhaus am Glockenspielplatz. Und nachdem meine Frau gearbeitet hat und ich Student war und auch nebenbei gejobbt hab, aber nicht viel, hab ich meine zwei Töchter mit auf die Bude genommen und sie dort dauernd gewickelt und gefüttert. Deshalb haben mich die Verbindungskollegen immer mit diesen Milupa-Packerln gesehen, und bei der Aufnahme wird ja gerufen „Welchen Namen sollst du kriegen?“. Irgendwer hat sich an diese Packerl erinnert und mich zum lebenslangen Werbeträger dieser Babynahrungsfirma gemacht. Da ich mittlerweile vier Kinder und vier Enkelkinder hab, und mich diese Produkte gar nicht auslassen, war’s wahrscheinlich gar nicht so daneben. Ich heiß’ also nicht Django, sondern bin eher der Familienmensch.

(Zum ersten Teil des Interviews geht's hier.)

Autor: Johannes Roth, 19.02.2015