Zur Erinnerung: Sepp Forcher im Interview

Weekend: Was bedeutet Heimat für Sie?

Sepp Forcher: Heimat ist nicht an Abstammung gebunden – Heimat ist dort, wo man sich zu Hause und wohl fühlt. Für mich persönlich ist das da, wo ich mich am liebsten aufhalte. Meinen Wohnort habe ich früher öfters gewechselt, erst in den letzten 35 Jahren wurde ich sesshaft. Man muss da flexibel sein. Wenn man allerdings das Glück hat, in einer Gegend wie Salzburg geboren zu sein, kann man vor Dankbarkeit nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Weekend: Inwiefern hat sich der Begriff „Heimat“ in den letzten 50 Jahren verändert?

Sepp Forcher: Der Begriff verändert sich nicht, nur der Sprachgebrauch. Heimat heißt Heim kommen, wie in der Bibel der verlorene Sohn. Wobei der Ortswechsel an sich früher nicht in dem Maße möglich war, wie er es heute ist. Damals waren die Möglichkeiten, den Heimatort zu verlassen, nicht wirklich gegeben. Diese zwangsmäßige Ortsbezogenheit gibt es nicht mehr. Wenn man in einer anderen Stadt ein besseres Jobangebot bekommt, wechselt man den Wohnort und baut sich dort eine Existenz auf. Das wiederum führt natürlich zu einer veränderten Wahrnehmung der „Heimat“.

Weekend: Sind Sie stolz auf Österreich?

Sepp Forcher: Also das brauchen Sie mich nicht zu fragen – wenn einer stolz auf Österreich ist, dann ich! Das hat viele Gründe: Die Geschichte, Tradition, Kultur, die Nachbarn – unmittelbare und auch weiter entfernte. Vor allem bin ich stolz auf dieses Land, weil man hier so leben kann, wie man will. Wenn du dir etwas erarbeitet hast, wirst du dafür belohnt, wenn es dir einmal schlechter geht, wirst du dennoch nicht fallen gelassen.

Weekend: Kann Österreich ein multikultureller Staat werden?

Sepp Forcher: Österreich ist von seiner Struktur her seit Jahrhunderten ein Vielvölkerstaat. Wieso soll das in Zukunft nicht gehen? Es hat damals funktioniert und es ist auch heutzutage machbar, wenn man es organisatorisch richtig anpackt. Ohne Zuzug könnte unsere Wirtschaft nicht leben, das muss man sich vor Augen halten. Denn diese Menschen erledigen häufig Arbeiten, für die sich viele Österreich zu schade sind.

Sepp Forcher | Credit: www.neumayr.cc

Weekend: Sind dadurch Traditionen gefährdet?

Sepp Forcher: Nein, warum sollten dadurch Traditionen verloren gehen? Die Kinder von Fremden lernen in der Schule den Dialekt und sind spätestens in der dritten Generation integriert. Hier sehe ich keine Gefahr. Was ich von Zuwanderern allerdings schon erwarte, ist eine Willensbezeugung, dass sie in Österreich leben möchten. In erster Linie gehört dazu, die Landessprache zu lernen.

Weekend: Welche kulturellen Entwicklungen sehen Sie eher als kritisch an?

Sepp Forcher: Handtelefon und Computer mögen viele Vorteile haben, sie bringen aber auch Nachteile mit sich. Gespräche werden dadurch unpersönlicher und der typische Hoagascht geht verloren. Moderne Entwicklungen gehen häufig auf Kosten der Persönlichkeit. Darum tun wir uns auch mit Flüchtlingen so schwer, weil der Mensch nicht mehr wahrgenommen wird.

Weekend: Glauben Sie, dass der österreichische Dialekt aussterben wird?

Sepp Forcher: Das glaube ich am allerwenigsten. Es gibt in Österreich mindestens so viele Dialekte wie es Dörfer gibt. Die Mundart ist facettenreicher als die Schriftsprache, der lokale Dialekt das Schützenswerteste, das wir haben. Wir werden zurzeit so vom Englischen überschwemmt, dass das Österreichische quasi zu einer Geheimsprache wird. Mein letztes Projekt führte mich in die Steiermark, dort habe ich von einer schönen Initiative gehört: Volksschüler haben typische Dialektworte gesammelt, die meisten stammten von den Großeltern, und schlussendlich wurde ein Buch mit über 1000 Begriffen veröffentlicht.

Zur Person

Der Radio- und Fernsehmoderator, geboren 1930 in Rom, lebte bis 1940 in Südtirol, ehe er mit seiner Familie im Zweiten Weltkrieg nach Salzburg auswanderte. Auszeichnungen: Hans-Kudlich-, René-Marcic- und Romy-Preis. Hobbies: Bergsteigen, Skifahren, Lesen und Musik hören.

Kurz und bündig

Lieblingsberg: Großglockner

Vorbild: Gerd Bacher

Leibgericht: Tiroler Knödl

Sepp und Helli Forcher | Credit: Franz Neumayr
Autor: Simone Reitmeier, 20.12.2021