Interview: Josef Herk über die steirische Wirtschaftswunderwelt

Wie läuft der Wahlkampf bis jetzt?

Eigentlich sehr gut. Wir waren in der gesamten Steiermark rund um die Uhr unterwegs. Von Predlitz bis Radkersburg, vom Radlpass bis zum Semmering. Wir touren durch das Land, meist beginnend mit dem Frühstück und schließen dann mit dem Late Night Dinner quasi ab.

Also quasi vom Frühschoppen bis zum Absacker.

Genau. Wir haben mit unserem Team bis jetzt etwa 1.400 Unternehmerinnen und Unternehmer besucht. Die Erkenntnis: Unglaublich, welche Energie im unternehmerischen Tun in der gesamten Steiermark steckt. Auch, wenn die Zeiten nicht ganz einfach sind. Aber es ist schon so, dass das steirische Unternehmergen ein besonderer Bodenschatz unseres Landes ist. Das gibt mir dann auch viel Energie, um die richtigen Themen weiter zu tragen, dran zu bleiben, und auch den Rückenwind, den wir brauchen. Es gibt aber logischerweise auch Kritik, Verbesserungsvorschläge und Anregungen. Jedenfalls: Das ist das unternehmerische Leben und das muss man vor Ort miterleben. Das geht von der Körblergasse aus nur schwer. Deshalb mache ich das auch gerne. Besonders gerne übrigens mach’ ich die unangemeldeten Betriebsbesuche.

Unangemeldete Betriebsbesuche?

Ja. Da erfährt man dann die ungeschminkte Wahrheit.

Da klopft der Präsident mit der Entourage an und sagt: Visite! – oder wie dürfen wir uns das vorstellen?

Genauso. Nichts ist vorbereitet, es gibt weder Sekt noch Brötchen. Da haben wir die Chance, das unpolierte, wirkliche unternehmerische Leben mit allen Nöten, Sorgen, Ängsten, Freuden zu erfahren. 80 Prozent unserer Betriebsbesuche laufen so. Natürlich gibt es auch gewisse Termine, zu denen wir uns angemeldet haben – bei größeren Unternehmen vor allem, bei denen wir sonst der Geschäftsführer nicht angetroffen hätten. Aber umso kleiner der Betrieb, umso spontaner der Besuch ist, desto echter ist der Erkenntnisgewinn. Der Großteil freut sich, ist im ersten Moment verblüfft. Oft kommt natürlich die Ansage: Eh klar, vor der Wahl, da kommst! Ich hab da eine klare Antwort darauf: Ja. AUCH vor der Wahl. Aber nicht nur vor der Wahl, sondern auch in der ganzen Zeit davor. Und da ich in den letzten Tagen meinen „vierten Geburtstag“ in meiner Funktion (als WKO-Steiermark Präsident, Anm.) hinter mich gebracht habe, und ich ein Gefühl für die Kilometer habe, die ich so absolviert habe, kann ich sagen: Ja, wir sind und waren fleißig.

Wie viele Kilometer waren’s bisher? Seit ersten Jänner?

Sie meinen die tatsächlichen Tourkilometer? Weiß ich jetzt gar nicht, ist aber sicher eine interessante Zahl.

In der Vergangenheit hat ja die Kilometeranzahl bei Nutzung eines Dienstwagens eine nicht unerhebliche Rolle im Leben des WKO-Präsidenten gespielt.

Das mag sein – es wird aber auch über den Landeshauptmann und die gefahrenen Kilometer berichtet.

Wir glauben Ihnen, dass es viele sind.

Es sind ehrliche Kilometer und man ist draußen. Und das ist wichtig. Auch, weil – und das ist mir auch persönlich ein Anliegen – in unserem Programm die Entwicklung und Stärkung der Regionen ein wichtiger Punkt ist. Mit allen damit verbunden Unterpunkten wie Infrastruktur, Internet etc. Es sind zu viele, um sie hier aufzuzählen.

Geben Sie uns trotzdem ein Beispiel!

Vergangene Woche waren wir in Wildbad-Einöd …

Hält die Region, was der Ortsname verspricht?

Ja. Es ist ein altes Heilbad, ein wirklich altes Heilbad, und da gibt es eine Investorengruppe, die baut dort ein modernes Mutter-Kind-Therapiezentrum. Ohne Breitbandinternet sind die aufgeschmissen. Abgesehen davon, dass es unglaublich ist, wo was hingebaut wird, sieht man daran, wie wichtig für diese entlegenen Orte des Landes die Infrastruktur ist. Es gibt überall ein Platzerl für ein unternehmerisches Vorhaben, und damit die Steiermark diese Impulse tatsächlich bekommt, braucht man eben eine gute Infrastruktur. Wichtig in den gesamten Regionen ist uns übrigens auch das Thema Innenstadt. Das ist eine Initiative, die wir sehr intensiv verfolgen: Die Innenstadtbelebung. Damit verbunden sind einige Problemstellungen im ganzen Land, unter anderem die Raumordnung. Es geht dabei darum, auch in Zukunft ein gutes Miteinander von Lebens- und Wirtschaftsraum zu schaffen. Die müssen miteinander verbunden werden, und da sind alle gefordert.

Zur aktuellen WKO-Wahl: Die Wahlbeteiligung lag in der Steiermark in den vergangenen Jahren so um die 50 Prozent. Das ist über dem österreichweiten Durchschnitt. Was machen wir anders?

Ich glaube, dass man sich hier besonders engagiert. Ich darf ja sagen: Ich habe nicht nur die besten Funktionärinnen und Funktionäre, sondern auch die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In den Regionen, den Fachgruppen und natürlich auch in der Körblergasse. Ich denke, das macht’s einfach aus. Wir sind ein wunderbares Team in all unserem Tun, ein engagiertes, kompetentes Team und ein Team, das auch Freude am Tun hat. Das sich für die Anliegen unserer Kunden einsetzt.

Kunden?

Das Wort „Mitglieder“ ist da kein passender Zugang. Ich als Unternehmer Josef Herk habe ja auch Kunden und keine Mitglieder. Da muss ich mich täglich aufs Neue bemühen. Und der gleiche Zugang, den ich zuhause in meinem Betrieb habe, nämlich den, Kunden zu betreuen, Kundenwünsche zu erfüllen etc., den habe ich auch bei meiner Funktionärstätigkeit in der Kammer.

Trotzdem wird die Kammerpflichtmitgliedschaft – Kammerpflichtkundenschaft kann man ja schlecht sagen – heiß und oft diskutiert. Wie lassen sich Pflichtbeiträge rechtfertigen?

Die Diskussion der Pflichtmitgliedschaft ist so alt, wie die Kammer selbst. Ich denke, man muss offen darüber diskutieren. Ich mache daraus auch kein Tabuthema. Unser Zugang ist: Wir müssen mit unseren Leistungen glänzen. Das muss im Vordergrund stehen. Wir dürfen keinesfalls glauben, die Pflichtmitgliedschaft sei ein Ruhekissen, das es verzeiht, wenn wir uns nicht anstrengen. Für mich ist die Pflichtmitgliedschaft wichtig, um zu gewährleisten, dass auch die kleinsten, kleineren und mittleren Unternehmen Gehör finden und eine Stimme haben. In meinen Augen ist die Wirtschaft unteilbar. Ich lasse mir also die Wirtschaft nicht teilen, denn wir brauchen alle Gruppierungen – die Ein-Personen-Unternehmen, die kleineren, mittleren und natürlich die Leitbetriebe. Eine Systematik, in der gewährleistet ist, dass jeder die gleiche Stimme hat, ist natürlich mit einer Pflichtmitgliedschaft verbunden. Die für den Einzelnen übrigens auch Rechte mit sich bringt. Ich lade jeden ein, uns zu fordern, uns in Anspruch zu nehmen, und auch mitzutun, mitzubestimmen. Über alle unseren Leistungen. Dass wir in einem Prozess sind, der durch permanente Veränderung gekennzeichnet ist, dazu bekenne ich mich. Zu glauben, dass eine Organisation wie die unsere auch in den nächsten Jahren noch so sein wird, wie sie heute ist – das wäre ein Irrtum. Wir haben das ja auch in den letzten Jahren durch Fachgruppenveränderungen, neue Serviceeinheiten bzw. auch Angebote vorangetrieben. Das ist mein Bekenntnis – so wie ich mich klar dazu bekenne, jedem eine Stimme zu gewährleisten.

Was wär’, wenns die Pflichtmitgliedschaft nicht mehr gäbe?

Dann wäre es so, dass große Konzerne sich Lobbyisten leisten bzw. halten könnten während die vielen Kleinen – und die machen den Großteil der Unternehmer in der Steiermark aus – mit ihren Interessen auf der Strecke bleiben würden. Und, nebenbei: Der Beitrag für die ganz Kleinen ist ein überschaubarer. Ich will nicht behaupten, dass 150 Euro für einen kleinen Unternehmer nicht viel sind, aber generell leisten den größten Anteil an den Kammerumlagen, das muss man fairerweise sagen, die Großen. Das heißt, die großen Unternehmungen und Leitbetriebe nehmen im Huckepack die vielen kleineren mit. Im Endeffekt ist das ein Solidaritätsbeitrag.

Fast schon ein sozialistischer Ansatz. Umverteilung von oben nach unten.

Naja, Umverteilung … In anderen Ländern jedenfalls hat der Kleine nichts zu reden. Da heißt’s Hände falten, Goschen halten.

Eine interessante Sichtweise… 2010 ist das letzte Mal gewählt worden. Wie haben sich die Bedürfnisse der Unternehmer seither geändert? Die Krise schien ja überwunden, dann war sie wieder da, dann doch wieder nicht …

Am meisten verändert hat sich die subjektive Unsicherheit. In den Jahren vor 2008 konnte man doch ein bisserl von vorhersehbaren Entwicklungen ausgehen. Da war das Auf-und-Ab überschaubar. Dann hat’s plötzlich diesen Impakt gegeben. Da ist man draufgekommen: Auch die Wirtschaft und alles, was damit zusammenhängt, ist nicht unsterblich. Und vor allem auch: Wie rasch eine Krise ausbrechen kann. Ich werde nie vergessen – ich war damals Regionalstellenobmann – wie ich bei einer Weihnachtsfeier eines Unternehmens in Judenburg dabei war und der Geschäftsführer vor seinen Leuten aufgestanden ist und bekannt gegeben hat: Wir haben im heurigen Jahr über 90 % Umsatzeinbruch. Die haben einfach keine Aufträge mehr gehabt! Gottseidank, wie wir heute wissen, hat sich das relativiert. Aber es war wirklich ein Szenario, bei dem man gesagt hat: Das gibt’s ja nicht. Die Jahre davor haben die Leute Waren gebraucht … und dann plötzlich nicht mehr. Dass also das System verletzbar ist, das hat man gelernt. Auch die Kombination der heimischen Wirtschaft mit der geopolitischen Entwicklungen: Am 1.1.2014 hätte niemand gedacht, dass es einmal eine Russland-Krise geben würde. Es gibt schon ein paar Experten, die es vorausgesehen haben, aber die meisten, die ich kenne, nicht. Ich auch nicht. Das war nicht abschätzbar. Also, das ist schon sehr herausfordernd.

Wie wollen Sie dieser Herausforderung begegnen? Die geopolitische Situation liegt ja nun nicht gerade in Ihrem Einflussbereich.

Wir machen hier unsere Hausaufgaben. Ich empfinde es zum Beispiel als meinen Auftrag, darauf zu achten, dass unsere Jugend Beschäftigung hat. Das Thema Jugendausbildung nehme ich für mich persönlich in Anspruch. Obwohl ja jeder sagt, wie wunderbar und positiv die Zahlen in Österreich sind, ist doch festhalten: Jeder Jugendliche, der keine Arbeit hat, ist einer zu viel. Aber verglichen mit anderen Ländern geht’s uns gut. Ich als Josef Herk, der jetzt 27 Jahre Unternehmer ist, habe selbst 50 junge Leute ausgebildet. Und diese Ausbildungsverantwortung, die vor allem von kleineren und mittleren Unternehmen wahrgenommen wird, ist eigentlich nicht nur ein Ausbildungsprojekt, sondern pathetisch gesagt, ein Friedensprojekt. Dass junge Leute eine Aufgabe, eine Arbeit, ein selbstbestimmtes Leben, einen Beruf haben ist mir umso wichtiger, als die politischen Probleme ja oft mit der Arbeitslosigkeit der Menschen einhergehen. Unsere Organisation trägt maßgeblich dazu bei, das hintanzuhalten. Engagierte Funktionäre setzen sich mit der dualen Ausbildung auseinander, die Leute betreuen die Jugendlichen, regional, national und international. Man muss alles daransetzen, dieser wirklich problematischen Rekordarbeitslosigkeit – die einer Rekordbeschäftigung gegenübersteht – mit allem Einsatz entgegenzuwirken. Denn irgendwann kommt mit steigender Arbeitslosigkeit ja auch eine steigende Instabilität der Gesellschaft.

Apropos Arbeitsplätze: Diesbezüglich sind die Konjunkturerwartungen laut Ihrem Konjunkturbarometer ja eher verhalten. Auch, was Investments betrifft.

Stimmt, die Konjunkturprognose ist tatsächlich verhalten.

Was kann man dagegen tun?

Ich glaub, da gibt’s mehrere Bereiche. Erstens ist die Konjunkturerwartung nicht dramatisch verhalten, das möchte ich auch einmal sagen. Aber wir haben durchaus nachdenklich machende Indikatoren, deshalb ist es wichtig, den Bereich der Investitionstätigkeit voranzutreiben. Ein Unternehmer – und auch ein Josef Herk – investiert ja nur dann, wenn er für die Zukunft eine gute Prognose hat bzw. den Glauben an eine positive Entwicklung. Für Investitionen muss es aber auch einen Ansporn geben, zum Beispiel eine Investitionszuwachsprämie, damit der Investitionsbereich angetrieben wird. Billiges Geld alleine belebt, wie wir sehen, den Markt nicht. Die Rahmenbedingungen, um Finanzierungen zu bekommen, sind ja durchaus nicht einfach. Was braucht’s noch? Eine gewisse bürokratische Entlastung – mein Hauptthema. Ich war jetzt bei einem Wirt im Ennstal, der hat mir gesagt: „Es lauft eh nicht so schlecht, aber weißt was? Früher hab ich in der Küche einen Schreibtisch gehabt, da hab ich meine Büroarbeit gemacht. Jetzt ist mein Büro schon größer als die Küche“. Das ist ein Bild, so wie der steirische Wutkochlöffel. Diese Dinge nehmen dem Unternehmer die Lust und die Freude am unternehmerischen Tun. Da braucht’s eine Rückbesinnung, das Beraten muss im Vordergrund stehen und nicht das Bestrafen. Da braucht’s Augenmaß, Eigenverantwortung, einen Rahmen. Neben Investitionsankurbelungen ist das wesentlich. Unternehmerisches Tun darf nicht kriminalisiert werden. Heute steht man ja fast wegen einem kleinen Vergehen schon am großen Pranger der Kriminalisierung. Und das zipft die Unternehmer richtig an. Das kann ich rückmelden, egal von wo und aus welcher Branche. Es ist mein fester Vorsatz für die Zukunft, dass ich mich dem Thema noch mehr widme.

Also gegen die Bürokratie anzukämpfen.

Genau. Wir sammeln ja intensiv Fälle von unnötiger Bürokratisierung. Ich war z.B. bei einem Transportunternehmen, den Betrieb führen drei Frauen. Die haben mir gesagt: „Wir mussten Strafe zahlen, weil wir zu wenig Gewicht gehabt haben.“ Also, was soll das heißen, zu wenig Gewicht? Herausgestellt hat sich: Die haben irgendeinen Betonring transportiert, weit unter dem höchstzulässigen Gesamtgewicht, aber es war ein mehrachsiger Lastwagen, und das Delta zwischen der einen Achse und der anderen Achse war nicht korrekt. Wobei auch die hauptbeladene Achse nicht überladen war. Ein anderer Transporteur hat seine LKW angemeldet, einen Milchtransporter, 38Tonner, und der bei der Zulassungsbehörde schreibt beim Verwendungszweck die Nummer 1 in den Zulassungsschein, also „private Verwendung“. Das hat der Transporteur aber nicht gewusst. Nach zwei Jahren hatte er eine Verkehrskontrolle und da hat man ihm gesagt, dass der Lastwagen falsch verwendet würde: Das sei ja gar keine private Verwendung – 350 Euro Strafe! Oder die Unternehmerin in Graz, die neben dem Kunsthaus einen Geschenkladen hat, eine junge engagierte Frau. Die kann ein Jahr nach der Eröffnung immer noch keine Firmentafel montieren, weil die Gewerbebehörde und der Ortsbildsachverständige und der Denkmalschutz sich nicht im Klaren darüber sind, was da für eine Tafel hinpasst. Wir sammeln jetzt auf auf einer eigenen Website solche Beispiele. Und wir verfolgen auch den Beamten, der den Schwachsinn mit der allergenen Kennzeichnungspflicht erfunden hat. Den wollen wir ausfindig machen, ich weiß nicht, ob’s gelingt. An diesem Beispiel kann man ablesen, warum die Wirtschaftskammer wie ich oben geschildert habe, wichtig ist: Wer hat denn diese Allergie-Verordnung angetrieben? Sicher nicht der Kirchenwirt von irgendwo, sondern die große Lebensmittelindustrie. Mit ihrem ganzen Lobbyismusapparat. Warum? Klar, weil es am für die am besten wäre, wenn man nur mehr fertige Convenience kaufen würde. Und da müssen wir schauen, dass wir diesen mächtigen Systemen entgegenhalten können. Wir sind also auf der Suche nach diesem Beamten. Ein Mitarbeiter ist drauf angesetzt, der recherchiert schon. Aber auch im Land bei uns schüttelt man oft den Kopf. Der Kulm ist ja auch so ein Schmankerl. Beim Schifliegen vom Hubert Neuper: Der Sturm fegt über das Gelände, die wissen nicht, wo sie angreifen sollen. Und genau da kommt die Finanzpolizei und verlangt von jedem Ausweis und Papiere. Interessanterweise in Kitzbühel nicht. Zufall?

Weil in Kitzbühel Karl Heinz Grasser seinen Bauernhof hat und alle Finanzbeamten, die dort sind, mit der Beobachtung beschäftigt sind …

Sie meinen, wir brauchen einen Karl Heinz Grasser in der Steiermark, damit sowas nicht mehr vorkommt?

Nein, bitte nicht. War ein Scherz. Da wird sich wer anders finden. Damit ist jedenfalls die Frage nach Ihren Prioritäten in der nächsten Funktionsperiode beantwortet.

Ja. Starke Themen werden Jugendausbildung und Bürokratieabbau sein.

Wie will denn die Kammer die Ausbildung der Jugend forcieren? Viele Lehrherren beklagen ja, dass die Jugendlichen kaum die Grundrechnungsarten beherrschen.

Wir haben mehrere Probleme. Das erste ist die Demografie, das heißt, wir haben zu wenig junge Leute. Eine Verknappung der Ressource Jugend. Zweitens erleben wir eine immer stärkere Vergeudung der Talente im Ausbildungsbereich. Viele junge Leute machen Ausbildungen, die nicht ihren Talenten entsprechen. Wir wissen, dass jeder vierte Jugendliche die Schule abbricht oder wechselt. Aus dieser Erkenntnis heraus werden wir im Herbst mit einem sogenannten Talent-Center auf den Markt gehen, um die Neigungen der jungen SteirerInnen zu analysieren. Wie eine Gesundenuntersuchung im Bereich der Talente. Oben neben dem Campus bauen wir das.

Wie ein Berufseignungstest?

So ähnlich, aber um zig Klassen höher. Wirklich mit dem Ziel, profunde Beratung und Information geben zu können. Dieses Projekt gibt’s teilweise schon. Wir lehnen uns an ein Projekt in Kärnten an und wir werden das ganz groß aufziehen.

Für welche Altersklassen ist das gedacht?

Für die siebte und achte Schulstufe.

Da wird’s aber heftig viel Psychologie brauchen, um in diesem Alter festzustellen, wo die Talente wirklich liegen …

Keine Frage, das ist ein hochkomplexer Prozess. Die Eigeneinschätzung ist die eine Sache, die der Eltern eine andere. Und die bestimmen ja, wohin die Ausbildung geht. Das ist einer der wichtigsten Punkte, dass man den jungen Leuten was mitgibt, wo dann die Eltern sehen können: Aha, mein Sohn ist besonders mathematisch begabt, hat ein gutes Raumvorstellungsvermögen, etc. Und aufgrund seiner Begabungen wird dann etwas empfohlen.

Ein weiterführender Schultyp also.

Oder ein Beruf. Wenn jemand manuell besonders geschickt ist zum Beispiel, ist er wahrscheinlich für einen Mechaniker ebenso geeignet wie für einen Chirurgen.

Die mangelnde Unterstützung der WKO, die die EPUs beklagen – was ist dazu zu sagen?

Das beklagen nicht die EPUs, sondern manche politischen Mitbewerber unterstellen das. Wir unternehmen sehr viel. Die Wirtschaft ist, wie gesagt, unteilbar. Dass natürlich ein großer Anteil an Individualisten schwieriger zu betreuen ist als eine homogenere Gruppe ist keine Frage. Hier sind wir gefordert, unsere Angebote zu verändern – über 50% der Unternehmen sind EPU. Das ist übrigens kein Zeichen einer neuen Zeit, sondern Mitte der 1950er Jahre hat’s das auch gegeben. In der Pionierzeit. Damals waren es natürlich wesentlich weniger Unternehmer, aber das braucht natürlich auch spezielle Angebote. Deshalb haben wir einen EPU-Beirat, einen EPU-Informationstag, eine EPU-Weihnachtsfeier, wir haben ein eigenes Office, ein Büro im Haus, das können die Leute zum Nulltarif mieten bzw. nutzen. Eine Art Coworkingspace. Mein Apell ist: Fordert uns, fragt, bringt Ideen ein! Es ist ein Prozess. Das Berufsangebot oder -portfolio ist ja schier unendlich. Umso wichtiger ist der Dialog, dass also Leute sagen, ich brauche dies, ich brauche das, hier fehlt eine Ausbildung etc. Das muss man entwickeln können. Als ich noch die Verantwortung für meine Innung hatte und mich nur damit beschäftigt hab, wusste ich, was meine Leute für Bedürfnisse hatten. Ob das nun Kurse waren oder was anderes. Und diese Information braucht es, deshalb sind auch die Betriebsbesuche so wichtig. Mir jedenfalls ist jeder gleich viel wert. Mein Vater war auch einmal ein EPU, hat 1957 angefangen, ein halbes Jahr später war sein erster Lehrling meine Mutter. Irgendwann fängst halt einmal an.

Mittlerweile ist Ihr Sohn schon im Betrieb?

Ja, wir haben drei Generationen Josef Herk. Dreimal Meisterprüfung, mein Sohn arbeitet schon mit und mich nennen sie nicht mehr Junior, sondern Senior. Leider. Trifft mich eh.

Ihr persönliches Resümee? Was ist Ihnen in der vergangenen Funktionsperiode besonders gelungen? Worauf sind sie besonders stolz?

Darauf, dass ich zum größten Teil mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus ein durchaus persönliches und positives Miteinander habe. Ich habe das Gefühl, dass, wenn ich in das Haus WKO hineingehe, die Leute mit Freude zur Arbeit gehen und dass man sich freut, sich zu treffen. Egal, ob im Haupthaus oder in den Regionen. Das gleiche Gefühl habe ich bei den FunktionärInnen, die das ja ehrenhalber machen. Die opfern ihre Zeit für ihre Fachgruppe, ihre Interessensgruppe – das ist ja ein Wahnsinn, mit welchem Engagement die dabei sind, bei Lehrlingswettbewerben, bei der Jugendausbildung. Das ist ja auch mein persönlicher Ansatz: Man muss sich einsetzen und persönlich als Vorbild vorangehen. Einsatzfreudigkeit also, Motivation, das fordere ich von mir selbst. Die Leute müssen das Gefühl haben: Der nimmt seinen Job ernst. Ein Sonntagspräsident zu sein, das wäre für mich undenkbar. Klar – das kostet viel Energie, viel Zeit. Deshalb heißt das Motto „Wirtschaft bewegt“. Man muss selber auch schauen, dass man sich bewegt. Ich meine, andere schwitzen zu lassen, ist feig – das gilt nicht! Auch, wenn’s nicht einfach ist: Du musst selber zu den Leuten hin, musst selber laufen, musst selber schwitzen, selber tun, und dann kannst mitreden. Nur zu sagen „Wir machen eine Kampagne“ und dann überreiche ich zum Schluss den Pokal – das ist feig.

Autor: Johannes Roth, 22.02.2015