Zehn Jahre aufholen – Bundesligapräsident Hans Rinner im Interview

Eine leichte Frage zum Einstieg: Wer wird österreichischer Fußball-Meister, wer steigt ab und welches Team schafft den Aufstieg?

Hans Rinner:Gute Frage. Ich glaube, Red Bull Salzburg wird sich den Titel holen. Bei Platz zwei bin ich mir nicht ganz sicher – Rapid und Sturm haben gute Karten, aber auch die Austria hat die Qualität, sich unter die Top 4 zu spielen. Für den österreichischen Fußball würde ich mir den LASK wünschen, weil er als der Traditionsklub in Oberösterreich einfach in die Bundesliga gehört. Wenn es die Mattersburger schaffen, ist es auch in Ordnung. So wie die Situation jetzt ausschaut, wird ein niederösterreichischer Verein den Gang in die Erste Liga antreten müssen – wer das sein wird, ist schwer zu beurteilen.

Das Nationalteam ist im Aufwind, die Bundesliga kämpft aber seit Jahren mit Zuschauerrückgängen. Was sind die Strategien dagegen?

Hans Rinner: Da gibt es ganz plausible Gründe: Wenn man sich die Entwicklung der letzten 10 bis 15 Jahre anschaut, muss man sagen, dass wir Traditionsklubs verloren haben – egal, ob das der GAK, Innsbruck oder der LASK ist. Außerdem sind sehr viele kleine Klubs nach oben gekommen. Wir haben erst im letzten Jahr die Übergangsbestimmung von der Regionalliga in die SkyGo- und weiter in die Bundesliga abgeschafft, dafür habe ich vier Jahre gebraucht – leider etwas zu lange. Wenn wir das vor 10 Jahren gemacht hätten, würden heute wahrscheinlich Grödig und Wr. Neustadt mit dieser Infrastruktur nicht in der Bundesliga spielen. Nichts gegen diese Klubs. Gratulation, tüchtig gearbeitet, aber es ist ungleich schwieriger, zuerst in die Infrastruktur und dann in die Mannschaft zu investieren als umgekehrt. Das war, glaube ich, der Hauptfehler.

Man hätte also schon vor zehn Jahren diese Kriterien einführen müssen damit die „Dorfklubs“ in die Infrastruktur investieren?

Hans Rinner:​ Ja genau. Ohne die entsprechenden Infrastrukturinvestitionen wäre es für diese Vereine nicht möglich gewesen, aufzusteigen.

Lässt sich diese Entwicklung noch umkehren? In der Bundesliga sitzen ja die Präsidenten dieser „Dorfklubs“.

Hans Rinner: ​Ich denke schon, dass es sich umkehren lässt. Es ist aber nichts, was von heute auf morgen passieren kann. Wir haben im letzten Sommer die verpflichtende Rasenheizung eingeführt, zusätzlich haben wir beschlossen, die Infrastrukturrichtlinien in Bezug auf Flutlicht nach oben zu schrauben. Dazu kommen Beschlüsse über die Verbesserungen der Medienräume und der überdachten Zuschauertribünen. Das Lizenzierungssystem macht schon Sinn. Wir müssen in den nächsten fünf Jahren massiv Gas geben, damit wir die letzten zehn Jahre aufholen. Ich bin aber überzeugt davon, dass es uns gelingen wird. Es werden nicht alle Beschlüsse einstimmig sein, aber das ist auch kein Muss. Ich bin der Vertreter des Profi-Fußballs in Österreich und scheue da auch keine Konfrontation mit diversen Klubs und Landesverbänden – wir haben lange genug zugeschaut.

Zum Thema: Bundesliga entzieht Grödig die Stadionzulassung

Warum gelingt es Traditionsvereinen wie Innsbruck oder dem LASK nicht, dauerhaft in der Bundesliga zu spielen?

Hans Rinner: Das kann ich nicht beurteilen, aber generell – das gilt für alle, die nicht oben spielen – sind es Fehler im Management.

Zurzeit spielen etwa 70 Österreicher im Ausland. Das ist zwar gut für das Nationalteam, aber leidet dadurch nicht das Niveau der heimischen Liga?

Hans Rinner: Ganz im Gegenteil. Ich sehe das positiv. Wenn das Nationalteam gute Leistungen bringt, profitiert auch die Bundesliga davon. Wir haben das im Zuge der EURO 2008 gesehen. Damals waren wir wesentlich schlechter – sowohl die Liga, als auch das Nationalteam. Prinzipiell ist wichtig, dass das Nationalteam erfolgreich ist. Das erzeugt den Fußball Hype – auch für die Liga. Wir können darauf stolz sein, dass bis auf wenige Ausnahmen die Spieler in Österreich ausgebildet wurden. Wenn ich mir in diesem Zusammenhang die Wintertransferbilanz ansehe – natürlich mit Salzburg an der Spitze – haben wir mit 35 Millionen Euro Transfererlöse in noch nie dagewesener Höhe erzielt. Davon abgesehen ist Fußball ein Business, in dem jeder Spieler aufs Geld schaut. Das beste Beispiel dafür ist der Wechsel von Alan nach China. Das ist auch legitim, denn als Fußballer hast du nur ein paar Jahre um Geld zu verdienen. Immer bringt der Weg ins Ausland nicht den gewünschten Erfolg – ein Beispiel dafür ist Jakob Jantscher. Er war bei Sturm und Salzburg Nationalteamspieler und ist heute in der Schweiz bei einem Abstiegskanditaten. So ein Spieler ist für den Teamchef uninteressant. Er wäre immer noch Teamspieler, wäre er in Salzburg geblieben.

Noch-Salzburg Sportdirektor Ralf Rangnick hat ja immer wieder das Format der Bundesliga kritisiert und sich für eine Änderung ausgesprochen. Was halten sie von der vieldiskutierten 16er-Liga?

Hans Rinner: Die Ligaformate sind dauernd ein Thema. Wir haben 2009 die Vor- und Nachteile einer 16er-Liga analysiert. Tatsache ist, dass eine 16er-Liga durchaus Vorteile hat. Die Nachteile, wie etwa eine massive Schwächung der Kaufkraft aller Vereine oder das Sinken der fußballerischen Qualität, wiegen diese Vorteile aber auf. Bei einer 16er-Liga müssten außerdem österreichweit mindestens 25 Klubs die Infrastrukturvorgaben erfüllen. Um das zu ermöglichen, müssten wir die Lizenzierungsbestimmungen wieder auf das Niveau wie von vor zehn Jahren zurückschrauben. Es gibt in Österreich keine 25 Stadien, die für so ein Liga Format notwendig wären – wir haben mit zehn schon ein Problem. Wenn ich die beiden Formate objektiv gegenüberstelle, wäre eine Aufstockung ein gewaltiger Rückschritt für den österreichischen Profifußball.

Die Gehälter, die bei den Bundesligavereinen gezahlt werden, sinken angeblich. Ist in Österreich ein Profibetrieb langfristig überhaupt noch möglich?

Hans Rinner: Es gibt in Österreich einen Kollektivvertrag mit der Fußballer-Gewerkschaft VDF der genau das Mindestgehalt eines österreichischen Fußballers festlegt. Ein 17-18 jähriger Jugendspieler, der auf dem Sprung zu den Profis ist bekommt etwa 1200 Euro Brutto. Nach oben hin gibt es aber keine Grenzen. In der Bundesliga liegt der Durchschnittsverdienst bei ca. 5000 Euro.

Sie gelten als einer der „Erfinder“ des Comebacks von Franco Foda bei Sturm Graz. Hat er Ihre Erwartungen bisher erfüllt?

Hans Rinner: Ich kenne Franco Foda seit vielen Jahren und war immer begeistert von ihm. Er hat in der Zeit, in der er nicht bei Sturm war, eine gewisse Gelassenheit dazu gewonnen, die gepaart mit seinem Ehrgeiz und Können eine super Kombination ergibt. Ich bin überzeugt, dass Franco Foda mit Sturm Erfolge feiern kann.

Franco Foda wurde am Ende seiner Sturm-Ära ja Egomanie und Alleinherrschertum nachgesagt. War das auch ein Grund dafür, dass es in Kaiserslautern nicht geklappt hat?

Hans Rinner: Für Franco war es eine massive Niederlage, bei seinem Heimatklub eliminiert zu werden. Das hatte ja nicht unbedingt sportliche Gründe. Ich glaube, das hat in ihm einiges bewirkt und war eine gute Lebensschule. Er ist durch diese Geschichte sehr gereift.

Glauben Sie, dass die Differenzen mit Sturm-Präsident Christian Jauk aus dem Weg geräumt wurden?

Hans Rinner: Das kann ich persönlich nicht beurteilen. Tatsache ist: Beide sind Profi genug, um mit dem Thema umgehen zu können und erfolgreich zusammenzuarbeiten.

Autor: Patrick Deutsch, 10.02.2015