Gries in Graz – Schmelztiegel zwischen Heimat und Abgrund

Seit Jahrzehnten ist der Grazer Gries als sozialer Brennpunkt bekannt. Diesen Ruf verdankt der Bezirk zunächst einer Ansammlung von Rotlichtlokalen, die hier seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu finden sind. Ihren Platz haben die zwielichtigen Etablissements dort gefunden, weil die Murvorstadt aufgrund ihrer Lage an der alten Handelsroute zwischen Wien und Triest besonders beliebt bei Händlern und fahrendem Volk war. Seit dem Mittelalter galt die Vorstadt am rechten Murufer auch als "Bezirk der Siechen", da sich hier das Bürgerspital befand. Die Grundstückspreise blieben niedrig, was den Bezirk als Quartiergeber für ärmere Bevölkerungsschichten und Zuwanderer besonders attraktiv machte. Daran hat sich im Grunde bis heute nichts geändert: Der Gries gilt immer noch als Zuwandererbezirk, wenngleich die Zahl der einschlägigen Nachtlokale sich verringert hat. Lange Zeit wurde der Bezirk von der Politik vernachlässigt. Die Bevölkerung – vor allem die Bürgerinitaive "Pro Gries" – bemüht sich aber in jüngster Zeit gemeinsam mit der Stadt Graz wieder darum, die Lebensqualität im Grätzl zu erhöhen.

Bezirk der Originale

Die Menschen, die den Gries ausmachen, könnten unterschiedlicher nicht sein. Was sie eint, ist eine eigene Liebenswürdigkeit, die sich hinter einer mitunter rauhen Schale verbirgt. Man muss sie suchen. Tut man das, stößt man oft auf herausragende Lebensgeschichten, die eine nähere Betrachtung lohnen. Sicher ist: Das Leben im Gries ist härter. Diese Erkenntnis ist zum Beispiel im alteingesessenen Café Rösselmühl in der gleichnamigen Gasse zum geflügelten Wort geworden. In diesem Café, beim Peter, treffen Generaldirektoren und ehrbare Hausfrauen auf Sozialfälle und Zuhälter. Peter selbst, der mit vollem Namen Peter Pferscher heißt, sorgt von seinem Lokal aus schon seit zwanzig Jahren für Ordnung in der Gasse. Die Alltagsgeschichten, die man hier zu hören bekommt, sprengen den Rahmen jeder Bibliothek. Hier trinkt zum Beispiel Anton Gruber alias Fezzz!, der mit dem One-Hit-Wonder „Willst du eine Banane?“ einst für die Hitparaden stürmte, gerne seinen Kaffee. Einem anderen Hobby – dem kleinen Glücksspiel – frönt indes der selbsternannte „Neffe“ von Superstar Dieter Bohlen, Gabriel Bohlen. Während er sein Glück am Automaten auf die Probe stellt, erzählt er gerne von seinem Idol, für das er sich eigens umtaufen ließ. Menschen wie Bohlen oder Gruber sind typisch für das Café. Wer auch immer hier dem Alltag entfliehen will – das Bier und der Schnaps, die „der Peter“ hier im Stammlokal des verstorbenen Literaten Franz Innerhofer ausschenkt, macht sie irgendwann alle gleich.

Vom Döner bis zum heimischen Gemüse

Die Meile der Kebap-Läden, die an das Lokal anschließt, ist lang – gezählte acht Bratereien finden sich hier auf etwa hundert Metern. Der türkische Einfluss ist kaum zu leugnen. Neben den Kebap-Buden, von denen es einige zu erstaunlichem wirtschaftlichen Erfolg gebracht haben, finden sich hier auch Handy-Händler und Frisöre, in denen durchaus auch die morgendliche Nassrasur noch zum Dienstleistungsangebot zählt. Der „König“ unter den zumeist kurdischen Betreibern der Kebap-Tschecherln ist Kara Aboilkadir. Gemeinsam mit seinem Bruder, der in der in der naheglegenen Idlhofgasse die Rolle des Nahversorgers eingenommen hat, betreibt er vier Geschäfte in Graz. Der massive Mitbewerb bereitet den Brüdern keine Sorgen. „Es gibt unter uns keine Konkurrenz", versichert Kara, denn "jeder hat seine Stammkunden“.

Wenn die Nacht zum Tag wird

Einige Häuser weiter waltet Helmut Rumpf im Obsthof seines Amtes. Vom steirischen Gemüse bis zur Südfrucht stehen die Produkte des Traditionsunternehmens der Qualität von Bauernmärkten um nichts nach. Den Obsthof gibt's sdort schon seit Jahrzehnten, Rumpf hat das Geschäft vor 15 Jahren übernommen und beliefert nicht nur Einzelkunden, sondern auch die Grazer Spitzengastronomie. Sein Sortiment bringt Farbe in den Gries. Apropos Farbe: Dem Obsthof gegenüber im Rösselmühlpark liegt die ehemaligen Postgarage, die durch ihre Graffitis als Hotspot der Jugendkultur gekennzeichnet ist. Hier geht bei Events und Clubbings so richtig die Post ab. Gediegener als bei den Youngsters geht’s im urigen Ambiente des Gasthaus Doppler in der nahegelegenen Ungergasse zu. Wirt Hans Ortner gilt nicht zuletzt wegen seiner Trinkfestigkeit als eine der letzten Gastro-Ikonen im Gries. Wenn der Chef das Personal mit seiner Anwesenheit beglückt, fließt das eine oder andere Glas Whisky – Lieblingsmarke Glenfiddich. Dann – Insider wissen das – tritt Hans Ortner auch gerne mit seinen Gästen in Sachen Alkoholverträglichkeit in Konkurrenz.

Szenenwechsel zum Griesplatz

Während es im Gasthaus Doppler noch relativ gesittet zugeht, lässt die Serosität anderer Nachtlokale am Griesplatz zu wünschen übrig. Kein Wunder: 2500 strafbare Hadlungen werden im Jahr im Bezirk Gries verzeichnet, Drogen- und Gewaltdelikte sind hier besonders häufig. Dass im legendären Griescafé dem unbedarften Gast plötzlich Bierflaschen um die Ohren fliegen können, ist da noch vergleichsweise harmlos. Auch die lautstark vorgetragenen Parolen („Es lebe Stalin!“ …), mit denen die platzbekannte „Zigeunerin“ vor dem amtsbekannten „Hangover“ Passanten und Anrainer beglückt, bergen immer wieder Konfliktpotenzial in sich – nicht alle kulturellen Eigenheiten der Zuwanderer sind mit dem sittlichen Verständnis der Einheimischen kompatibel. Nicht zuletzt wegen dieses Konfliktpotenzials entschloss sich zum Beispiel Griesplatz-Legende Pepi Gruber, die hier ein stadtbekanntes Schwulen-Beisl betrieb, seine Aktivitäten am Platz einzustellen. Er schloss sein Lokal – für die Szene ein ebenso herber Verlust wie für die Bevölkerung der der Bank Austria, die als einziges Geldinstitut im Umkreis ebenfalls jüngst ihre Pforten für immer schloss. Das ebenfalls leerstehende Postgebäude am A1-Hochhaus ist ein weiterer stummer Zeuge davon, dass es mit den institutionellen Nahversorgern im Bezirk ein wenig hapert. Pläne, um den Griesplatz wieder attraktiv zu machen, gab es bereits genug. Eine kulinarische Meile – ähnlich dem Wiener Naschmarkt – war einmal angedacht, auch ein neues Verkehrskonzept, das die Straßenbahn über den Platz hätte führen sollen – passiert ist bisher leider nichts von alledem. Da gilt es schon als Segen, dass hier noch ein Waschsalon beheimatet ist, der in Graz seinesgleichen sucht. Oder dass sich neue Gastronomen mit Niveau am Griesplatz ansiedeln, wie zuletzt das „Glamour“. In dem stilvollen Gewölbe wird die Travestiekunst groß geschrieben – die Gruppe „Glamour Girls“ bringt Farbe in das Alltags-Grau.

Ein Stückchen zu Hause

Dennoch wissen die Bewohner im Mittelpunkt vom Gries dessen Qualitäten zu schätzen. Ein gewisses Maß an Infrastruktur und die Anbindung durch die öffentlichen Verkehrsmittel an die Innenstadt sind einige der Vorteile, die man als Gries-Bürger hat. Daher kommen Besucher auch aus allen Richtungen, um etwa bei „Bürsten- und Korbwaren Schmidt“ einzukaufen. Seit über 160 Jahren besteht das Geschäft, das Ilse Oberhuber mit ihren rüstigen 93 Jahren noch selbst führt. In der Mittagspause gönnt sich die Chefin täglich einen Spritzer und eines der hausgemachten Menüs im Jausnstadl in der Brückenkopfgasse. Die kleine Kneipe von Karl Passarnegg und Wilhelm Brandner gilt auch als Geheimtipp in Sachen Essenszustellung. Frau Ilse hat seit fast 100 Jahren den Überblick über die Veränderungen im Bezirk: „Früher war hier am Griesplatz halt vieles anders“, erinnert sie sich. Ihre Hoffnung darauf, dass dem Gries eine bessere Zukunft beschieden ist, ist dennoch ungebrochen.

Autor: Johannes Roth, 26.01.2015