Freundschaft: Unzertrennliche Partner fürs Leben?

Paul und Michael sind Sandkastenfreunde – in der Volksschule haben sie einander kennengelernt und waren bis zur Matura die besten Freunde. Also eine Freundschaft fürs Leben? „Das ist schwer zu sagen“, weiß Elisabeth Oberzaucher, Verhaltensbiologin an der Uni Wien. „Freundschaft hat viel mit räumlicher Nähe zu tun. Wenn einer z. B. für das Studium wegzieht, dann wird die Freundschaft ohne große Anstrengungen kaum erhalten bleiben.“ Denn: Die Zahl der engen Freunde bleibt unser Leben lang gleich – im Schnitt bei sechs Freunden. Kommen neue hinzu, müssen alte weichen. Und: Die Hälfte eines persönlichen Freundeskreises ändert sich alle sieben Jahre komplett.

Die Kriterien

Sechs intime Freunde, 15 enge Freunde und 50 gute Freunde – dieses Schema gilt auch in Zeiten sozialer Netzwerke. Denn unsere Kapazität, enge, emotionale Bindungen zu haben, ist begrenzt. Und wie finden wir nun diese Freunde? Ein wichtiges Kriterium ist, dass wir die Person als uns ähnlich wahrnehmen – dazu kommt aber auch eine Spur Berechnung: Wie gut kann diese mich unterstützen, amüsieren oder unterhalten? Dieser Pragmatismus ist völlig normal und evolutionär bedingt – für unsere Vorfahren war ein gut funktionierendes Netzwerk überlebensnotwendig. Einen großen Anteil bei der Freundessuche hat aber auch der Zufall – wer bei der Arbeit, in der Schule oder im Hörsaal nebeneinander sitzt, wird eher befreundet. Wobei allerdings die Forschung erst kürzlich Verblüffendes herausgefunden hat: Wir suchen uns unbewusst diejenigen als Freunde, die genetisch zu uns passen – fast wie Verwandte.

Der Einfluss der Freunde

Freunde haben übrigens einen ganz entscheidenden Einfluss auf unsere Einstellungen. Studien belegen sogar, dass un­sere Freundeskreise – egal, ob virtuell oder real – unsere politischen Einstellungen, unsere Kreativität sowie unser Glücksempfinden wesentlich prägen. Der Beweis: Bei den letzten US-Kongresswahlen wurde belegt, dass das Wahlverhalten durch Freunde beeinflusst wird – wenn die Freunde wählten und dies auf facebook posteten, war die Wahrscheinlichkeit wesentlich höher, dass der Freundeskreis auch wählen ging.

Die große Suche

Doch wo finden wir heute Freunde? Wer am Arbeitsplatz zu seinen Nachbarn blickt, sieht mit ­großer Wahrscheinlichkeit zumindest einen Freund. In einer Gallup-Studie hat immerhin jeder dritte Deutsche angegeben, einen besten Freund im Job zu haben. Nachdem wir die meiste Zeit unseres erwerbsfähigen Lebens am Arbeitsplatz verbringen, ist das ja auch logisch – gemeinsame Ziele verbinden. Über das Internet finden sich übrigens kaum enge Freundschaften – 73 Prozent glauben nicht daran, dass diese außerhalb der virtuellen Welt funktionieren können. Was allerdings erstaunlich ist: 30 Prozent der Freundschaften gehen aus Liebesbeziehungen hervor.

Mut zum Makel

Warum klappt es also mit Freundschaft, aber nicht mit der Liebe? Die Erklärung ist einfach: Im Gegensatz zu unseren Lebenspartnern, haben es Freunde relativ leicht. „Sie müssen nicht perfekt sein“, erklärt Verhaltensforscherin Oberzaucher. „Freunde müssen keine so hohen, utopischen Ansprüche erfüllen. Wir haben mehrere Freunde, die alle unterschiedliche Stärken und Schwächen haben. Das akzeptieren wir. Ein Partner allerdings muss perfekt sein in ­jeder Hinsicht.“

Die zweite Familie

Sind Freundschaften heute also die bessere Familie? „So radikal würde ich das nicht formulieren. Allerdings sind wir heute mobiler, die Familie lebt ­mitunter weit entfernt. Der Freundeskreis übernimmt daher immer häufiger die Funktion einer Familie“, erklärt Oberzaucher. Wie Soziologe Janosch Schobin vom Hamburger Institut für Sozialforschung herausfand, stehen bei rund zehn Prozent der 18- bis 55-Jährigen die Freunde bereits im Zentrum des Lebens – Tendenz steigend. Die demografische Entwicklung trägt dazu bei: Althergebrachte Familienstrukturen brechen auf. Oder anders ausgedrückt: Das Einzelkind von zwei Einzelkindern hat keine Onkel, Tanten oder Cousins. Und schließlich kann man sich Freunde aussuchen, Familie nicht. Familie ist somit ein stärkeres Bündnis, aber kein gesünderes.

Fit dank Freunden

Freundschaften machen uns gesund – oder umgekehrt ausgedrückt: Keine sozialen Kontakte zu haben ist genauso schädlich wie 15 Zigaretten am Tag. Einsamkeit ist zudem deutlich schädlicher als keinen Sport zu treiben. Wer umgeben von Freunden alt wird, hat außerdem eine um 22 Prozent hö­here Lebenserwartung sowie ein verringertes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen. Ein ausgeglichener Freund macht uns sogar glücklicher als der Ehepartner. Denn in Zeiten, in ­denen 40 Prozent der Ehen ­geschieden werden, verschafft der Freundeskreis Stabilität.

Harry-und-Sally-Syndrom

Dabei war das Konzept „Freundschaft“ ursprünglich eine Zweckgemeinschaft – und auch lange Zeit reine Männersache war. Bis weit ins 20. Jahrhundert brachte nämlich niemand Frauen mit Freundschaft in Verbindung. „Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Frauen heute als sozial kompetent und begabt in Sachen Freundschaft gelten. Männern wird dies hingegen abgesprochen“, weiß Susanne Lang, ­Autorin von „Ziemlich feste Freunde“. Es gibt tatsächlich Geschlechterunterschiede in puncto Freundschaft. Während Frauen Face-to-Face-Freundschaften pflegen, sind es bei Männern sogenannte Side-to-Side-Freundschaften. Doch können platonische Freundschaften zwischen Männern und Frauen funktionieren? Verhaltensbiologin Oberzaucher ist überzeugt: „Männer haben im Schnitt 5,5 Freunde, Frauen 6,5. Im Durchschnitt ist je ­einer davon gegen­geschlechtlich.“

Friends forever?

Freundschaften ein Leben lang – das scheint dennoch ein Auslaufmodell. Doch die digitalen Netzwerke haben daran keine Schuld: „facebook hat teilweise zu einem verzerrten Bild geführt, wer als Bekannter und wer als realer Freund bezeichnet werden kann. Tatsächlich aber sind wahre Freundschaften heute nicht ungezwungener als früher“, weiß Psychologin Daniela Renn. Die Interaktion im Cyberspace ist also nicht – wie oft behauptet – unrealistisch, oberflächlich und sogar feindselig. „Freundschaften werden heute inten­siver gelebt.

Die ältere Generation zieht in WGs statt in Altenheime und experimentiert mit der Unterstützung von Freunden statt Familie. Auch bei den Jüngeren bestätigt sich ein gnadenloser Umgang mit Freunden aufgrund der so­zialen Netzwerke nicht. Diese sind vielmehr ein neues Instrument zur Inszenierung der sogenannten ABFFL*.“ Beruhigend, dass sich Freundschaft also nach wie vor durch Vertrautheit, gemeinsam verbrachte Zeit, Unterstützung, gleiche Interessen und einem Gleichgewicht von Geben und Nehmen definiert.

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14.04.2015