Freimaurer: Österreichs Großmeister im Interview

Weekend: Es ranken sich viele Mythen um die Freimaurer. Was davon stimmt?

Georg Semler: Was die Mythen betrifft, die sich um die FM ranken – da kann man weit zurückgreifen. Manche – nicht immer wissenschaftlich fundierten – Arbeiten über die Freimaurer beziehen sich auf die antiken Mysterienbünde, die römische „societas fabrorum“, die Tempelritter und die mittelalterlichen Bauhütten. Elemente davon finden sich vielleicht auch noch heute in der aktuellen Freimaurerei, doch historisch betrachtet handelt es sich hier um eine Gründung, die das gesellschaftliche Umfeld der Gründungszeit widerspiegelt, nämlich das ausgehende 17. und frühe 18. Jahrhundert. Logen, die den heutigen ähnlich waren, gab es vermutlich bereits vor 1650. Gegründet wurde die „moderne“ Freimaurerei aber am 24. Juni 1717. Diese Periode war gekennzeichnet durch einen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufbruch, ein Zurückdrängen irrationaler, autoritärer Denkmuster durch Vernunft, Aufklärung und beginnende demokratische Strömungen.

Weekend: Was macht die Faszination aus?

Georg Semler: Die Faszination der Freimaurerei wird aus mehreren Quellen gespeist. Erstens gibt es zahlreiche historische Figuren aus Kunst, Wissenschaft und Politik, deren Glanz bis heute strahlt: gern genannt werden da immer wieder Mozart, Goethe, Isaac Newton, Benjamin Franklin oder die Gründer der Vereinigten Staaten. Zweitens gibt es freimaurerische Rituale, und auch wenn diese der Öffentlichkeit zumindest nicht vollständig bekannt sind, übt allein das Wissen um deren Existenz eine gewisse Faszination aus. Menschen – auch und gerade in unserer hektischen, oberflächlichen Zeit – sind seit alters her empfänglich für Rituale. Rituale schaffen einen virtuellen Raum der Vertrautheit, der Gemeinsamkeit, der Nähe. Drittens leben wir in einer Zeit, in der Werte wie Solidarität, direkte zwischenmenschliche Kommunikation, Toleranz über ethnische und religiöse Grenzen hinweg, vorurteilsfreier Diskurs, Nähe und Offenheit zu kurz kommen. Für diese Werte steht die Freimaurerei. Da muss ich aber gleich einschränken: Das sind Zielvorstellungen, an deren Erreichung wir arbeiten. Aber natürlich gibt es auch immer wieder Konflikte oder Freimaurer, die sich eben nicht daran halten. Wir sind eben Menschen.

Weekend: Warum die Geheimhaltung?

Georg Semler: Die Geheimhaltung hat vor allem historische Gründe, die aber zumindest teilweise bis heute wirksam sind. In autoritären Strukturen stellen demokratische, liberal gesinnte Organisationen natürlich eine Bedrohung dar. Solche autoritären Strukturen dominierten Europa in der Gründungszeit der FM. Auch die katholische Kirche hat sich – meiner Meinung nach aus einem Missverständnis heraus – gegen die FM gestellt. Das Missverständnis bestand –und besteht teilweise bis heute – darin, zu glauben, die FM sei gegen die Kirche und gegen Religion eingestellt, was natürlich nicht stimmt. Was die FM aber fordert, ist Toleranz gegenüber jeder religiösen Überzeugung. Für Gedankengebilde, die einen Universalitätsanspruch stellen – und das tun Religionen eben oft – mag allein das schon eine Herausforderung sein. Daher gibt es bis heute in manchen Kreisen Ressentiments gegen die FM, und um deren Mitglieder vor beruflicher Diskriminierung zu schützen, wird die Mitgliedschaft geheim gehalten. Aber wer sich über die FM informieren will, findet dazu tausende Bücher, in denen zahlreiche Aspekte beschrieben werden. So etwas wäre über einen Geheimbund nicht möglich.

Weekend: Haben Freimaurer politischen Einfluss?

Georg Semler: Die Freimaurerei selbst verfügt über keinen politischen Einfluss. Das kann man ganz logisch erklären: Es wäre ja vollständig unmöglich, einen solchen Einfluss in der Praxis auch nur zu formulieren, da ja Mitglieder zahlreicher politischer Richtungen bei uns vertreten sind. Also da möchte ich nicht dabei sein, wenn eine politische Stoßrichtung der Freimaurerei festgelegt werden soll! Direkter politischer Einfluss wäre also gar nicht möglich. Aber natürlich gibt es ein freimaurerisches Wirken in der Politik –nämlich dann, wenn Freimaurer direkt involviert sind. Lassen Sie mich das an einem Beispiel aus der Vergangenheit erklären: Ferdinand Hanusch hat als Sozialpolitiker Krankenversorgung und Sozialgesetzgebung in Österreich maßgeblich beeinflusst. Er war ebenso Freimaurer wie einige seiner Verhandlungspartner auf Unternehmerseite. Die für Europa beispielgebende österreichische Sozialgesetzgebung wurde also maßgeblich durch Freimaurer befördert – aber natürlich ohne jegliche Mitwirkung der Großloge oder einzelner Logen. Und so sind Freimaurer auch heute aufgerufen, wo auch immer sie in der Gesellschaft stehen, für Humanität einzutreten.

Schon gelesen?

Geheimnis umwittert: Was Geheimbünde ausmacht

Alle Themen finden Sie in der aktuellen Ausgabe.

Autor: Weekend Online, 26.05.2015