„Des Geldes wegen macht den Job niemand“

Eisenstadt, Freitagmittag. Während die Landeshauptstadt zusehends in der vor-österlichen Wochenend-Lethargie versinkt, steht Robert Hergovich unter Dauerstrom. „Wir machen die G’schicht später fertig, ich muss zum nächsten Termin“, raunt er in der Parteizentrale seinem Presse-Adlatus Reinhard Huber zu. Zu diesem Zeitpunkt hat Hergovich, SPÖ-Landesgeschäftsführer und -Wahlkampfmanager schon knappe fünf Stunden an Büroarbeit und Besprechungen hinter sich. Hurtig die elegante Steppjacke über den drahtigen Körper geworfen, geht’s per pedes über die Fußgängerzone in ein adrettes Kaffeehaus. Auf dem Weg dorthin: Bekannte begrüßen, smalltalken mit der Bevölkerung, Hände schütteln – auch mit Vertretern der politischen Konkurrenz, die in der „Fuzo“ um Stimmen bei der Landtagswahl am 31. Mai keilt. Von wegen Streithanseln! „Ich habe auch mit anderen Partei-Zugehörigen ein durchwegs intaktes Verhältnis“, sagt Hergovich: „Mein Credo: Es muss möglich sein, mit politischen Mitbewerbern auf ein Bier zu gehen, auch wenn uns inhaltlich vielleicht Welten trennen.“

Senkrechtstarter
Ein paar Meter weiter, im einladenden Restaurant „Bienenkorb“: ein ganz ähnliches Schauspiel. Christoph Wolf, der Jungstar der ÖVP-Burgenland, nippt an seinem gespritzten Apfelsaft, als er von einem freundlichen Herrn mit großväterlichem Habitus „überfallen“ wird. Der Mann hat sichtlich Freude am unangekündigten Plausch mit dem „erfolgreichen Politiker“. „Das haben jetzt Sie gesagt“, kontert Wolf mit charmanter Schlagfertigkeit. Wolf ist der Senkrechtstarter der burgenländischen Schwarzen. Mit noch nicht einmal 29 Jahren kann der Vizebürgermeister von Hornstein bereits auf eine volle Periode im burgenländischen Landtag zurückblicken. Der Welpenschutz des „Nesthäkchens“ im Landtag war schnell passé. „Ich glaube, dass von der älteren Generation gewisse Dinge anders gesehen und diskutiert werden. Als Junger bist du pragmatischer und unbekümmerter, während bei Älteren oft im Vordergrund steht, niemandem wehzutun.“

Junger Routinier
Auch SPÖ-Kollege Hergovich firmiert trotz seiner spät-jugendlichen 38 Lenzen schon als Routinier auf dem oft tückischen Polit-Terrain. Die Spielregeln des täglichen Polit-Geschäfts hat er längst verinnerlicht. Die Damen-Runde im Kaffeehaus inmitten der Fußgängerzone fühlt sich geschmeichelt, als Hergovich leger mit ihnen plaudert. Beim nachmittäglichen Ostereier-Verteilen im Eisenstädter Einkaufszentrum rennt der Schmäh, Hergovich ist in seinem Element. „Der direkte Kontakt zu den Menschen ist mir sehr wichtig“, beteuert er. Man nimmt’s ihm ab. Ob es denn gar keine Termine gebe, die er sich lieber schenken würde? „Fast nie“, sagt er. Und das obwohl jeder Arbeitstag um spätestens 7 Uhr beginnt und frühestens um 22 Uhr endet. „Manche sagen, ich sei ein Workaholic. Aber wenn man etwas gerne macht, dann empfindet man das nicht als Arbeit.“

Kaum Privatsphäre
Privatsphäre gibt’s dabei kaum. Das beweist auch ein stichprobenartiger Blick auf Christoph Wolfs Terminkalender. Tagwache ist um spätestens 6.30 Uhr, danach gibt’s entweder Morgensport oder schon in aller Herrgottsfrüh die Fahrt ins Hornsteiner Rathaus, um diverse Unterschriftentätigkeiten zu leisten. Der Vormittag ist entweder zugepflastert mit Terminen in der Gemeinde oder im Landtag. Bevorzugtes Thema dieser Tage: die Landtagswahl am 31. Mai. In dieser Tonart geht’s weiter bis in die späten Abendstunden: Sitzungen, Besprechungen, Treffen mit der Bevölkerung, Abendveranstaltungen, Vertretungstermine für Landes-Vize Franz Steindl. Um trotz all des Trubels etwaige Anflüge von Langeweile zu ersticken, arbeitet Wolf auch noch Teilzeit in einer Steuerberatungskanzlei.

„Reich wird man nicht“
Wozu all der Aufwand? Warum sein (Privat-)Leben opfern, wissend, dass das Engagement in der Politik oft nur von kurzer Dauer ist und jederzeit vorbei sein kann? Geld? Eher kaum. Zwar mutet das Brutto-Grundgehalt eines burgenländischen Landtagsabgeordneten von 5.300 Euro auf den ersten Blick recht üppig an. Dividiert man die Zahl durch die wöchentliche Arbeitsstundenanzahl, wirkt sie schon weit weniger monströs. Abgesehen davon müssen vom Brutto-Gehalt Versicherungen, Steuern, Klubabgaben abgezogen werden. Aus dem sich daraus ergebenden Netto-Gehalt gilt es nicht selten, Ballspenden zu tätigen und auf diversen Festen die allerorts beliebten „Runden“ zu schmeißen. Einer Faustregel bleiben den Abgeordneten von ihrem Bruttogehalt maximal 40 Prozent netto im Börserl. „Reich wird man von unserer Arbeit nicht. Des Geldes wegen macht diesen Job sicher niemand“, sagt Hergovich, hakt im gleichen Atemzug aber ein: „Wir dürfen uns aber nicht beschweren. Ich komme schon gut über die Runden.“ Wolfs Attest: „In der Privatwirtschaft wäre bei gleichem Einsatz wohl deutlich mehr zu verdienen.“

Gestaltungswille
Die für Politiker demnach wertvollste Währung ist nicht Geld. Gestaltungswille und Anerkennung ist bei aller Plattitüdengefahr ihre Triebfeder. Hergovich, wie Wolf ebenfalls in der Kommunalpolitik tätig, konkretisiert: „Wenn man in der Gemeinde etwa die Errichtung eines Kinderspielplatzes beschließt wird und man sieht ein, zwei Jahre später schon Kinder drauf spielen, ist das etwas unheimlich Erfüllendes.“ Wolf schlägt in eine ähnliche Kerbe: „Gerade mit unserem neuen Team in der ÖVP Burgenland können wir, so bin ich überzeugt, viel bewirken und gestalten. Das spornt mich an.“ Politisch oft weit voneinander entfernt – DNA-technisch dürften Wolf und Hergovich aber ganz ähnlich ausgerüstet sein.

Autor: Manfred Vasik, 18.04.2015