Gefährliche Schönheitsoperationen: Grazer Ärzte warnen

Die ewige Jugend als Schönheitsideal wird uns Tag für Tag von Fernsehen, Magazinen und im Internet vor Augen gehalten. Seit einiger Zeit lässt sich aber ein Trend erkennen, der in eine völlig andere Richtung geht: Bekannte Firmen wie Dove und Nike werben mit „natürlichen“ Models, an denen man auch Makel erkennen kann. In der Musikindustrie ist die Steh-zu-deinem-Aussehen-Welle spätestens mit Christina Aguileras „Beautiful“ und Sängerin Colbie Caillat, die in ihrem Musikvideo zu „Try“ auf Darstellerinnen mit kleinen Makeln setzt, angekommen. Aber: Immer noch lassen sich Beautytrends und Behandlungsmethoden ausmachen, über deren Sinnhaftigkeit sich streiten lässt.

„Die Zeiten von mimiklosen Maskengesichtern und Schlauchbootlippen sind vorbei: Der Trend – auch in den USA – geht hin zu verjüngten Gesichtern mit natürlicher Ausstrahlung. Nun gibt es Faltenfiller, die der Beweglichkeit der körpereigenen Hyaluronsäure nachempfunden sind. Durch ihr innovatives 3D-Netzwerk und die korrekte, professionelle Platzierung werden die Lebendigkeit und Dynamik des Gesichtes bewahrt. Ganz nach dem Motto: Jeder sieht es, aber keiner weiß davon.“
Dr. Karin Braun de Praun, Spezialistin für Ästhetische Medizin

Kieferbruch

Vor allem in Südkorea legen sich junge Frauen für einen Eingriff, bei dem Ober- und Unterkiefer gebrochen und neu geformt werden, unters Messer. Einige Kliniken werben sogar mit großflächigen Anzeigen für diesen riskanten Eingriff. „In Österreich werden solche Operationen ausschließlich bei medizinischer Indikation und mit Konsultation eines Kieferchirurgen oder Zahnarztes durchgeführt. Und zwar nur, um Fehlstellungen der Zähne und des Kiefers vorzubeugen“, erklärt Primar Dr. Johann Umschaden, Leiter der Schwarzl Klinik. In Korea sieht man dies offenbar nicht so eng: Entstellungen des Mundes und der Zähne werden einzig in Kauf genommen, um das koreanische Schönheitsideal eines kleinen, zierlichen und ovalen Gesichts zu erfüllen. Bei 52 % der Patienten stellt sich übrigens nach einem solchen Eingriff ein dauerhaftes Taubheitsgefühl oder sogar Lähmungserscheinungen im Gesicht ein (Quelle: International Society of Aesthetic Plastic Surgeons). Die Schmerzen sind mitunter so qualvoll, dass sie nicht mehr zu ertragen sind: Eine koreanische Studentin beging nach der Operation Selbstmord, in ihrem Abschiedsbrief nannte sie die Folgen der Operation als Grund.

Wahre Größe

Immer mehr Männern und Frauen kommt es auf die Größe an – die Körpergröße nämlich. Beinverlängerungen boomen. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen Eingriff, der nicht nur riskant, sondern vor allem schmerzhaft ist: Dem Patienten werden die Extremitäten gebrochen und eine Teleskopstange eingesetzt. Diese dehnt sich langsam aus (ca. 1 mm pro Tag). In der Lücke bildet sich neues Knochengewebe, im Durchschnitt sind 13 bis 18 cm Längenzuwachs möglich. Die Liste der Risiken ist dabei ebenso lang wie die Behandlungsdauer: Entzündungen, Fehlstellungen der Knochen und Bewegungseinschränkungen in den Gelenken – um nur einige zu nennen – sind keine Seltenheit. Hierzulande sind solche Operationen jedoch kaum nachgefragt. Experte Umschaden: „Ich kenne keinen Chirurgen, der einen solchen Eingriff aus rein kosmetischen Gründen durchführen würde. Das Risiko, bei zu schneller Ausdehnung Schäden zu verursachen, ist immens, von der Möglichkeit von Infektionen gar nicht zu reden.“

Nicht länger, aber dicker

Apropos Länge: Rund 45 % aller Männer sind laut einer britischen Studie unzufrieden mit der Größe ihres besten Stücks. Das Internet ist voll von Möglichkeiten, um seinen Penis auf die richtigen Ausmaße zu tunen: Salben, Pillen und Wässerchen allerdings stellen sich bald als wirkungslos und reine Geldverschwendung heraus. Als letzten Ausweg gibt es jedoch noch eine chirurgische Methode, mit der sich zwar nicht die Länge, zumindest aber der Umfang vergrößern lässt. Bei der Penisverdickung wird entweder Fett vom Bauch – juhu! Zwei Fliegen mit einer Klappe – abgesaugt oder Hautgewebe aus dem Po in den Penis gespritzt bzw. verpflanzt. Die Risiken dieser Behandlung sind beträchtlich: Sie reichen von Erektionsstörungen über die Bildung von Narbengewebe bis hin zu dauerhaften Verhärtungen am Penis. Über den gewonnenen Umfang können sich die Patienten übrigens nur temporär freuen: Der Körper neigt dazu, auchin dieser sensiblen Zone die Fettzellen wieder zu resorbieren.

Ich seh in dein Herz …

Von ganz andere Trends wird von jenseits des großen Teichs berichtet: Eine New Yorkerin ließ sich ein drei Millimeter großes Platin-Herz unter die Hornhaut des Auges transplantieren. Die amerikanische Akademie für Augenheilkunde riet ihr zwar davon ab, aber auch diese Warnung konnte die junge Frau nicht von ihrem Vorhaben abbringen. Die Risiken – etwa eine Entzündung oder eine bakterielle Infektion – nahm sie in Kauf. Das Implantat kann zwar durch einen kleinen Eingriff leicht ausgetauscht werden – womit neuen Design-Varianten nichts mehr im Wege steht –, es darf aber bezweifelt werden, dass dieser "Trend" zu einem Massenphänomen wird. „Ich glaube nicht, dass in Österreich in naher Zukunft solche Eingriffe durchgeführt werden. Das Risiko von sowohl bakteriellen als auch Pilzinfektionen ist zum Nutzen nicht in Relation zu setzen“, merkt Prof. Andreas Wedrich, Leiter der Augenklinik am LKH-Graz, an.

„Die Zahl der durchgeführten „gefährlichen Beauty-OPs“ ist erfreulicherweise äußerst gering. Dies ist mitunter darauf zurückzuführen, dass potentielle Patientinnen und Patienten durch die Medien und das Internet sehr informiert sind. Sie wissen über Risiken besser Bescheid und verzichten auf risikoreiche Eingriffe."
Dr. Günther Arco, Grazer Klinik für Aesthetische Chirurgie

Wer schön sein will, muss leiden – oder doch nicht?

Vielleicht ist der neue Werbetrend, der von den Firmen natürlich umsatzoptimierend eingesetzt wird, die Chance für unsere Gesellschaft, vom immer verrücktere Ausmaße annehmenden Schönheitswahn wegzukommen. Vielleicht müssen dann Models nicht mehr mit Photoshop bis zur Unkenntlichkeit retuschiert werden.

Autor: Patrick Deutsch, 30.09.2015