Prozess um angezündete Trafikantin geht weiter

Am Wiener Landesgericht ist am Freitag der Mordprozess gegen einen 47-jährigen Mann fortgesetzt worden, der am 5. März 2021 seine Freundin in ihrer Trafik in der Nussdorfer Straße angezündet hatte. Die 35-Jährige starb trotz vierwöchiger intensivmedizinischer Bemühungen, im Zuge derer ihr mehrere Gliedmaßen amputiert werden mussten, an einem Multiorganversagen infolge der schweren Verbrennungen.

Grausame Tat

Zu Beginn der Verhandlung wurde ein Video abgespielt, das die Tat zeigt. In der Trafik war eine Überwachungskamera installiert, obwohl das Gerät von den Flammen beschädigt wurde, konnte das Bildmaterial im Zuge der Ermittlungen rekonstruiert bzw. gerettet werden. Während das Video abgespielt wurde, herrschte im Großen Schwurgerichtssaal beklemmende Stille. Die Geschworenen und die Zuhörer bekamen zu sehen, wie der Angeklagte in die kleine Trafik kommt, die Tür hinter sich verschließt, sofort auf sein Opfer losgeht, die Frau zu Boden und dann immer wieder kräftig auf sie einschlägt, schließlich ein schwarzes Kabel um ihren Hals schlingt und zusammenzieht. Die Trafikantin wehrt sich zu Beginn gegen den rund zweiminütigen Drosselvorgang, ihr Widerstand erlahmt dann allerdings, was der Angreifer dazu nutzt, den Inhalt eines 500 Milliliter-Fläschchens - Benzin - über sie und das Kassapult zu schütten. Dann zündet er die Frau an. In Sekundenbruchteilen steht das Opfer lichterloh in Flammen. Der Angreifer verlässt das Geschäft, verschließt die Tür und zieht hinter sich einen Rollbalken hinunter.

Großflächige Verbrennungen 

Die 35-Jährige war infolge des Drosselns "schwer benommen und wehrlos, deswegen konnte das Benetzen mit dem Brandbeschleuniger und Anzünden ungestört fortgesetzt werden", führte Gerichtsmediziner Christian Reiter aus. Seinem Gutachten zufolge wurden 75 Prozent der Körperoberfläche der Frau durch die Hitzeeinwirkung schwerst beschädigt. Dessen ungeachtet hatte es die großflächig verbrannte Trafikantin - vermutlich im Schock - noch geschafft, auf eigenen Füßen aus ihrem Geschäft zu kommen, nachdem Passanten die Glastür mit einem Einkaufswagen zertrümmert und aufgebrochen hatten. Auf dem Video einer Zeugin, das diese mit ihrem Smartphone aufgenommen hatten und das ebenfalls den Geschworenen gezeigt wurde, ist zu sehen, wie die Frau mit verbrannten Kleidern aus der Trafik taumelt und sich mit letzten Kräften am Einkaufswagen festhält.

Kampf ums Überleben

30 Tage kämpfte die Frau in einem Krankenhaus um ihr Leben. "Es besteht kaum mehr eine Chance, dass ein Mensch das überlebt", sagte Gerichtsmediziner Reiter. Die Frau habe bis zu ihrem Ableben am 3. April "qualvolle Schmerzen" durchgemacht. Reiters Kollege Daniele Risser erstattete ebenfalls ein Gutachten, der sich vor allem dem Zeitraum widmete, in dem das Opfer im Spital behandelt wurde. Die verbrannte Haut der Frau sei bis in die Muskulatur hinein "denaturiert" gewesen, sagte Risser.

Schmerzensgeld für Hinterbliebene

Die Angehörigen der 35-Jährigen - ihr Vater, ihre Mutter und eine Schwester - werden in dem Strafverfahren vom Wiener Rechtsanwalt Rainer Rienmüller vertreten. Unter Berücksichtigung der besonderen Grausamkeit der Tatausführung und dass die Eltern den wochenlangen Todeskampf ihrer Tochter auf einer Intensivstation miterleben mussten erscheine im vorliegenden Fall ein Trauerschmerzengeld geboten, das über den üblichen Schmerzengeldsätzen liegt, führte Rienmüller aus. Er beantragte für den Vater, zu dem die Getötete ein besonders inniges Verhältnis hatte - sie hatte einen Wohnsitz auf seinem Bauernhof und betreute seine Pferde mit -, den Zuspruch von 50.000 Euro. Für die Mutter, die an einem Gehirntumor leidet, mehrere Operationen hinter sich hat und von ihrer Tochter gepflegt und finanziell unterstützt wurde, machte Rienmüller 60.000 Euro geltend. Mit ihrer Schwester, die sie wöchentlich sah, hatte die Trafikantin ein enges und inniges Verhältnis, die beiden verband unter anderem die Leidenschaft für Pferde. Ihr soll der Angeklagte ein Trauerschmerzengeld in Höhe von 15.000 Euro ersetzen. Der 47-Jährige, der den Tötungsvorsatz bestreitet, wollte die Gutachten nicht kommentieren. Zu den Videos bemerkte er ohne hörbare emotionale Bewegung: „Es tut mir leid.“

Autor: APA Chronik, 01.10.2021