ÖBB: Reservierungspflicht kommt nicht

Volle Züge und Fahrgäste, die trotz Ticket den Zügen verwiesen wurden, da sie keinen Sitzplatz reserviert haben – die ÖBB sorgten in letzter Zeit für Negativschlagzeilen. Die angesprochene Reservierungspflicht kommt nun aber nicht.
Autor: APA Chronik, 01.06.2022 um 11:02 Uhr

Die verstärkte Reiselust, das Klimaticket neu und explodierende Spritpreise sorgen für mehr Bahn-Pendler. Im April und Mai wurden erstmals seit Corona mehr Fahrgäste gezählt, als im selben Zeitraum 2019, dem bisher stärksten ÖBB-Reisejahr jemals.

Im April gab es um zehn Prozent mehr Fern-Passagiere, im Mai dürfte die Steigerung noch größer sein. Weitere Mitgründe sind das mittlerweile flächendeckende Parkpickerl in Wien und auch täglich laut ÖBB 2.000 Passagiere aus der Ukraine, die als Vertriebene gratis mit der Bahn fahren.

Lenkungsproblem

Der Ansturm auf die Eisenbahn aber sorgte zuletzt nicht nur für Freude. Denn es häuften sich Beschwerden über zu volle Züge und immer wieder einmal mussten Passagiere an besonders starken Reisetagen ihren Wunschzug verlassen. „Wir werden besser bei der Prognose, wir werden besser bei der Lenkung“, versprach Sabine Stock, im ÖBB-Vorstand unter anderem zuständig für Fern-, Nah- und Regionalverkehr. „Die Kapazitäten werden auch laufend erweitert“, fügte Klaus Garstenauer bei einem Hintergrundgespräch mit Journalisten hinzu. Er ist im Bahn-Vorstandsgremium unter anderem fürs Flottenmanagement zuständig.

„Insgesamt gibt es absolute Rekordzahlen“, sagte Stock zum Passagieraufkommen. „Wir fahren jedes einzelne Fahrzeug das wir haben“, so Garstenauer. Auf der Weststrecke habe das Plus im April 14 Prozent gegenüber April 2019 betragen. Absolute Zahlen nennen die ÖBB nur fürs Gesamtjahr. Kurzfristig zu Pfingsten werden 13.000 zusätzliche Plätze bereitgestellt. Flottenmanager Garstenauer meinte, man habe den Anstieg erwartet, aber nicht ganz so früh im heurigen Jahr. Grundsätzlich handle es sich bei überfüllten Zügen nicht um ein Kapazitäts- sondern ein Lenkungsproblem, bekräftigte er.

ÖBB investieren 4,1 Milliarden Euro

Da die ÖBB mit weiter steigenden Passagierzahlen rechnen, werden daher bis 2030 4,1 Milliarden Euro in neue und die Erneuerung bestehender Garnituren investiert. Derzeit fahren die ÖBB 111 Millionen Zugkilometer pro Jahr, das ist 2.800 Mal per anno oder 7,5 Mal am Tag um die Erde. Bis 2028 werden es laut Garstenauer mit 125 Millionen Zugkilometer um 12,5 Prozent mehr werden. Dafür wird der integrierte Taktfahrplan ausgebaut. Die Starkreisetage zuletzt und in Zukunft werden aber herausfordernd bleiben, gestanden die Vorstände ein.

„Wir haben Verständnis für Frustration, wenn man aus dem Zug gehen muss“, sagte Stock. Aber: „Wenn wir die Kapazitäten so auslegen, dass immer alle gleichzeitig fahren können, dann stehen Züge sehr oft herum und das ist für den Steuerzahler nicht darstellbar.“ Für die Zukunft ist neben der weiteren stetigen Weiterentwicklung eine Weiterentwicklung der ÖBB-App und ein Ausbau der digitalen Werkzeuge zum Buchen und vielleicht auch fürs Einchecken in den Zug zu rechnen.

Niemand wird im Stich gelassen

„Auch wenn die ursprünglich geplante Verbindung nicht klappt, sorgen wir dafür, dass die gesamte Reisekette für die Fahrgäste gesichert ist“, so Stock. Vorige Woche von Mittwoch um 14 Uhr bis Sonntagabend haben die ÖBB 3,6 Mio. Fernverkehrsreisende in 1.500 Zügen gezählt. 700 Fahrgäste aus elf Zügen mussten ihren Wunschzug verlassen und seien gebeten worden mit dem selben Ticket ein anderes Verkehrsmittel zu nutzen. Dabei sei „keiner stehengelassen“ worden so Stock.

Reservierungspflicht ausgeschlossen

Eine Reservierungspflicht schließen die ÖBB inzwischen aus. Man wolle bei der „einzigartigen Kombination“ bleiben, ein offenes System mit Reservierungsmöglichkeit ohne einer -Pflicht (außer bei Nachtzügen) beibehalten, so Stock. Es handle sich bei ÖBB-Tickets auch um ein reines Streckenbuchungssystem. Man kann also mit dem selben Ticket in einen Railjet oder in einen Regionalzug gehen.

„Diese Flexibilität wollen wir nicht einfach aufgeben. Es gibt keine Pflicht, aber reservieren hilft.“ Dem Vernehmen nach übersteigen Reservierungen niemals 70 Prozent der Plätze. Was die Bahn ausschließt ist, dass Züge ganz durchreserviert werden. Immer müsse Platz für Menschen mit Verbundtickets, Spontanreisende, Klimaticketbesitzer sein.

Tatsächlich am Limit sei der Weg zwischen Wien und Wiener Neustadt. Hier erhofft man sich Abhilfe ab Ende 2023, wenn Fernverkehrszüge die Pottendorfer-Linie nutzen sollen. Mit dem Winter-Fahrplanwechsel am zweiten Sonntag im Dezember dürften heuer auch wieder die Ticketpreise steigen, nachdem dies zuletzt ausgesetzt worden war. Offiziell bestätigt wurde das beim Gespräch aber nicht.