Missbrauchsprozess in Tirol: Ex-Feriencamp-Leiter freigesprochen

Ein 74-jähriger Wiener wurde am Innsbrucker Landesgericht vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Der Mann wurde beschuldigt, in einem Feriencamp am Achensee einen neunjährigen Buben missbraucht zu haben.
Autor: APA Chronik, 14.12.2022 um 09:41 Uhr

Ein 74-Jähriger ist am Dienstag am Landesgericht Innsbruck vom Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs Unmündiger freigesprochen worden. Dem Mann war vorgeworfen worden, im Sommer 2009 als Feriencamp-Leiter am Achensee einen neunjährigen Buben missbraucht und sich damit zusätzlich des Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses schuldig gemacht haben. Laut Anklageschrift soll sich der 74-Jährigen – nach einem vorangegangenen schweren Missbrauch durch einen anderen Betreuer in der Nacht – am darauffolgenden Morgen ebenfalls an dem Burschen vergangen haben. Der zweite Betreuer ließ sich von der Justiz indes nicht mehr ausforschen. Das Urteil war vorerst nicht rechtskräftig.

„Freispruch im Zweifel“

Es handle sich um einen "Freispruch im Zweifel", es bleibe jedoch ein schaler Nachgeschmack, sagte Richter Norbert Hofer in seiner Urteilsbegründung. Im Endeffekt sei das Verfahren wegen "massiver Interventionen", etwa von Seiten eines Kinderschutz-Vereins, "kaputt gemacht worden", erklärte der Richter. Der Verein habe Einfluss auf das mutmaßliche Opfer genommen und dadurch das Verfahren "massiv beeinträchtigt", hielt er in der Urteilsbegründung fest. Dadurch könne es sein, dass die Erinnerung des heute 22-Jährigen "konstruiert" worden sei.

In seinem Schlussplädoyer hatte der Staatsanwalt dagegen davon gesprochen, dass die Aussagen des mutmaßlichen Opfers "linear" gewesen seien. "Widersprüchliche Aussagen gab es aus meiner Sicht jedenfalls nicht", so der öffentliche Ankläger.

Außenansicht des Landesgerichts Innsbruck | Credit: Ernst Weingartner / Weingartner-Foto / picturedesk.com

Erinnerungen „zum Teil schwammig“

Das sah die Verteidigerin des 74-jährigen Wieners anders: "Die Erinnerungen sind zum Teil schwammig". Das mutmaßliche Opfer habe "sicher etwas Unrechtes erlebt", jedoch "nicht am Achensee und nicht mit dem Angeklagten". Ebenjener hatte sich weder im Ermittlungsverfahren noch im Oktober zu Prozessbeginn schuldig bekannt. Auch am Beginn des zweiten Prozesstages änderte der Wiener seine Haltung nicht: "Ich bleibe bei meinen bisherigen Aussagen".

Bereits im Oktober sagte der Angeklagte und damalige Camp-Leiter, es sei vielmehr denkbar, dass sich der besagte Missbrauch "in der Kindheit" des Betroffenen ereignet habe und dieser den Vorfall dann fälschlicherweise im Ferienlager am Achensee verortet habe. Die Staatsanwältin hatte am ersten Hauptverhandlungstag hingegen keinen Zweifel daran gelassen, dass das mutmaßliche Opfer "absolut glaubwürdig ist" und sich der Vorfall am Achensee "tatsächlich ereignet" habe.

Entlastung durch Zeugin

Eine Zeugin, die am Ferienlager am Achensee als Pädagogin mit dabei war und am ersten Verhandlungstag vernommen worden war, hatte den Angeklagten entlastet und ihn als vertrauensvollen Camp-Leiter bezeichnet. Er sei stets sehr vorsichtig und angemessen mit den Kindern umgegangen und auch das Sitzen auf seinem Schoß sei schon "zu viel gewesen". Die Vorwürfe gegen ihn seien deshalb für sie "ein Schock", so die Zeugin.