Vor zehn Jahren sprang Felix Baumgartner aus dem All

Am 15.10.2012 durchbrach der Salzburger Extremsportler Felix Baumgartner als erster Mensch im freien Fall die Schallmauer.
Autor: APA Chronik, 10.10.2022 um 09:18 Uhr

Wir alle saßen gebannt vor den Bildschirmen als Felix Baumgartner mit den Worten "I´m going home now" aus der Kapsel sprang. Der Rekordsprung Stratos in der Wüste von New Mexico hat in vielen Belangen für neue Erkenntnisse gesorgt, allen voran für die Luft- und Raumfahrtprogramme.

Der perfekte Sprung

In einem neuen Dokumentarfilm von Red Bull, der am 10. Oktober Premiere feiert, erinnern sich die Beteiligten vor allem an die bangen Sekunden, als Baumgartner beim Sprung ins Flachtrudeln kam. Bis kurz vor seinem Sprung habe er von vielen Seiten noch Ratschläge bekommen. "Manche Dinge kannst du nur rausfinden, wenn du sie machst", so Baumgartner. Im Vorfeld habe er zahlreiche Bungee-Sprünge absolviert, auch mit dem schweren Raumanzug, um das richtige Abspringen zu üben, um ja nicht schon von Anfang an in eine Rotation zu kommen. "Es war ja so wichtig, dass ich stabil wegspringe." Er habe bis zu 20 Sprünge gebraucht, um die perfekte Haltung zu haben, was ihm dann aus der endgültigen Höhe von 38.969,40 Metern auch gelungen ist.

Felix Baumgartner I Credit: Red Bull Stratos/EPA/picturedesk.com

Trudeln im freien Fall

"Ich bin von einer stehenden in eine liegende Position übergegangen", beschrieb Baumgartner den freien Fall. "Dann hat es plötzlich angefangen zu drehen. Da hab' ich mir gedacht, ah, jetzt geht es los." Nach ein paar Umdrehungen habe das Trudeln aufgehört. Da dachte sich Baumgartner, dass wieder alles ok sei. "Doch dann drehte es sich in die andere Richtung und es ist immer schneller geworden." In der Rotation versuchte er mit Veränderung seiner Armposition das Trudeln zu stoppen. Doch in der Phase sei die Luft so dünn, dass Bewegungen ganz wenig Auswirkungen hätten.

Nerven bewahren

"Es war 'trial and error' und Nerven bewahren", sagte Baumgartner. "Da oben bist du relativ hilflos, beschränkt und begrenzt von deinen Möglichkeiten." Für den Notfall hatte er einen Gravitationsmesser am Handgelenk, der nach einer gewissen Zeit und bei einer bestimmten Gravitationskraft einen Stabilisierungsschirm ausgelöst hätte, der das Überleben sichert. In dieser rotierenden Position durchbrach er dann die Schallmauer. Schlussendlich gelang es ihm, das Flat Spinning zu stoppen und sicher auf der Erde zu landen.

Drei Weltrekorde

Die Federation Aeronautique Internationale (FAI), die sich weltweit um die Datenaufzeichnung von Rekorden in der Luftfahrt kümmert, erkannte mit dem Sprung drei Weltrekorde an. Baumgartner erreichte demnach die Maximalgeschwindigkeit von Mach 1,25 oder exakt 1.357,6 Stundenkilometern, absolvierte den höchsten Absprung von 38.969,40 Metern und den längsten freien Fall mit einer Länge von 36.402,6 Metern. Der Salzburger hat es damit auch ins neue Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Den Höhenrekord durchbrach zwei Jahre später Alan Eustace, der aus 41.419 Metern sprang. 

Kapsel ist in der Schweiz 

Das Equipment, das damals verwendet wurde - die Kapsel, der Anzug, der Ballon -, ist bereits in die Jahre gekommen. Derzeit sind sie im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern zu sehen. Nach so vielen Jahren für die Dokumentation wieder in der Kapsel zu sitzen oder in den Raumanzug zu schlüpfen, "da spürst du das wieder. Du bist sofort wieder in dem Thema drinnen. Du erinnerst dich zurück an das Jahr 2012 und das waren schon sehr interessante und spezielle Momente", meinte Baumgartner. Er könne noch genau sagen, wo welcher Knopf in der Kapsel war. "Ich hab' das ja alles auswendig lernen müssen", so Baumgartner. "Vierte Reihe, sechster Knopf war zum Beispiel mein Sauerstoff." Und das habe sich auf ewig in sein Gedächtnis gebrannt. Die Kapsel sei auch ein fliegendes Live TV Studio gewesen, um den Sprung live über 77 Sender und in 50 Länder zu übertragen.

Stress im Druckanzug

Der Druckanzug habe ihm lange Probleme bereitet. Stunden in diesem Anzug zu verbringen, habe ihn "zu stressen begonnen". Man könne nur schwer darin atmen, man hört nichts mehr und sei "gefangen in seiner eigenen Welt", so Baumgartner. "Es hat auch kurz so ausgesehen, als ob man das Projekt nicht weiterführen hätte können, wenn ich dieses Problem nicht lösen kann." Erst der Psychologe Michael Gervais half ihm, das zu überwinden. "Und das fühlst du alles wieder. Das kommt jetzt alles wieder in die Erinnerung zurück." Neuerlich in dem Druckanzug zu schlüpfen, sei ein "sehr schöner Moment" gewesen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es noch irgendwann einmal die Chance gibt, den Anzug auch anzuhaben."

Kein zweites Mal

Auf die Frage, ob der Salzburger einen solchen Stratosphärensprung noch einmal machen würde, kam "ein klares Nein. Ich habe alles, was ich erreichen wollte, mit diesem Sprung, erreicht". Für ihn gäbe es keine neuen Erkenntnisse dadurch. Zudem wolle er sich weder erneut einem so hohen Risiko aussetzen, noch so viel Zeit und Ressourcen investieren, um zur selben Conclusio zu kommen. "Ich bin ja kein Wiederholungstäter", sagte der Extremsportler, der mittlerweile als Kunstflieger bei Airshows auftritt und international Vorträge hält.

Er bereut keine Aussage

Die Frage, ob er Aussagen, die er in der Öffentlichkeit getätigt hat, bereut, beantwortete Baumgartner mit einem klaren "Nein". Er stehe zu allem, was er gesagt oder gepostet habe. "Ich habe den Luxus und die Freiheit, um das beneiden mich auch viele, meine Meinung sagen zu können." Er bekomme auch viel positives Feedback dafür. "Es wurde medial ein Bild gezeichnet. Und das liegt auch daran, dass ich mir oft nichts gepfiffen hab'. Aber jeder, der mich näher kennengelernt hat, sagt, er habe eine ganz anderen Eindruck jetzt, als er es vorher gehabt hat." Ein politisches Posting von ihm sei schnell in allen Medien, aber dass er Flüge für Kinder organisiert habe, darüber sei nicht berichtet worden. "Aber solange ich solche Begegnungen habe, sind mir solche Shitstorms egal." Nach vier Tagen spreche keiner mehr darüber.

Neue Doku "Space Jump"

"Space Jump: Wie Red Bull Stratos weltweit für Furore sorgte" ist am 10. Oktober um 20.15 Uhr bei Servus TV Österreich zu sehen und am 14. Oktober um 10.00 Uhr weltweit auf der Freesports-TV-App Red Bull TV, um das zehnjährige Jubiläum von Red Bull Stratos zu feiern.