99 Schüler im Kleinwalsertal aus Bergnot gerettet

Die gefährliche Wanderroute im Kleinwalsertal, auf der schließlich der Notruf abgesetzt werden musste, hatten die Lehrer aus dem Internet.
Autor: APA Chronik, 08.06.2022 um 09:29 Uhr

99 Schülerinnen und Schüler sowie acht Lehrer aus Deutschland sind am Dienstag im Kleinwalsertal mit Hubschraubern aus Bergnot gerettet worden. Die Lehrerschaft hatte aus dem Internet eine Wanderroute ausgewählt, die weder der Bekleidung und dem Schuhwerk der Jugendgruppe, noch ihrer Bergerfahrung entsprach, teilte die Polizei Vorarlberg in der Nacht auf Mittwoch mit.

Kinder gerieten in Panik

Die aus Zwölf- bis 14-Jährigen bestehende Gruppe aus Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz) brach gemeinsam mit ihren Lehrern gegen 15.00 Uhr von Schöntal in Hirschegg zum Walmendinger Horn (1.990 Meter) nach Mittelberg auf. Die nicht beschilderte Tour – die die Lehrer aufgrund einer Beschreibung im Internet gewählt hatten - führte über den schmalen Heuberggrat, der laut Polizei "Schwindelfreiheit, Trittsicherheit sowie Erfahrung im alpinen Gelände erfordert". Der Steig war zudem aufgrund der vorhergehenden Regenfälle nass und glitschig. Als eine Teilgruppe sich aufgrund der schwierigen Verhältnisse zur Umkehr entschied, rutschten zwei Schüler ab und zogen sich leichte Verletzungen zu. Daraufhin gerieten einzelne Kinder in Panik, weswegen eine Lehrperson einen Notruf absetzte.

Unterkühlt und völlig aufgelöst

Etwa 70 Personen der Gruppe wurde mit zwei Hubschraubern mittels Taubergung und Evakuierungssets geborgen, die anderen stiegen von der Bergrettung begleitet ab. Anschließend wurden Schüler und Lehrer mit den Fahrzeugen von Bergrettung und Feuerwehr in die Unterkunft gebracht. „Mehrere Schüler waren erschöpft, unterkühlt, durchnässt und völlig aufgelöst“, beschrieb die Polizei die Situation. Der Fall werde nach Abschluss der Erhebungen der Staatsanwaltschaft Feldkirch zur strafrechtlichen Beurteilung übermittelt, hieß es. Drexel betonte, wie wichtig es gewesen sei, mit zwei Hubschraubern zu arbeiten. Die Schüler habe man im Takt in Dreiergruppen vom Berg geflogen. „Man kann sich ausrechnen, wie oft geflogen werden musste“, sagte Bergrettung-Pressesprecher Klaus Drexel. Auch seien die Wetterbedingungen bei immer wieder auftauchenden Regenzellen schwierig gewesen. Seitens der Polizei wurde ebenfalls die Menge an zu rettenden Personen als größte Herausforderung gesehen. „Es galt, die Schüler so schnell wie möglich vom Berg zu bringen, ehe Dunkelheit einsetzte“, so Wolfgang Dür von der Landespolizei auf APA-Anfrage. Die Bergung dauerte in etwa drei Stunden.

User beschrieb Route als „harmlos“

Für großes Unverständnis sorgte, dass die Lehrer die Route aufgrund eines Internet-Eintrags gewählt hatten. Ein User hatte die Tour über den Heuberggrat auf einer Bergwanderer-Website als „klasse Feierabendrunde“ beschrieben. Allerdings handelt es sich bei dem User um einen sehr erfahrenen Berggeher, der laut Recherche des „Standard“ auf seinem Profil feststellt: „Daher bitte ich, sich nicht blind auf meinen Bericht zu verlassen, sondern sich gut auf die entsprechende Tour vorzubereiten sowie die Situation vor Ort immer kritisch zu prüfen.“

Drexel riet dringend davon ab, Touren aufgrund von Beschreibungen im Internet zu planen. „Das ist sehr, sehr kritisch zu sehen. Dort werden auch alte, ungewartete Wege beschrieben, die mittlerweile zugewachsen sind“, stellte Drexel fest. So könne man leicht in eine "ungute Situation" geraten. In letzter Zeit hätten aber mehrere Rettungsaktionen durchgeführt werden müssen, weil sich Personen auf irgendwelche Apps verlassen hätten, bedauerte er.

Fahrlässig

Für den Österreichischen Alpenverein (ÖAV) war klar, dass die Lehrpersonen, die ihre Schüler in diese missliche Lage brachten, in der Verantwortung stehen. „Da ist ganz sicher von Fahrlässigkeit auszugehen“, meinte ÖAV-Experte Thomas Wanner gegenüber der APA. Die Rettungsaktion könnte für die Pädagoginnen und Pädagogen auch finanzielle Folgen haben, sollten sie sich im Vorfeld nicht versicherungsrechtlich abgesichert haben. „Eine Hubschrauber-Bergung kostet 3.000 bis 5.000 Euro, wenn alles gut geht“, wusste Wanner.

Bergcheck

Um Bergtouren seriös zu planen, verwies der Bergretter auf den „PEAK Bergcheck“ - P für Planung, E für Einschätzung, A für Ausrüstung und K für Kontrolle. Dabei geht es um die Klärung von Fragen wie „Was habe ich vor?“, „Ist diese Wanderung für mich geeignet?“, aber auch um Ausrüstungsfragen und darum, wie man sich während der Wanderung fühlt. Wenn man sich bezüglich einer Tour unsicher sei, könne man sich jederzeit beim Tourismus- oder dem Alpenverein oder der Bergrettung erkundigen. Das schaffe Sicherheit, empfahl Drexel diese Vorgangsweise.