Rattenberg: Weihnachtlich glänzet das Glas

Es gibt Orte, in der Weihnachten noch so richtig zu spüren ist und Rattenberg gehört zweifelsohne dazu. Ein Advent-Spaziergang durch die Südtiroler Straße offenbart genau das. In den wunderschön dekorierten Auslagen glitzert und glänzt der Weihnachtsschmuck, den eines eint: er ist aus Glas, wie es der jahrhundertelangen Tradition der mittelalterlichen Stadt entspricht. Hier leben zwar nur 400 Menschen, sechs bis sieben Betriebe haben die Arbeit mit Glas aber zu ihrer Lebensgrundlage gemacht.

In einem Fenster der größten Auslage der Straße kann man eine Frau dabei beobachten, wie sie einen Stern in die Oberfläche einer Weihnachtskugel zeichnet. Nicht etwa mit einem Stift, sondern mit einem Diamantaufsatz - einfach so, ohne Vorlage. „Nach 30 Jahren Erfahrung mache ich das Freihand“, sagt Andrea Salchner, die wie ihr Chef Hannes Kisslinger vor vielen Jahren die Glasfachschule Kramsach abgeschlossen hat. Seither arbeitet sie in seiner Schauglasbläserei, deren Geschichte bis ins Jahr 1640 zurückreicht. Glas erlebt eine Renaissance und damit auch Weihnachtsschmuck aus Glas, vor allem, seit Plastik immer mehr zum Tabuthema wird. „Wir machen an die 60 Prozent des Umsatzes mit unserem Weihnachtsschmuck“, erklärt Kisslinger. Auch, wenn eine handbemalte Kugel zwischen 12 und 14 Euro kostet, die aufwendiger bemalten sogar 25 Euro. „Wir setzten auf Qualitätsbewusstsein. Unsere Produkte kommen aus Österreich und sind damit nachhaltig. Jeder der sie kauft sichert außerdem Arbeitsplätze.“ Dazu kommt, dass jedes Produkt durch die Handarbeit ein Unikat darstellt - im Gegensatz zu industriell gefertigter Ware.

„Kommen’s, ich zeig‘ Ihnen wie eine Weihnachtskugel entsteht“, sagt Kisslinger und geht durch sein 1.500 m² großes Reich vorbei an Fröschen mit großen Glupschaugen, schön geschwungenen Karaffen und fein geschliffenen Gläsern und Vasen in Richtung Glasbläserei.  „Wir sind die Einzigen, die noch einen Ofen haben, alle anderen arbeiten mit Tischbrennern.“ An besagtem Ofen geht es heiß her. Bei 1.200 Grad entsteht aus einem Gemisch aus Quarzsand, Pottasche und Kalk eine rotglühende, dickflüssige Masse, die von einer Glasmacherpfeife aufgenommen und durch Drehen und Blasen kunstvoll geformt wird. „Bei den Weihnachtskugeln wird der Werkstoff auf einen Durchmesser von 75 bis 80 Millimeter aufgeblasen. Als Orientierung dient eine Schablone, aber es braucht auch Augenmaß.“ Trotzdem gleicht keine Kugel der anderen. Das ist es auch, was sie so besonders macht. Drei Minuten Zeit haben seine Mitarbeiter zur Formgebung, dann ist das Material von 1.200 auf 700 Grad abgekühlt und erstarrt. Die Kugel wird vorsichtig von der Pfeife gelöst, kommt in einen 600 Grad heißen Kühlofen und ruht dort einen Tag. Dabei ist heiß und kalt kein Widerspruch, da durch den Temperaturschock eine Beschädigung vermieden wird.

Der Mitarbeiter am Ofen hat gerade eine kobaltblaue Kugel fertiggestellt, auch wenn in der Gegend vor allem grüne und rote Exemplare gefragt sind.  „Es ist bei uns Tradition, die Christbäume in diesen Farben zu schmücken“, sagt Kisslinger, der auch die Schweiz, Italien, die USA und hippe Städte wie Berlin zu seinen Kunden zählt. „Da steht schwarz-weißer Schmuck hoch im Kurs, aber auch Pink.“ Er selbst schmückt seinen Christbaum jedes Jahr neu - oder besser gesagt, seine Frau. „Es bleibt aber immer traditionell. Heuer werden es mit Engeln bemalte transparente Glaskugeln sein. Vielleicht hängen wir auch ein paar Exemplare mit Goldspiralen dazu.“

Seit Wochen wird in den Räumlichkeiten in Rattenberg emsig gepackt. Eine große Bank hat für ihre Kunden Weihnachtskugeln bestellt, vier Stück, die nebeneinandergelegt den Satz „Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht“ ergeben. „Heuer werden vor allem mutmachende Beschriftungen gewünscht. Da geht von Harmonie über Mut bis hin zu Heimat“. Die Gravur, den Veredelungspart, übernimmt Frau Salchner, die vor einem surrenden Motor sitzt, der 500 bis 1.200 Umdrehungen pro Minute schafft. Dann beginnt sie mit einem Aufsatz aus Natursandstein feine Notenlinien in eine eben noch jungfräuliche Kugel zu zaubern. „Auf das, was rauskommt, bin ich immer sehr stolz.“ Für den Violinschlüssel mit seinen Schleifen und Windungen, wechselt Frau Salchner zu einem Diamantenaufsatz. „Der ist dunkler und rutscht auch besser.“ Am Ende folgen die Noten des berühmtesten Weihnachtsliedes der Welt. Wenige Minuten später packt Frau Salchner die vollendete Weihnachtskugel in einen Karton, auf den der Chef zufrieden schaut. „Ecostyle finde ich gut. Unsere Kartons sind nicht bedruckt und nicht zellophaniert. Glänzen soll der Artikel.“ Schon bald werden die Kugeln auf irgendeinem heimischen Baum hängen und genau das tun: glänzen.  

Autor: Barbara Reiter, 11.12.2020