Kufstein: Mann mit besonderer Note

Es ist ein schöner Sonntagmorgen als plötzlich Hugh Grant durch Kufstein spaziert. Hugh Grant? Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass der Mann, der gutgelaunt in Richtung Festung geht, viel jünger ist. Das verschmitzte Lächeln hat Johannes Berger, 33, mit dem Schauspieler aber definitiv gemein. Jeder, der hier wohnt, weiß, dass der gebürtige Oberaudorfer seit 2009 als Kustos die Heldenorgel, das Wahrzeichen der Stadt, hegt, pflegt und natürlich spielt. Eine Aufgabe, die er sich an 365 Tagen im Jahr mit drei weiteren Organisten teilt, und zwar so gut, dass noch keines der 15-minütigen Minikonzerte, die ab Punkt zwölf Uhr über Kufstein zu hören sind, ausgefallen ist.

Eigentlich ist Berger Profimusiker und mit den Münchner Philharmonikern, dem Symphonieorchester des Bayrischen Rundfunks oder seinem eigenen Barock-Ensemble unterwegs. „Jetzt hat sich das ganze verlagert und ich bin sehr dankbar, dass ich mein Standbein in Kufstein habe.“ Das bedeutet, dass Berger nicht nur fünf Mal pro Monat wie sonst, sondern seit der neuen Zeitrechnung fast täglich an der Orgel sitzt. Damit hat sich auch eine besondere Note zum Programm gesellt, das bisher vorwiegend auf Klassik ausgerichtet war. Hits von Bach bis Vivaldi werden nun regelmäßig mit Pop- und Rocksongs ergänzt. „Speziell in diesem Jahr, in dem die Leute viel in ihren Häusern und Wohnungen sind, werden die Fenster zum Zuhören aufgemacht. Das ist eine schöne Geste.“ Hugh-Grant-Dimensionen nimmt das Ganze an seit Berger, wenn er nach seinem Konzert die Festung verlässt, von den Anwohnern verabschiedet wird. „Die Leute applaudieren, wenn ich rausgehe. Dafür bin ich sehr dankbar.“ Jetzt kommt Berger aber erst einmal an und geht über den Innenhof der Festung zu seinem gläsernen Studio. Normalerweise sind die überdachten Zuschauerränge dicht besetzt. Heute spielt er für ein Publikum, das er nicht sehen, aber erahnen kann. Auch deshalb, weil er in regem Austausch mit der Bevölkerung steht. „Oft stehen die Leute vor dem Tor und wünschen sich etwas. Das versuche ich dann immer einzubauen, wenn es von der Thematik her passt.“

An Sonntagen setzt Berger auf feierliche Melodien und legt die Noten von Georg Friedrich Händels „Die Ankunft der Königin von Saba“ auf sein Pult. Dann stellt er den Hocker auf seine Größe ein und bereitet die Orgel für seine Session vor. „Ich war jetzt einige Tage für die Aufnahmen einer Bach-CD in Deutschland unterwegs. Da bin ich gespannt, wie die Orgel klingt.“ Das Studentenlied „Guadeamus Igitur“ wird er heute ebenso spielen wie das „Love Theme“ aus dem Romantikfilm „Tatsächlich Liebe“. „Kennst du das?“ Natürlich! Hugh Grant hat die Hauptrolle gespielt. Wieder eine Gemeinsamkeit, weil Berger für seine Aufgabe die ideale Besetzung ist, Tausende Zuhörer vorprogrammiert. Wenn der Wind mitspielt, kann man das Konzert nämlich bis zu zehn Kilometer außerhalb Kufsteins hören. „Bist du bereit?“ fragt Berger und legt seine schmalen Hände auf eine der vier übereinanderliegenden Tastaturen. Und dann haucht er der Heldenorgel, deren Herz im Bürgerturm hoch über dem gläsernen Studio sitzt, Leben ein. Die fast 5.000 Orgelpfeifen haben Kufsteins Aushängeschild einst den Titel „größte Freiluftorgel der Welt“ eingebracht. „Es gibt allerdings eine Freiluftorgel in San Diego, die zwischenzeitlich größer als die in Kufstein sein soll“, erklärt Berger. „Das ist so ein Match, das hin- und hergeht. Ich müsste aber eigentlich hinfahren und nachzählen.“ In Europa ist die Kufsteiner Orgel aber nach wie vor die unangefochtene Nummer eins. Vor allem, seit auf ihr auch Abba, Robbie Williams und ACDC ertönt. „Für diese Adaptionen gibt es keine Noten. Ich muss davor schon einige Stunden investieren, um die Lieder für die Orgel umzusetzen. In ruhigen Zeiten wie jetzt, sitze ich oft den ganzen Vormittag an einem Stück.“ Als studierter Kirchenmusiker, Organist und Cembalist hat Berger zwar das überdimensional viel Knowhow, „ich brauche aber Zeit, weil ich die Musik durchdringen will.“ Vollblutmusiker eben. Sogar „Highway to Hell“ hat er für die Orgel schon adaptiert, aber auch die Nummern von „Queen“ lassen sich mit ihren schönen Harmonien laut Berger gut umsetzen. Seine Version von „Bohamian Rhapsody“ soll manchen in diesem Jahr schon Tränen in die Augen gezaubert haben, ebenso wie „Angels“ von Robbie Williams. „Das ist für mich natürlich schön, so etwas zu hören.“ Bergers Finger setzen zum Grande Finale in Sachen „Love Theme“ an. Flink wandern sie über die schwarzweißen Tasten, seine Füße bedienen parallel dazu zielgenau die passenden Pedale. Alles zusammen ergibt eine Harmonie, die sich im Körper des Zuhörers auszudehnen beginnt. Dann setzt der Organist den Schlussakkord und bereitet sich auf das letzte Stück des Tages vor. Seit 1931, dem Geburtsjahr der Heldenorgel, bildet das „Kameradenlied“ den Abschluss jedes Konzerts, um an die Gefallenen des 1. Weltkriegs zu erinnern. „Das ist Tradition. Für den Rest habe ich freie Hand.“  

 Schon jetzt freut sich der junge Kustos darauf, „Leise rieselt der Schnee“ zu spielen, wenn das erste Weiß vom Himmel fällt. Auch für Silvester hat er sich etwas Besonderes ausgedacht. Da dürfen sich die Kufsteiner kurz nach Mitternacht auf den „Donauwalzer“ freuen. „Wir hatten vergangenes Jahr Premiere. Einige Leute haben es mitbekommen und sind mit Decken, Getränken und Gläsern zu uns in den Innenhof gekommen. Die Stimmung war wunderschön.“ Wie es heuer werden wird, steht in den Sternen. Einen ist aber sicher: Johannes Berger wird da sein und spielen.  

Autor: Barbara Reiter, 10.12.2020