Hans Knauß Interview: Ich sage, was ich mir denke

weekend: Im Sommer hört man traditonell weniger von dir. Wie außergewöhnlich war dieser Sommer für dich?
Hans Knauß: Ganz ehrlich, ich hatte noch nie so eine ruhige Zeit im Leben. Ich war als 14-Jähriger das letzte Mal so lange durchgehend daheim. Fast alle meine Sommer-Aktivitäten wurden ja abgesagt.

weekend: Hast du die Zeit also genossen?
Hans Knauß: Ja, irgendwie war es eine geile Zeit. Ich habe einen guten Rhythmus für mich gefunden, bin herunter gekommen. Aber jetzt bin ich weit genug unten (lacht). Es reicht. Ich bin keiner, der sagt, das Virus hat auch was Positives, nein – das Virus ist ein totaler Krampf.

weekend: Viele Menschen sehen Corona als Weckruf. Muss die Menschheit umdenken?
Hans Knauß: Ja, in manchen Bereichen schon. Es ist natürlich ein Wahnsinn, wenn man für zwei Tage mal schnell für 20 Euro nach London zum Shoppen fliegt. Ich bin selbst mal in so einem Flieger gesessen und hab mir gedacht: Wie gestört ist die Welt eigentlich?

weekend: Apropos gestört: Sind das auch die Auswüchse des Wintertourismus?
Hans Knauß: Ich sehe das ein wenig differenzierter. Da kann man nicht alles über einen Kamm scheren. Es wird ja so getan, als ob Ischgl nur aus Après-Ski-Tempeln bestehen würde. Das ist nicht wahr. Dort gibt es wunderbare Hotels und wenn man nicht will, bekommt man vom Halligalli gar nichts mit.

weekend: Peter Schröcksnadel vertritt ohnehin die Meinung, Corona sei nicht mehr als eine Grippe und man habe Angstmacherei betrieben …
Hans Knauß: Ich glaube, die Angstmacherei war notwendig, damit wir vernünftig werden. Dass Corona keine normale Grippe ist, hat sich mittlerweile definitiv bestätigt. Ich kenne aus meinem Bekanntenkreis junge Leute, die ganz schön flach gelegen sind.

Gegen impfungen habe ich immer eine gewisse abneigung verspürt. – Hans Knauß will beim Impfen nicht der Erste sein.

weekend: Anfang nächsten Jahres soll es ja einen Impfstoff geben. Wirst du dich impfen lassen?
Hans Knauß: Gegen Impfungen habe ich immer eine gewisse Abneigung verspürt. Der erste muss ich also nicht sein. Aber aufgrund meines Jobs beim ORF werde ich es wohl nicht vermeiden können.

weekend: Auch der Skizirkus ist stark von Corona betroffen. Du hast ja auch zu den Läufern Kontakt. Wie ist dort die Stimmung?
Hans Knauß: Sportler tun sich da etwas leichter. Sie sind so auf ihre Arbeit fokussiert, blenden daher vieles aus. Als Rennläufer schaust du nicht rechts und nicht links. Wenn du dir da zu viele Sorgen machst, bist du am falschen Dampfer. Viele Rennen werden wohl ohne Zuschauer stattfinden. Das wird für manche – nämlich die sogenannten Trainingsweltmeister – ein Vorteil sein. Vielleicht erleben wir heuer andere Leute, die ganz vorne stehen.

weekend: Das klingt nach Trainersprache. War der Trainerjob nie eine Option für dich?
Hans Knauß: Ich habe ja sogar die Trainerausbildung gemacht. Ich glaube auch, dass ich jemand bin, der sehr gut vermitteln kann. Aber heute ist das keine Option mehr für mich. Ich glaube, ich hätte die Energie nicht mehr. Das ist ein wahnsinnig intensiver Job. Außerdem taugt mir das, was ich tue.

weekend: Deine Tochter ist ja drauf und dran, in deine Fußstapfen zu treten. Wird sie das Loch, das durch das Karriereende von Marcel Hirscher und Anna Veith aufgetreten ist, stopfen?
Hans Knauß: (lacht) Nein, das würde zu lange dauern. Aber ja, es gibt ein Nachwuchsproblem. Der ÖSV ist ein riesiger Apparat, wir haben aber nicht mehr die Masse an Athleten. Heute verfügen wir über wesentlich weniger Podestfahrer als zu meiner Zeit. Das ist auch für den ÖSV ein Lernprozess, dem er sich stellen muss.

Hans Kanuß im Gespräch mit Robert Eichenauer.

weekend: Das hört sich nach Kritik am Präsidenten an?
Hans Knauß: Nein, Peter Schröcksnadel hat für den Schisport wahnsinnig viel geleistet. Aber die nächste Generation steht vor der Herausforderung, den Rennsport weiterhin leistbar zu gestalten.

weekend: Würdest auch du selbst eine Funktion im ÖSV übernehmen?
Hans Knauß: Die Sache ist ganz einfach: Für mich hat das Leben neu angefangen, als ich mit dem Schifahren aufgehört habe. Außerdem sage ich gern, was ich denke. Das gefällt halt vielen Leuten nicht. Aber sag niemals nie.

weekend: Abschließend: Wie schaut deine Planung im Winter aus?
Hans Knauß: Die ist so offen wie noch nie. Wir wissen noch nicht, wie es nach Sölden genau weiter geht. Es hängt noch sehr viel in der Luft. Da heißt es, wie bei vielen anderen Menschen, flexibel zu bleiben.

Autor: Robert Eichenauer , 06.10.2020