Überlebenskünstler - Greißlereien im Burgenland

ZEITREISE. Im Meer der Supermärkte blinken sie als charmante Leuchtbojen, vereinen gewieft die Funktionen von Kauf- und Kaffeehäusern sowie Kommunikations-, bisweilen gar Therapiezentren – willkommen in der immer rauer werdenden Welt der Greißlereien! Ein Lokalaugenschein bei zwei burgenländischen Traditionsbetrieben.

Helga Kientzl
Chefin Helga Kientzl mit Mama und Mitgründerin Ernestine Tiefenthaler Foto: Fally
Ernestine Tiefenthaler
Ernestine Tiefenthaler mit den ersten Einträgen aus den 1950-er Jahren. Foto: Fally
Josef Jagenbrein
Josef Jagenbrein hat sein Angebot ständig erweitert. Foto: Fally
Josef Jagenbrein
In Josef Jagenbreins Extrastüberl "steigen" oft heiße Kartenpartien. Foto: Fally

Eine redselige Dame mit rotem Haupthaar öffnet forsch die verglaste Eingangstür und tritt ein. Ein Packerl Milch darf’s sein. Das abgezählte Kleingeld legt sie auf die Theke, die Chefin des Hauses sortiert’s gewissenhaft in ihre althergebrachte Registrierkassa ein. Zahlung per Bankomatkarte gibt’s hier nicht. Derweil füllt sich zusehends die kleine Sitzecke mit den üblichen Verdächtigen der Männerrunde, die jeden späten Vormittag – außer mittwochs, da gibt’s Gratis-Kaffee für die Damen – bei Spritzwein aus der Plastikflasche und „Schrauferl“ (Schnaps aus der Schraubflasche, Anm.) Neuigkeiten aus dem Ort bespricht. Es ist ein ganz normaler Tag im Kaufhaus Kientzl im 700-Seelen-Nest Unterfrauenhaid im Mittelburgenland.

Tradition ist Trumpf
Im Traditions-Familienbetrieb wird modernen Strömungen aus Überzeugung getrotzt. Chefin Helga Kientzl führt den Betrieb weitgehend nach ähnlichen Prinzipien wie ihre Mutter Ernestine Tiefenthaler, die ihn gemeinsam mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann 1952 gründete. Stolz präsentiert Mama Tiefenthaler eine der ersten Rechnungen aus dem Jahre 1953 über 678 Schilling. Verkauft wurde damals „alles“, sagt sie: „Wir haben von Schrauben über Fahrradschläuche bis hin zu Zeitungen sehr viel verkauft. Nur Brot gab’s keines bei uns, dafür war der Bäckermeister im Ort da.“ Das Sortiment sieht heute ein bisserl anders aus. Wurst und Käse, Aufstriche, Kochzutaten, aber auch Zeitungen, Waschmittel, Getränke verschiedenster Art und mehr stehen zur Auswahl. „Gekauft werden bei uns eher Kleinigkeiten, die Großeinkäufe erledigen die Leute in den Supermärkten in umliegenden Ortschaften“, erklärt Junior-Chefin Helga Kientzl. Die Öffnungszeiten hat sie vor ein paar Jahren auf 6 bis 12 Uhr reduziert. „Wir leben von den Stammgästen, junges Publikum fühlt sich von uns weniger angesprochen“, sagt sie.

Zu Gast in St. Georgen
Um einen Laden ganz anderer Größenordnung, aber mit ähnlichen Eigenschaften, Phänomenen und auch Problemen handelt es sich beim Greißler von Josef Jagenbrein in St. Georgen bei Eisenstadt. Sein „Nah & Frisch“-Markt – deutlich größer und mit deutlich mehr Selbstbedienungsattitüde als das Kaufhaus Kientzl versehen – geriert sich, wie er sagt, nicht nur als gewöhnliches Kaufhaus, sondern auch als Kommunikationszentrum. Ein Lokalaugenschein bestätigt die These. Im Extrastüberl hinter der Feinkost-Theke frönen g’standene Mannsbilder mittleren Alters intensiven Kartenpartien, bei den Stehpulten wird über Gott und die Welt gefachsimpelt. Die liebenswürdige Kaffee-Ecke erfreut sich großer Beliebtheit.

Neuerfindungen
Der Verkaufsschlager sei aber die Feinkost. „Wurst, Käse, Gebäck – das wird von den Kunden am meisten gekauft“, sagt Jagenbrein. Den Betrieb hat er von seinem Vater übernommen, baute ihn 1993 aber komplett neu auf. Es gehe darum, mit den immer größer werdenden Herausforderungen der modernen Zeit zurandezukommen. „Man  muss sich immer wieder neu erfinden“, sagt Jagenbrein, der 70 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche in seinen Laden investiert. „Wir setzen jetzt auch auf Catering und mobiles Essen, um überleben zu können.“ Der Konkurrenzkampf der Supermärkte und die ständigen gesellschaftlichen Veränderungen machen ihm zu schaffen. „Das Konsumverhalten hat sich total verändert. Oft wird schon für ein Packerl Milch der Weg nach Eisenstadt angetreten. Aber auch die ältere Generation ist deutlich mobiler als noch zu Zeiten, in denen mein Vater das Geschäft geführt hat. Die Menschen sind auf den Nahversorger im Ort nicht mehr angewiesen.“ Jagenbreins Wunsch: die Greißler verstärkt zu fördern, „bevor alle weggestorben sind“.

Lebensmittelhändler werden weniger
So weit ist es, zumal im Burgenland, zwar noch nicht – eine offizielle Zahl der Wirtschaftskammer lässt aber durchaus die Alarmglocken schrillen. Erfreute sich das Burgenland im Jahr 2002 noch 607 Lebensmittelhändler, gab’s derer im Jahr 2014 nur noch 528. Ab wann man explizit von einem Greißler spricht, „lässt sich schwer sagen“, so Jürgen Rathmanner, Geschäftsführer der Sparte Handel in der WK Burgenland. Als Faustregel gilt: Ein Greißler ist ein Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäft, also keine Filiale eines Großhändlers.

Überlebenskünstler
Und diese müssen sich immer stärker als Überlebenskünstler inszenieren. „Es wird schwieriger, die erforderlichen Umsätze zu erzielen“, sagt Josef Jagenbrein. Er beschäftigt vier Teilzeitmitarbeiterinnen. Daran ist bei Helge Kientzl aus Unterfrauenhaid nicht zu denken. Sie stemmt die komplette Arbeit für ihren Laden in Eigenregie. „Reich werde ich zwar nicht davon, aber ich kann davon leben“, sagt sie. Es ist knapp vor Mittag, in Kürze macht Kientzl den Laden dicht. Die Männerrunde verabschiedet sich langsam. Morgen um die gleiche Zeit wird sie ihr Stammkaufhaus aber bestimmt wieder beehren.