Hermann Neubauer – Staatsmeister mit Ansage

Ohne jemals zuvor eine Rallye gewonnen zu haben, triumphierte er in diesem Jahr die österreichische Meisterschaft. Im Interview erzählt der Lungauer über seine beeindruckende Entwicklung, Psychospielchen im Sport und dem Traum von der Weltmeisterschaft.

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Hermann Neubauer (re.) und sein Co-Pilot und Freund Bernhard Ettel gewannen in der abgelaufenen Saison fünf Rallyes und erfüllten sich in Liezen mit dem Staatsmeistertitel einen Lebenstraum. Foto: Marco Mayrhofer

Weekend: Zwei Monate sind vergangen, seit du dich als erster Salzburger und mit nur 28 Jahren zum Rallye-Staatsmeister gekürt hast. Was hat sich mit dem Titel für dich verändert?
Neubauer: In erster Linie der enorme Zuspruch der Leute. Es freuen sich so wahnsinnig viele mit mir und meinem Team und selbst Fremde gratulieren mir immer wieder zu diesem Erfolg. Für mich persönlich ging ein Traum in Erfüllung, auf den ich neun Jahre lang hingearbeitet habe. Es hat etwas gedauert, diesen Erfolg zu realisieren, vor allem bin ich jemand, der immer vorausschaut und die nächsten Ziele vor Augen hat.

Weekend: Wenn du von neuen Zielen sprichst: Was genau sind deine Pläne für die Zukunft?
Neubauer: Mein großer Wunsch ist es, in der Weltmeisterschaft Fuß zu fassen. Aber dazu, so realistisch muss man sein, müsste ein Großsponsor aufspringen, der bereit ist, einige hunderttausend Euro zu investieren. So blöd es klingt, aber im internationalen Geschäft helfen einem 10.000 Euro nichts. Bis jetzt habe ich die meisten meiner Ziele irgendwie und irgendwann erreichen können. Ich kämpfe sehr für meinen Traum und stelle vieles hinten an, um Geld aufzutreiben. Wenn sich dann ein Sponsor doch wieder dagegen entscheidet, nehme ich mir das extrem zu Herzen. Einfach weil ich mir denke: Ich würde es so sehr honorieren, so viel zurückgeben. Ich bin keiner, der sich nur ein Logo raufklebt und dann nach einem Jahr wieder um Geld fragen kommt. Mir ist der persönliche Kontakt extrem wichtig.

Weekend: Schauen wir zurück auf die abgelaufene Saison und deinen sensationellen Erfolgslauf. Von sechs Rallyes, bei denen du am Start warst, hast du fünf gewonnen. Wann kam für dich der Punkt, an dem du gewusst hast: Ich werde Meister?
Neubauer: Das war bei der vierten Rallye in Schneebergland. Für mich war vor der Saison klar, ich kann jede Rallye gewinnen, nur diese nicht. Einfach, weil ich seit drei Jahren nicht auf Schotter gefahren bin und meine Konkurrenz hier weit mehr Erfahrung mitbringt. Zehn Tage vor der Rallye habe ich einen Testlauf absolviert und mich extrem gut gefühlt. Mein Ingenieur hat mir schon da vorausgesagt, dass ich gewinnen kann und so war es dann auch. Für mich war das der schönste Sieg der Saison.

Weekend: Schon 2014 warst du nahe dran am ersten Sieg und bist an dir und deinen hohen Erwartungen gescheitert. Im Vorjahr hast du dich auf Grund einer Reglement-Änderung sogar für einen zwischenzeitlichen Ausstieg entschieden. Wie sehr haben dich diese Rückschläge geprägt?
Neubauer: 2014 war ein absolutes Seuchenjahr. Ich bin so schnell gefahren wie seither nie wieder und doch hat es nicht gereicht. Es war eine bittere Lernphase, in der ich oft dachte, ich sei zu blöd, jemals etwas zu gewinnen. Heute glaube ich, dass mich genau diese Phase stark gemacht hat. So wie auch die Zeit, in der ich Rückgrat bewiesen habe und mitten in der Saison zurückgetreten bin. Ich saß damals unter Tränen zu Hause und es war völlig unverständlich, keine Rennen fahren zu dürfen, weil andere von heute auf morgen das Reglement so abändern, dass ich nicht gewinnen kann. Aber ich bin jemand, der für Fairness steht und ich würde immer wieder gleich entscheiden.

Weekend: Mit der Entscheidung für den Ford Fiesta WRC hast du selbst den Erwartungsdruck vor Beginn der neuen Saison enorm erhöht und dich auch noch frech hingestellt und gesagt: ´Ich habe zwar noch nie ein Rennen gewonnen, aber ich werde Staatsmeister´.
Neubauer: Als die Entscheidung für das Auto bevorstand, haben wir die Pros und Contras angeführt und auf der Minusseite stand nur ein einziger Punkt: Ich muss Meister werden. Diesen Ball habe ich angenommen. Vor der ersten Rallye saß ich gerade einmal 20 Kilometer im neuen Auto, aber es war Liebe auf den ersten Blick. Früher musste ich 110 Prozent geben, um gleich schnell wie die Konkurrenz zu sein oder 120 Prozent um schneller zu sein. Ich war ständig am Limit unterwegs und habe das Material oft überlastet. Meine Gegner wussten damals genau, dass sie es erwarten können, bis ich bei diesem Tempo einen Fehler mache. Und so war es dann meistens auch. Mit dem neuen Auto reichen eben auch 98 Prozent und das gibt mir die nötige Sicherheit. Wenn man vom Material her gleichwertig, oder vielleicht sogar besser aufgestellt ist als der Rest des Feldes, dann erleichtert das natürlich alles. Meine Konkurrenten wissen mittlerweile: Wenn ich einen Vorsprung von 20 Sekunden habe, dann gebe ich den auch nicht mehr her.

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Foto: Daniel Fessl

Weekend: Ein gutes Auto allein macht aber keinen Seriensieger aus. In wieweit hast du selbst an dir gearbeitet?
Neubauer: In der Zeit, als ich keine Rennen gefahren bin, habe ich angefangen mit Johannes Zeibig zu arbeiten. Er hat mich damals nach meinem Ziel gefragt und ich habe geantwortet: ´Ich möchte Staatsmeister werden.´ Gemeinsam haben wir eine Liste erstellt, was es dazu braucht. Früher zählte für mich und auch für die Leute in meinem Umfeld Kontinuität wenig. Heute lege ich mir vor jeder Rallye eine Strategie zurecht, das gibt mir Sicherheit. Was mich noch weit mehr freut als der Titel ist die Tatsache, dass ich es allen Zweiflern gezeigt habe die dachten, ich lande wieder im Graben. Nicht einmal eine Stoßstange habe ich diese Saison kaputt gemacht, kein Dreher, kein Macker, nichts ist passiert. Das einzige, was am Auto kaputt ist, ist das Dach vom Jubeln. Für den Rallyesport brauchst du ein gewisses Talent und eine Grundkondition, aber der Großteil spielt sich im Kopf ab. Früher hat es mich jede Meldung meines Gegners Raimund Baumschlager extrem nervös gemacht. Er ist ein begnadeter Fahrer aber eben auch ein gewiefter Taktiker. Heute bringt mich das nicht mehr aus dem Konzept. Diese Spielchen gehören einfach zu unserem Sport dazu. Mein Konkurrent und Freund Gerwald Grössing hat zum Beispiel vor der Saison gesagt: ´Für den Hermann bleibt nur die Damenwertung´. Mein Umfeld hat sich darüber natürlich furchtbar aufgeregt, aber ich selbst habe gelacht und gesagt: Alles klar, aber die Damenwertung wird der Gesamtsieg sein.

Weekend: Raimund Baumschlager galt lange Zeit als dein großes Idol. Hat sich deine Einstellung zum 13fachen österreichischen Meister mit deiner persönlichen Entwicklung verändert?
Neubauer: In der Kindheit war er mein Vorbild. Als ich dann selbst in den Sport hineingewachsen bin wurde ich zum Mitstreiter, zum Konkurrenten und irgendwann zum ernstzunehmenden Gegner für ihn. Ich schätze ihn für seinen Erfolg und dafür, dass er sich alles selbst erarbeitet hat. Die besten Freunde werden wir aber sicher nie werden. Einfach auch, weil ich mit seiner Art seine Interessen zu vertreten und mit seiner Politik nicht gut zurechtkomme. Ich bin einer, der sagt was er sich denkt, egal ob vor mir der Bundespräsident oder ein Freund steht. Natürlich ist das oft nicht besonders diplomatisch, aber so bin ich einfach.

Weekend: Du hast die Meisterschaft auf der vorletzten Rallye in Liezen entschieden. Kannst du dein Gefühl beschreiben, als du über die Ziellinie gefahren bist?
Neubauer: Ich erinnere mich noch an den Moment, als mir wenige Kurven vor dem Ziel klar war: Ich mache jetzt keinen Fehler mehr, jetzt passiert nichts mehr. Als ich und mein Beifahrer Bernhard Ettel durchs Ziel fuhren, standen da 50 Leute. Mein Team, meine Familie und Freunde hatten Tränen in den Augen und haben sich so unfassbar mit mir gefreut. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl. Mein Opa hat mich einmal gefragt, wieviel ich mit dem Rennfahren verdiene und ich habe ihm erklärt, dass ich jede Saison etwas selbst dazuzahlen muss. Er meinte damals ich sei verrückt. Aber das Gefühl, mit seiner Mannschaft gemeinsam zu gewinnen, kann mir kein Geld der Welt ersetzen. Wir haben das Team wie ein Puzzle zusammengebaut, das perfekt zueinander passt. Wir alle sind Freunde und ziehen an einem Strang. Es ist unglaublich schön zu sehen, wie viele Leute mit Herzblut dabei sind. Da gibt es Menschen, die für mich um vier Uhr morgens aufstehen und den Wald nach feuchten Stellen absuchen, nur damit ich keinen Fehler mache. Mittlerweile rufe ich meine Leute nach jedem Rennen an und bespreche mit ihnen alles, bedanke mich für ihre Hilfe.

Weekend: Neben dem Sport leitest du daheim im Lungau dein eigenes Autohaus. Man kann sagen, Autos sind definitiv dein Lebensmittelpunkt. . .
Neubauer: Ich bin im Grunde im Auto auf die Welt gekommen. Ob ich als Kind mit meinem kleinen Wagen oder mit acht, neun Jahren mit Omas Auto in der Einfahrt gefahren bin, für mich hatte das immer schon eine gewisse Faszination. Mit 18 war der Rallyesport die große Chance, den Traum zu leben. Mein Vater hätte in meiner Kindheit die Zeit nicht dazu gehabt, mich als Rundstreckenfahrer zu fördern und auch wenn ich sicher Talent gehabt hätte, richtig wohl fühle ich mich nur im Rallyesport. Das ist genau meine Welt, auch wenn man mit diesem Sport definitiv nicht reich wird.
 

Wordrap:

Drei Worte, die mich am besten beschreiben:
Ehrlich, geradlinig und ehrgeizig

Das schönste Gefühl:
Seinen Erfolg mit dem Umfeld und Team teilen zu können

Am besten abschalten kann ich:
Daheim in unserem Garten

Mein Vorbild:
Sebastien Loeb

Meine verborgenen Talente:
Ich koche leidenschaftlich gerne und viel

Der schönste Ort der Welt:
Unser kleines Ferienhaus am Katschberg

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Foto: Daniel Fessl