Der sanftmütige Killer: Dominic Thiem im großen Weekend-Talk

Dominic Thiem ist in den letzten Monaten zum Weltstar gereift. Im Weekend-Interview spricht er über Freundschaften, Marcel Hirscher, die "großen Drei", seine Motivation und das manchmal auftretende Bedürfnis nach Normalität.

Dominic Thiem
Ungebremst auf Erfolgskurs: Dominic Thiem Foto: Greg Baker/AFP/picturedesk.com

Weekend: Hand aufs Herz, Dominic. Kann es sein, dass du der einzige Österreicher bist, der sich über den Rücktritt von Marcel Hirscher freut?

Dominic Thiem: Nein, warum? Ist das eine Anspielung auf die Sportlerwahl, bei der ich hinter Marcel Zweiter geworden bin?

Weekend: … erraten …

Dominic Thiem: (lacht) Also da bin ich komplett entspannt, sogar ein wenig froh, weil so muss ich weder ­Videobotschaften machen noch zur Gala gehen.

Weekend: Trotzdem ist einmal mehr die Diskussion Randsportart Skifahren gegen Weltsportart Tennis aufgepoppt. Wie siehst du das?

Dominic Thiem: Damit habe ich überhaupt kein Problem. Es heißt ja "Österreichs Sportler des Jahres" und nicht "Internationaler Sportler des Jahres". Der Skisport hat in Österreich völlig zu Recht einen so hohen Stellenwert. Und wenn einer wie Marcel Hirscher unmenschliche Leistungen erbringt, dann ist das für mich verdient.

Weekend: Wenn du nächstes Jahr eine ähnlich starke Saison spielst wie heuer, wirst du um diese Ehrung freilich nicht herumkommen …

Dominic Thiem: Ja, das war sicherlich die mit Abstand beste Saison meiner Karriere. Ich habe das erste Masters gewonnen, was immer ein großes Ziel war, und mir mit den beiden Heimsiegen in Kitzbühel und Wien einen Kindheitstraum erfüllt. Es hat aber auch noch einige Leerläufe, speziell bei den Grand Slams, gegeben.

Dominic Thiem
Dominic Thiem im Gespräch mit Hans Huber (li., Geschäftsführer Weekend Oberösterreich) & Robert Eichenauer (re., Geschäftsführer Weekend Steiermark) Foto: GEPA Pictures/Mario Kneisl

Weekend: Apropos Grand Slam. Du hast immer wieder betont, dass es dein Ziel ist, die Nummer eins der Welt zu werden und ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Was würdest du nehmen, wenn du dich für eines von beiden entscheiden müsstest?

Dominic Thiem: Würde ich mich ganz klar für einen Grand-Slam-Sieg entscheiden.

Weekend: Paris?

Dominic Thiem: Nein, das wäre mir komplett wurscht. Jedes der vier Grand Slams ist so speziell und hat seine besonderen Eigenheiten. Wahrscheinlich sind halt in Paris meine Chancen am höchsten.

Weekend: Noch haben aber die Altstars das Heft in der Hand. Warum sind Djokovic, Nadal und Federer noch immer so dominant?

Dominic Thiem: Weil das eine ganz spezielle Generation ist. Das sind für mich die drei besten Spieler aller Zeiten. Sie zeigen bei so gut wie keinem Turnier Schwächen, haben eine unfassbare Konstanz.

Weekend: Dennoch wird in den nächsten Jahren eine neue Nummer eins gekürt werden. Wer sind deine härtesten Konkurrenten in der Thronfolge?

Dominic Thiem: Daniil Medwedew ist momentan ein heißes Eisen. Ich glaube, er wird sich ganz lange in den oberen Rängen festsetzen. Natürlich Alexander Zverev, weil er ein unglaublicher Spieler ist. Und dann aber auch Leute wie Tsitsipas, Shapovalov, Auger-Aliassime und vielleicht in ein paar Jahren welche, die wir heute noch gar nicht kennen.

Weekend: Wie schauen deine Pläne nach dem ATP-Finale in London aus? Wirst du dich wie in den letzten Jahren in Teneriffa auf die nächste Saison vorbereiten?

Dominic Thiem: Nein, das werden wir diesmal anders machen. Zunächst freue ich mich auf zwei Wochen Urlaub, ab Anfang Dezember werde ich dann in Miami mit viel Augenmerk auf Fitness ins Training einsteigen. Und Mitte Dezember fliege ich schon nach Australien, um mich vor Ort auf die Australian Open vorzubereiten.

Weekend: Klingt nach harter Arbeit. Ist Tennis für dich ­eigentlich noch ein Hobby oder geht es nur noch ums Gewinnen?

Dominic Thiem: Die Hauptmotivation ist sicher das Gewinnen. Dieses Eins-gegen-Eins, dieses Brutale, wer der Bessere ist, finde ich extrem cool. Alleine schon daraus schöpfe ich Motivation für die harte Vorbereitung. Das eine Match an dem einen Tag gegen den einen Gegner zu gewinnen, darum geht es.

Weekend: Das klingt ein wenig nach Thomas Muster, der einmal gesagt hat, dass er nicht versteht, warum die Top-Profis heute so freundschaftlich miteinander umgehen …

Dominic Thiem: Da hat der Tom auf eine gewisse Weise schon recht. Es ist aber auch vieles Schauspielerei. Ich bin mir hundertprozentig sicher: Wenn sich zwei am Netz nach einer Fünfsatzpartie umarmen, denkt sich einer: Scheiße!

Weekend: Wärst du vielleicht noch besser, wenn du weniger nett wärst?

Dominic Thiem: Nein, das glaube ich nicht. Am Platz bin ich ein Killer (lächelt).

Weekend: Du warst heuer gerade in den Entscheidungssätzen besonders stark. Ist das in erster Linie physische oder mentale Stärke?

Dominic Thiem: Ich würde sagen zur Hälfte mental zur Hälfte physisch. Ich spiele doch mit hoher Intensität, da kann es schon sein, dass so mancher Gegner ein wenig nachlässt (lächelt verschmitzt).

Weekend: Viele Spitzensportler arbeiten mit Mentaltrainern. War das für dich nie ein Thema?

Dominic Thiem: Nicht wirklich. Ich mag meine mentale Verfassung.

Weekend: Ein bisschen weg vom Tennis. Du wirkst sehr bescheiden und geerdet. Nichtsdestotrotz: Du hast heuer die 20-Millionen-Dollar-Preisgeldgrenze durchstoßen, jettest um die Welt. Ist es da noch möglich, ein normales Leben zu führen, normale Freunde zu haben?

Dominic Thiem: Ich habe riesiges Glück, weil ich sechs, sieben enge Freunde von früher habe. Natürlich ist es meistens nicht möglich, ein normales Leben zu führen. Aber wenn ich dann in Österreich bin, dann mach ich mit meinen Freunden ganz alltägliche Sachen. In diesen Phasen erhole ich mich super, damit ich dann für das definitiv surreale Leben auf der Tour wieder gerüstet bin.

Weekend: Sehnst du dich manchmal nach diesem normalen Leben?

Dominic Thiem: Ja, sicher gibt es solche Momente. Manchmal möchte man am Sonntag Nachmittag einfach auf der Couch liegen und Fernsehen. Aber nach meiner Tenniskarriere, die ja nicht ewig dauert, kann ich das alles nachholen. Jetzt möchte ich einfach das Beste aus meinem Beruf herausholen.

Weekend: Daher ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass du mit Kristina Mladenovic, einer Tennisspielerin, liiert bist und nicht mit einer Jugendfreundin aus Lichtenwörth?

Dominic Thiem: Das kommt, wie es kommt. Eine Tennisspielerin als Freundin zu haben hat sicher Vorteile, aber auch Nachteile. Letztlich ist das Tennis die große Liebe, die steht immer an vorderster Stelle.

Weekend: Analysiert man dann auch Matches gemeinsam?

Dominic Thiem: Nein, bitte nicht. Das macht der Trainer (lacht).

Weekend: Der, wie fast dein ganzes Umfeld, neu ist. Wie lange hast du eigentlich gebraucht, bis du diesen Schritt gemacht hast?

Dominic Thiem: Gar nicht so lange. Das erste Mal habe ich Anfang des Jahres in Australien darüber nachgedacht. Ich habe gefühlt, dass irgendwas nicht stimmt und dass es so nicht weitergehen kann.

Weekend: Hatte die Trennung von Günter Bresnik ausschließlich sportliche Gründe oder war das auch eine Art Abnabelungsprozess?

Dominic Thiem: Es gab sowohl sportliche als auch persön­liche Gründe. Das ist aber nichts Ungewöhnliches. Es ist nahezu unmöglich, eine solche Beziehung bis zum Karriereende zu führen. Es war ein nötiger und auch ein komplett normaler Schritt.

Weekend: Nehmen wir an, du würdest morgen mit dem Tennisspielen aufhören. Was würdest du machen?

Dominic Thiem: Skifahren, denn das darf ich jetzt nicht. Beruflich würde ich gerne im Tennis bleiben, vielleicht eine Akademie gründen, um jungen Spielern zu helfen, auch diesen Weg zu gehen.

Dominic Thiem
Tennisstar Dominic Thiem zu Gast in der Wiener Weekend-Redaktion Foto: GEPA Pictures/Mario Kneisl

Dominic Thiem im Wordrap

  • Meine Mutter nennt mich: Domi
  • Als Beruf gebe ich an: Sportler
  • Geheimnisse habe ich vor: vielen Leuten
  • Meine letzte Lüge war: Hin und wieder erlaube ich mir kleine Lügen, also ist das sicher noch nicht so lange her.
  • Lieblingswort: Chelsea
  • Beste Band: Revolverheld
  • Lieblingsfilm/-serie: Game of Thrones
  • Bester Schauspieler: Leonardo DiCaprio
  • Lieblingssport (außer Tennis): Fußball
  • Autor: Henning Mankell
  • Lieblingsspeise: Spaghetti aglio e olio
  • Getränk: Red Bull Cola
  • Coolstes Auto: Porsche 911
  • Was ich an Menschen mag: Ehrlichkeit
  • Was ich an ihnen hasse: Oberflächlichkeit
  • Vorbild im Sport: Habe ich nie gehabt, es gibt viele Sportler, die ich bewundere.
  • Nichtsportler als Vorbild: Leonardo DiCaprio
  • Facebook, Twitter oder Instagram: Habe ich gern und gehört zur heutigen Zeit. Ich nutze alle drei Plattformen.
  • Wo entspannst du am besten: zu Hause
  • Bester Tennisspieler aller Zeiten: Gibt es für mich nicht nur einen. Federer, Nadal und Djokovic sind da ganz vorne.
  • Lieblingsschlag: Vorhand cross