Sebastian Vettel: Der Gejagte wird zum Jäger!

Der Formel1-Fahrer setzt nach Startschwierigkeiten zur Aufholjagd gegen Mercedes an. Ein Gespräch über den Umgang mit Erfolgsdruck, seinen Teamkollegen und seine Beziehung zu Österreich.

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Red Bull Racing-Pilot Sebastian Vettel blickt bereits auf eine beachtliche Karriere zurück Foto: Getty

Weekend: Neues Reglement, neuer Teamkollege, neue technische Probleme – wie sieht Ihre Zwischenbilanz nach acht von insgesamt 19 Rennen aus?
Sebastian Vettel: Bis jetzt war meine Saison zum größtenteils von Pleiten, Pech und Pannen geprägt. Als wir im Winter auf das neue Rennauto und ein komplett neues technisches Konzept umstellten, waren wir mit Sicherheit noch nicht so weit wie andere Teams, haben aber sehr schnell aufgeholt. Während jedoch Daniel Ricciardo die Performance des Autos zeigen konnte, wurde ich immer wieder zurückgeworfen.

Weekend: Wie gehen Sie mit dieser ungewohnten Situation um?
Sebastian Vettel: Ich versuche an mir zu arbeiten, das Beste aus dem Paket und dem Team herauszuholen. Das ist im Moment noch etwas zäh, das sieht man anhand der rohen Ergebnisse.

Sebastian Vettel
Red Bull Racing-Pilot Sebastian Vettel blickt bereits auf eine beachtliche Karriere zurück Foto: Getty

Weekend: Wie gelingt es Ihnen mit dem Erwartungsdruck, der auf Ihnen als Vierfach-Weltmeister lastet, umzugehen?
Sebastian Vettel: Den Druck, den ich habe, mache ich mir zum größten Teil selbst. Was die Leute von mir erwarten, ist mir nicht so wichtig – zum Glück! Denn gerade heutzutage wird vorschnell geurteilt. Für mich ist klar: Ich mache weiter und hake Rückschläge rasch ab.

Weekend: Vorkommnisse wie den Crash von Felipe Massa und Sergio Perez beim Grand Prix von Kanada, den Sie nur mit Fahrgeschick und viel Glück entkommen sind, hakt man vermutlich nicht so leicht ab ...
Sebastian Vettel: Obwohl ich mich auf die Straße konzentrierte, konnte ich sehen, dass sich die beiden im Zweikampf befanden, und plötzlich ein weißes Auto auf mich zuschießt. In letzter Sekunde konnte ich die Lenkung etwas aufmachen und so den Zusammenstoß vermeiden. Teilweise steht die Formel 1 in der Kritik, zu sicher zu sein - in solchen Situationen würde man sich wünschen, dass sie noch sicherer wäre! Gleichzeitig sollte der Rennsport bis zu einem gewissen Grad auch ein bisschen gefährlich sein, sonst entsteht am Ende noch der Eindruck, dass das jeder kann. (lacht)

Sebastian Vettel
Red Bull Racing-Pilot Sebastian Vettel blickt bereits auf eine beachtliche Karriere zurück Foto: Getty

Weekend: Ihr Teamkollege Daniel Ricciardo hat seinen ersten Grand Prix-Sieg in Kanada geholt. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihren ersten Sieg vor sechs Jahren in Monza?
Sebastian Vettel: Es freut mich für Dani, eben weil ich weiß, wie es sich anfühlt, das erste Mal zu gewinnen. Es sind sehr starke Emotionen, die auch anhalten. Jedes Mal, wenn ich nach Monza komme, denke ich automatisch an 2008 zurück. Nicht zuletzt, weil es nicht nur für mich, sondern auch das ganze Team ein besonderer Moment war. Der erste Sieg überhaupt und auch die Umstände wie es dazu kam – im Regen. Es braucht Zeit, bis einem klar wird, was man erreicht hat.

Weekend: Sie und Daniel Ricciardo bilden ein harmonisches Duo. Wie nah kommt man sich menschlich trotz aller Konkurrenz?
Sebastian Vettel: Wir kommen gut miteinander aus und bringen einander Respekt entgegen. Aber es ist schwer, mit einem anderen Fahrer eine Freundschaft aufzubauen. Am Ende hat doch jeder sein eigenes Leben, leider auch seine eigene Rennstrecke. Ich sage 'leider', weil ich denke, dass das früher anders war. Heute hat man als Rennfahrer wenig Zeit für sich, ist von seinem Team ummantelt und in ein straffes Programm eingebunden.

Sebastian Vettel
Red Bull Racing-Pilot Sebastian Vettel blickt bereits auf eine beachtliche Karriere zurück Foto: Getty

Weekend: Wie halten Sie sich körperlich für die Formel1-Saison fit?
Sebastian Vettel: Ich mache regelmäßig Sport. Mit ein bisschen Laufen zwischendurch ist es aber lange nicht getan. Zeitintensiv arbeite ich an meiner Ausdauer, z.B. beim Laufen und Fahrradfahren. Zusätzlich spiele ich Tennis und Squash, um meine Wendigkeit zu trainieren. Groß geschrieben sind auch Koordination und Kraft. Denn es gilt die Belastungen gut zu überstehen.

Weekend: Wie sieht es mit dem Fahren aus?
Sebastian Vettel: Was Laien immer wieder überrascht: Wir fahren im Grunde relativ wenig, sieht man von den freien Trainings am Rennwochenende ab. Sonst gibt es im Grunde kaum die Möglichkeit, das Auto zu testen, sprich man hat wenig Übung in der Praxis. Davon abgesehen übe ich auch im Simulator, was generell immer mehr zum Thema wird, die Tage zuhause dafür zu nutzen.

Weekend: Wie leicht gelingt es Ihnen, Ihr Gewicht zu halten?
Sebastian Vettel: Zum Glück habe ich damit noch keine Probleme. Da hilft mir sicherlich auch mein intensives Sportprogramm!

Sebastian Vettel
Red Bull Racing-Pilot Sebastian Vettel blickt bereits auf eine beachtliche Karriere zurück Foto: Getty

Weekend: Bei der Entwicklung neuer rennsport-gerechter Schuhe haben Sie zuletzt eng mit Geox zusammengearbeitet. Warum?
Sebastian Vettel: Um das Mindestgewicht des Autos nicht zu überschreiten, muss es möglichst leicht gebaut sein. Zusätzliches Gewicht versucht man über die Ausrüstung abzubauen. Geox hat für diese Saison Schuhe entwickelt, die um 200 Gramm leichter sind. Das klingt wenig, kann aber entscheidend sein.

Weekend: In Österreich sind Sie zum ersten Mal in einem Formel-Auto gefahren, hier begann ihre Zusammenarbeit mit Red Bull. Was verbinden Sie sonst noch mit diesem Land?
Sebastian Vettel: Man fühlt sich hier willkommen, die Menschen sind sehr herzlich und offen. Landschaftlich faszinieren mich die Berge, aber auch die Kultur in Städten wie Salzburg und Wien. Der werde ich mich dann in reiferen Jahren verstärkt zuwenden. (lacht)

Weekend: Stichwort: reifere Jahre. Gibt es Gedanken bei Ihnen über ein Leben nach der Formel1?
Sebastian Vettel: Während der Saison, die doch fast das ganze Jahr läuft (von März bis Ende November, Anm.), natürlich nicht. Da bin ich ganz auf den Moment konzentriert. Im Winter versuche ich abzuschalten. Was in zehn Jahren ist, darüber mache ich mir derzeit also keine Gedanken. Aber vielleicht sollte ich das ändern, man wird ja nicht jünger. (lacht)

Monaco Grand Prix 2014
Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel (Red Bull Racing) Foto: Getty

Weekend: So jung Sie sind, blicken Sie bereits auf eine lange Karriere zurück ...
Sebastian Vettel: Ich hatte Glück, denn um 2000/2001 wurde das Red Bull Junior Team ins Leben gerufen. Damals war noch nicht abzusehen, was diesem Schritt folgen würde. Red Bull hatte zwar schon Ambitionen in der Formel 1, aber noch kein eigenes Team. Mittlerweile gibt es zwei Rennställe! Das alles hat mich mit Red Bull und damit Österreich noch enger zusammengeschweißt. Man muss das nicht groß erklären, was Red Bull in Österreich bedeutet. Auch jetzt den Grand Prix wieder zu haben. Das freut alle!

Sebastian Vettel: Hinter den Kulissen des Grand Prix-Zirkus
Sebastian Vettel: Hinter den Kulissen des Grand Prix-Zirkus Foto: Getty

Weekend: Ein Idol Ihrer Jugend war Michael Schumacher. Wie haben Sie die Nachricht, dass er aus dem Koma erwacht ist, aufgenommen?
Sebastian Vettel: Michael kenne ich seit Jahren gut. Für mich steht dadurch mehr der Mensch als das Idol im Vordergrund. Allein, dass er sich langsam auf dem Weg der Besserung befindet, ist ein kleines Wunder. Ihm und seiner Familie wünsche ich viel Kraft.

Weekend: Nachdem Sie ein großer Fußball-Fan sind: Ihr Tipp für den WM-Sieger 2014?
Sebastian Vettel: Natürlich hoffe ich, dass Deutschland sehr weit kommt und diesmal den Pot mit nach Hause nimmt. Meiner Meinung haben sie auch gute Titelchancen. Es wird allerdings sehr schwer, denn auch die anderen lieferten bisher gute Partien. Ich glaube, es wird bis zum Schluss spannend bleiben. Da bin ich voll dabei!

Sebastian Vettel: Hinter den Kulissen des Grand Prix-Zirkus
Sebastian Vettel: Hinter den Kulissen des Grand Prix-Zirkus Foto: Getty

Weekend: Wie schätzen Sie Ihre Chancen für die restliche Saison ein?
Sebastian Vettel: Im Moment gibt es noch diese Riesenlücke zwischen Mercedes und dem Rest. Die wollen wir als erste schließen. Die letzten Jahre haben wir hart dafür gearbeitet, um konstant vorne dabei zu sein. Das bleibt auch unser Anspruch für die Zukunft.

Das Blog von Sebastian Vettel:

www.sebastianvettel.de

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Weekend Magazin Ausgabe 12/2014 Foto: Weekend Magazin