Brennender Asphalt: Mit Vollgas in den Crash

Die heimischen Straßen werden zur Spielwiese für halbstarke Tempojunkies, die weder an ihr eigenes noch an das Leben anderer Verkehrs­teilnehmer denken.

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Kavaliersdelikt: Unter Rasern herrscht wenig Einsicht Foto: Apriori1/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Eine heiße Sommernacht im zehnten Wiener Gemeindebezirk, zwei Autos kommen an einer roten Ampel zu stehen. Die beiden Fahrer sitzen in hochgezüchteten PS-Raketen von namhaften deutschen Automobilherstellern. Ein Blick und ein kurzes Streicheln des Gaspedals genügt, und beide Fahrer wissen, was gleich passieren soll. Als die Ampel auf Grün umspringt, treten sie die Gaspedale bis zum Anschlag durch und rasen bis zur nächsten Kreuzung. Zu gewinnen gibt es weder Pokale noch Preisgeld. Der Lohn sind die Anerkennung und die Bewunderung von Gleichgesinnten. Was sich anhört, wie aus einem bekannten Holly­wood-Blockbuster, geschieht quasi Nacht für Nacht auf Österreichs Straßen – von Bregenz bis Wien.

Optik vs. Leistung

Wichtig ist, dass man die Teile der Szene unterscheidet: Auf der einen Seite stehen jene, die ihre Fahrzeuge optisch mit Spoilern, Tieferlegung und speziellen Felgen verschönern, hier geht es vorrangig ums Sehen-und-gesehen-Werden – Probleme machen diese Tuner nur, wenn die Umbauten nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, und dadurch die Verkehrssicherheit der Fahrzeuge nicht mehr gegeben ist. Die andere Gruppe sind die sogenannten "Roadrunner", die sich halsbrecherische Rennen auf öffentlichen Straßen liefern. Die "Roadrunner" sind gut organisiert. Neben den eigentlichen "Rennfahrern" gibt es Komplizen, die Radar- und Polizeikontrollen ausspähen oder den Verkehr blockieren, um für freie Bahn zu sorgen.

Katz und Maus

Mit Schwerpunktkontrollen versucht die Polizei der Tempobolzer Herr zu werden. Doch die Szene ist dank WhatsApp und Co. gut vernetzt, reagiert schnell und ändert laufend ihre Treffpunkte. Auf den betroffenen Strecken wird versucht, die Raser mit baulichen Maßnahmen wie zum Beispiel Temposchwellen zu vertreiben. "Durch die Schwerpunktkontrollen haben sich Hotspots wie die Triester Straße oder zuletzt der Bereich Klingerstraße/Sterngasse weitgehend beruhigt", erklärt Patrick Maierhofer von der Landespolizeidirektion Wien. Über die Stadt verteilt gibt es jedoch auch aktuell kleinere Gruppen: "Zum Beispiel in der Dresdner ­Straße, der Julius-Meinl-Gasse oder um den Gewerbepark Stadlau", so Maierhofer. In Kärnten kennt man solche Probleme laut Polizei nur während des GTI-Treffens. "In Reifnitz selbst haben wir diesbezüglich keine Vorfälle. Die Szene trifft sich rund um den Faaker- und den Wörthersee", so Pressesprecher Mario Nemetz.

Rücksichtslos

"Besonders anfällig sind junge Fahranfänger mit Probeführerschein, die ihre Grenzen ausloten wollen und Anerkennung in ihrem sozialen Umfeld suchen", erklärt Verkehrspsychologin Carola Strobl-Unterweger und ergänzt: "So ein Verhalten korreliert oft mit einem niedrigen Bildungsniveau." Laut der Psychologin ist das Auto für diese Personengruppe zu einem großen Teil ein Statussymbol.

Der Tod ist Passagier

Nicht so glimpflich wie im Film, wo sich trotz halsbrecherischer Manöver und wilder Crashes so gut wie nie jemand ernsthaft verletzt, haben diese "Hatzerl" in der Realität oft gravierende Folgen. Welche Konsequenzen diese Straßenrennen haben können, zeigt ein Beispiel aus Berlin. Zwei Männer im Alter von 27 und 25 Jahren verursachten im Februar 2016 einen schweren Unfall, als sie mit ihren Sportwagen den Kurfürstendamm mit 160 km/h hinunterbretterten und dabei elf rote Ampeln ignorierten. Ihre "Ausfahrt" hatte jedoch kurz darauf ein abruptes Ende: An einer Kreuzung rammt der 27-Jährige einen Jeep, der mehr als 70 Meter weit über die Straße geschleudert wurde. Während der Sportwagenfahrer nahezu unverletzt blieb, verstarb der 69-jährige Jeep-Lenker noch am Unfallort. Die beiden Raser fanden sich mit einer Mordanklage vor dem Richter wieder. Solche Strafen hält Strobl-Unterweger zwar für "zu hoch gegriffen", die Verkehrspsychologin betont aber gleichzeitig, dass "höhere ­Strafen in Bezug auf den ­Führerscheinentzug" ein probates Mittel sein könnten.

Die Hotspots

Wien:

  • Triester Straße (10. Bezirk)
  • Gewerbepark Stadlau (23. Bezirk)
  • Dresdner Straße (20. Bezirk)
  • Julius-Meinl-Gasse (16./17. Bezirk)
  • Klingerstraße/Sterngasse (23. Bezirk)

Niederösterreich:

  • Ringumfahrung der Shopping City
  • Süd (SCS)
  • Traisencenter (St. Pölten)
  • Parkplatz am Ratzersdorfer See
  • Mariazeller Straße (St. Pölten)

Oberösterreich:

  • B1 bei Traun und Attnang/Puchheim
  • Eisenhowerstraße (Wels)
  • Salzburgerstraße (Wels)

Steiermark:

  • Hauptsächlich entlang der A2

Salzburg:

  • Ausfallstraßen der Stadt Salzburg
  • Tauernautobahn Richtung Hallein

Kärnten:

  • Während des GTI-Treffens

Short Talk

Carola Strobl-Unterweger, Verkehrspsychologin

Weekend: Welche Personengruppen ­beteiligen sich an illegalen Straßenrennen?

Carola Strobl-Unterweger: Besonders anfällig sind junge Fahranfänger mit Probeführerschein, die ihre Grenzen ausloten wollen und Anerkennung in ihrem sozialen Umfeld suchen. So ein Verhalten korreliert auch oft mit einem niedrigen Bildungsniveau. Für diese Personengruppe spiegelt ihr Fahrzeug ihren gesellschaftlichen Status wider. Hinzu kommt, dass so ein rücksichtloses Verhalten in ihrer Peergroup akzeptiert und zum Teil sogar gefördert wird.

Weekend: Was macht den Reiz aus?

Carola Strobl-Unterweger: Wie schon gesagt, sind es oft der soziale Status und das Ausloten von Grenzen. Es gibt aber noch eine zweite Gruppe, die vermehrt Geschwindigkeitsübertretungen begeht: Männer im Alter zwischen 40 und 45 Jahren, mit einem hohen Einkommen und einem dementsprechenden Fahrzeug – oft große SUVs. Diese Gruppe ist zwar nicht in Straßenrennen involviert, lebt ihren gesellschaftlichen Status aber in einem Dominanzgehabe auf der Straße aus. Sätze wie "Die Strafe bezahle ich aus der Portokasse" sind hier keine Seltenheit.

Weekend: Aus Ihrer Erfahrung: Sind die Strafen abschreckend genug?

Carola Strobl-Unterweger: Meine Befragungen unter den Teilnehmern von Nachschulungen zeigen, dass von der Polizei zwar Verwarnungen ausgesprochen und Geldstrafen verhängt werden, aber ­gesetzlich vorgesehene Nachschulungen oft nicht angeordnet werden.

Weekend: Gelten Geschwindigkeitsübertretungen unter den Tätern immer noch als "Kavaliersdelikt"?

Carola Strobl-Unterweger: Generell kann man sagen, dass wenig Einsicht herrscht. Geschwindigkeitsübertretungen werden, so lange kein Schaden entsteht, als Kava­liers­delikt angesehen. Vor ­allem bei jungen Fahrern ist aber zu beobachten, dass auch nach Personenschäden die Schuld bei anderen gesucht wird. Das hat mög­licher­weise damit zu tun, dass sich das soziale Gewissen erst entwickeln muss.