Nur heiße Luft - von wegen! VW Scirocco wird 40

Mit dem Scirocco kam Lust und Leidenschaft in die Autoszene. Und mehr als das. Denn nicht der VW Golf hat den Käfer beerbt, sondern streng genommen der Sportwagen, mit dem in Wolfsburg die Ära des luftgekühlten Heckmotors zu Ende ging.

Die Coupé-Form zeichnete Giorgio Giugiaro - Cover
Die Coupé-Form zeichnete Giorgio Giugiaro Foto: APA (dpa/gms/Thomas Geiger)

Wir schreiben das Ende der 1960er Jahre: Der VW Käfer läuft und läuft zwar noch, aber in Wolfsburg stehen die Zeichen auf Wandel. Der VW-Vorstand hat erkannt, dass es bessere Antriebstechnologien gibt als den luftgekühlten Heckmotor. Der Plan: Den Antrieb nach vorne verlegen, von einer Boxer- auf eine Reihenkonstruktion und von Luft- auf Wasserkühlung umstellen, und dazu von Giorgio Giugiaro ein zeitgemäßes Bleichkleid schneidern lassen - so wird gerne die Geburtsstunde des VW Golf beschrieben. Doch historisch korrekt ist das nicht, gibt VW-Sammler Jürgen Kolle aus Braunschweig zu bedenken. Denn streng genommen nahm ein anderes Modell die technische Revolution vorweg: der Scirocco.

Brennend heißer Wüstenwind ...

Im Frühjahr 1974 hatte VW auf dem Genfer Salon den Scirocco enthüllt - ein paar Wochen vor dem Golf. Und weil das nach einem heißen Wind aus der afrikanischen Wüste benannte Auto die gleiche Basis nutzte, waren die wichtigsten technischen Neuerungen damit bereits publik.

VW Scirocco
Wenige Wochen vor dem allerersten Golf lancierte VW im Jahr 1974 den Scirocco. Er zeigte die Technik des Golf I in ansprechender Hülle verpackt. Die stammte wie beim Golf von Giugiaro. Einstiegsmotorisierung war ein 50-PS-Motor, den es sogar mit Automatik gab.

Scirocco, der Serien-Held

Der Scirocco sollte Lust und Leidenschaft in die VW-Modellpalette bringen und das Geschäft in den leistungshungrigen USA beflügeln, berichtet die Historikerin Claudia Böhler in einer Dokumentation für das Unternehmensarchiv. Vor allem sollte er den legendären Karmann Ghia beerben. Und so wie der Volkssportwagen aus Osnabrück vom Käfer abgeleitet wurde, wurde sein Nachfolger vom Erben des Käfers abgeleitet: Am 23. September 1971 schlug der Ausschuss für Produktplanung dem Programmausschuss vor, "ein Coupé im A-Bereich auf Basis EA 337" in Zusammenarbeit mit dem auch für die Kompaktlimousine verantwortlichen Designer Giugiaro und dem Produzenten Karmann zu entwickeln. Die Idee des Scirocco war geboren. Am Ende war der Scirocco dann nicht nur auf der Straße, sondern auch in der Fabrik etwas schneller als der Golf: "Während der Scirocco bereits ab April 1974 produziert wurde, liefen die Bänder für den Golf erst im Sommer an", berichtet Kolle.

Wechselvolle Geschichte

Allerdings liefen sie nicht ganz so lange. Denn während der Golf es dem Käfer gleich tut und läuft und läuft - mittlerweile in siebter Generation -, hat der Scirocco eine sehr wechselvolle Geschichte: Die bis 1981 gebaute erste Generation kann man mit 504.000 Exemplaren vielleicht noch als Erfolg verbuchen. Doch schon die zweite Auflage war statt des heißen Wüstenwinds nur noch ein laues Lüftchen und brachte es bis 1992 auf gerade einmal 291.497 Einheiten. Ein Grund dafür war auch die Konkurrenz aus eigenen Reihen durch den ebenfalls recht erfolglosen Corrado. Jahre lang herrschte Flaute, 2008 kam schließlich der Scirocco III auf den Markt.

Geheimtipp unter den Klassikern

Allein schon wegen der für VW-Verhältnisse mickrigen Stückzahlen hätte der Scirocco allemal das Zeug zum begehrten Klassiker. Doch wie so oft war auch dieses VW-Modell ein vergleichsweise angepasstes Allerweltsauto und hat deshalb nie den Kultstatus eines Opel Manta oder eines Ford Capri erlangt. Das ist schade für die Besitzer eines alten Scirocco und gut für alle, die sich erst jetzt zum Revival der 70er berufen fühlen. Denn mit deutlich unter 10 000 Euro kommt man auf dem Gebrauchtwagenmarkt schon ziemlich weit.

1974: VW Scirocco
Noch vor dem Golf zeigte VW im Frühjahr 1974 den Scirocco. Er war als Nachfolger des Karmann-Ghia konzipiert. Interessantes Detail am Rande: Eigentlich hätte der spätere Golf den Namen Scirocco tragen sollen, sein Bruder wäre zum Scirocco Coupé mutiert.

Gut in Fahrt, schwerer Stand

Aber nicht nur der alte Scirocco ist in den Herzen der VW-Gemeinde offenbar nie so richtig angekommen, auch das aktuelle Modell leidet an Akzeptanzproblemen: 2006 mit großem Tamtam als Designstudie Iroc lanciert und 2008 als neuer Scirocco in die Serie gebracht, fährt er dem Golf um Lichtjahre hinterher.

Probefahrt mit dem Scirocco:

www.volkswagen.at

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