Zukunft: Eine Stadt ohne Autos

Wenn autonomes Fahren Realität wird, brauchen wir keine Parkplätze mehr. Das Architektenbüro Wideshot Design GmbH machte sich Gedanken darüber, was das für unsere Stadtplanung bedeuten könnte.

Virtual Reality Tour Stadt ohne Autos
Statt Parkplätzen und Tankstelle bietet der Platz vor der Börse eine begrünte Terrasse und freie Liegewiesen. Foto: Wideshot Design Gmbh

Ein Auto steht im Schnitt zwischen 22 und 23 Stunden am Tag. In Wien sind rund 700.000 Autos angemeldet. Da heutige Parkplätze 12,5 qm groß sind und pro Auto statistisch gesehen 2,5 Parkplätze parat stehen, entspricht das in Wien einer Fläche von 22 Millionen qm. 

Die Wideshot Design GmbH beschäftigte sich mit der Frage „Wenn Autos in Zukunft selbstständig fahren und sich selbst außerhalb des Stadtgebiets parken – was machen wir mit der gewonnen Fläche?“. Im Zuge der Vienna Design Week führte Geschäftsführer Oliver Bertram mit Virtual Reality-Brillen durch die Innenstadt.  Interessant: Fällt das Auto weg, steht der Mensch im Mittelpunkt. Straßen werden kleiner und die öffentlichen Begegnungszonen größer. Die ganze Stadt könnte zu einer Art Mariahilferstraße werden. Oder auch nicht. Die Stadtplanung MA 18 beschäftigt sich schon lange mit der Frage und hat auch Antworten veröffentlicht.

Virtual Reality Tour Stadt ohne Autos
Große Grünflächen und eine Freiluftbühne laden zwischen Café Landtmann und Burgtheater zum Verweilen ein. Foto: Wideshot Design Gmbh

Interview mit Oliver Bertram, Geschäftsführer von Wideshot Design GmbH

Spielen Autos in Zukunft immer noch eine wichtige Rolle im Personenverkehr?

Ja. Ich glaube nicht, dass sie gravierend weniger werden. Also vielleicht sind wir am Ende bei 60% der Autos, die wir jetzt fahren. Aber ich glaube wir werden noch höhere Mobilitätsansprüche haben und das autonome Auto wird die Universalwaffe dafür sein.

Also wird das Auto als Statussymbol ausgedient haben?

Meiner Meinung nach wird es das nicht mehr geben, sondern eher als Ausnahme, als Sammlerobjekt.

Wie nahe liegt diese Zukunft mit autonomen Autos?

Jeder, den man fragt, sagt etwas anderes. Ich habe eine persönliche Meinung: Ich sage 20 Jahre. In 20 Jahren werden wir eine Größenordnung an autonomen Autos haben, dass diese Veränderungen schon gravierend in unserer Umwelt zu spüren sind. Ich habe eine persönliche Wette abgeschlossen  – im Jahr 2028 werden die Hälfte aller neu zugelassenen Fahrzeuge vollautonom fahren können. Das ist meine persönliche Meinung, da kann ich mich auch spektakulär irren.

Wie kommt man auf diese Zukunftsmodelle „Wien ohne Parkplätze“?

Ich bin kein Statistiker, ich bediene mich der Literatur. Die ist mal etwas älter, mal etwas jünger und da gibt es auch ganz viele Unsicherheiten. Ich bin persönlich eher Konsument dieser Einschätzungen und habe ein Bauchgefühl dazu. Da ist überhaupt kein Anspruch auf Richtigkeit dabei. Mobilität ist extrem genau untersucht, weil da auch viel Geld mit drin steckt. Ich glaube aber, dass Schwellenländer und vor allem asiatische Länder wie China in großen Städten mit dem autonomen Fahren starten werden.

Wie schaut es da in Wien mit der Stadtplanung aus?

Ich weiß, dass sich die MA18 schon relativ lange und fachlich tiefgehend mit diesem Thema beschäftigt. Die Frage ist natürlich wie weit so eine Magistratsabteilung an die Bürger herankommt und es in der Politik einbringen kann, damit das öffentliche Interesse da ist. Was wir auch ein bisschen als unsere Aufgabe gesehen haben.

Wie müssen Immobilien in Zukunft gestaltet werden?

Ich glaube das Einfamilienhaus wird ein ganz interessantes Thema werden. Jedes Haus mit Garage hat auf einmal eine irrsinnig große Abstellkammer. Auch bei Mehrfamilienhäusern mit Garagen, die ja meist direkt von der Wohnung mit einem Aufzug erreichbar sin, wird es große Umbauarbeiten geben müssen. Von einem autonom fahrenden Auto wird man direkt vor der Haustür abgesetzt und muss nicht mehr durch die Garage durch.

Wie müssten Neubauten gestaltet werden?

Innerstädtisch gibt es eine unglaubliche Chance, vor allem bei Bezirken, die über keine unglaublich große historische Struktur verfügen. Die üblichen Straßenschluchten würde man aufbrechen, da man ja viel weniger Platz benötigen wird, und hat somit viel mehr Gemeinschaftsfläche. Da gibt es ganz viele Ideen: Cafés, Gemeinschaftsräume, temporäre Märkte, Spielplätze. Die jetzige blockartige Bauweise, wie wir sie momentan haben, wird man somit ganz einfach aufbrechen und auflockern können.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, als Architekturbüro die Stadt neu zu designen?

Also Design mit Architektur zu koppeln, das gibt es schon lange. Architekten hören eigentlich erst auf zu designen, wenn der Vertrag zu Ende oder das Geld aus ist. Wir sind zwei Architekten und kommen aus einer Generation, bei der die Verwendung des Computers im Design sehr stark gepusht wurde, und sind beide sehr computeraffine Menschen. Wir programmieren unsere Ideen also anstatt sie zu zeichnen.

Woher kommt also das Interesse für autonomes Fahren?

Wir bekommen Aufträge zur Gestaltung von Gebäuden für Auto-Hersteller in Europa und Asien und dort verändern sich die Anforderungen. Auto-Hersteller bauen ja nicht irgendwie, sondern müssen sich an bestimmte Konzern-Standards halten. Da gibt es aber manchmal Stellen, an denen die Standards nicht mehr gelten, weil schon bewusst ist, dass das autonome Fahren kommen wird. So haben wir also von den Auto-Herstellern auf die Stadtplanung geschlossen. Wenn Erstere schon anders bauen müssen, was passiert dann erst mit der Architektur in der Stadt? Autos sind im Stadtbild ja quasi omnipräsent. Wenn man sich dann einmal mit dem Thema beschäftigt, ist es wie ein Virus. Man geht dann durch die Stadt und denkt sich an jeder zweiten Ecke „Das wär doch viel cooler ohne Autos oder Parkplätze“.

Wie würde das zum Beispiel aussehen?

Zum Beispiel wären die Straßen bzw. Kreuzungen um ein Viertel schmäler, weil die Autos dann ganz genau wissen von wo ein Auto kommt und wo das hin will. Sie brauchen daher nicht so viel Platz zum Abbiegen und der Fußgänger ist viel schneller über der Straße drüber, weil der Übergang schmäler ist. Angetrieben werden diese Entwicklungen glaube ich aus Asien. 

Virtual Reality Tour Stadt ohne Autos
Spannend: Die Tiefgarage Am Hof wird quasi an die Oberfläche geholt und bietet Platz für Geschäftslokale und Cafés. Foto: Wideshot Design Gmbh

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