Baby nach Plan: Wunschkind ohne Mann

Ab einem gewissen Alter sinkt die Chance, schwanger zu werden rapide. Was, wenn der Kinderwunsch brennend, die Zeit knapp, aber der Traumpartner weit und breit nicht in Sicht ist?

Mutter Kind - Cover
Geht's auch ohne Papa? Single-Frau mit Wunschkind Foto: LSOphoto/iStock/Thinkstock

Was Mitte 20 ein Gedankenexperiment ist, Anfang 30 zu einem Ziehen in der Magengrube wird, ist für viele Frauen Mitte 30 bittere Realität: kein Partner, aber ein Kinderwunsch, der in unerreichbare Ferne zu rücken scheint. So auch bei Eva. Eva ist 36, als ihr dämmert: "Jetzt wird es ernst." Mr. Right ist nicht in Sicht. Will sie sich ihren Traum von der eigenen Familie erfüllen, hat sie keine Zeit mehr zu verlieren. Sie beginnt sich zu informieren. Eine Samenspende könnte die Lösung sein. Schnell stellt sie fest, dass eine künstliche Befruchtung in Österreich für Alleinstehende nicht erlaubt ist. In Internetforen werden Ratschläge ausgetauscht, wie man das Gesetz umgehen kann. Tschechien sei ein heißer Tipp. Oder, dass es der eine oder andere Arzt in Wiener Krankenhäusern nicht so genau nehme.

Rechtliche Hürden

"Eine Behandlung alleinstehender Frauen ist in Österreich gemäß dem Fortpflanzungsmedizingesetz verboten", stellt Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer, Co-Gründer des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz, klar. Strohmer ist einer der wenigen Ärzte in Österreich, der alleinstehende Frauen auf ihrem Weg zum Wunschkind unterstützt. Selbst eingreifen darf er dabei nicht. Er vermittelt an europäische Partnerkliniken. Die Patientin wählt jene Klinik und Behandlungsart, die ihr am besten entspricht. Das kann eine In-vitro-Fertilisation, also die Befruchtung der Eizelle außerhalb des Körpers sein, wie das direkte Einleiten von Spendersperma in die Gebärmutter. "Die Betreuung der Schwangerschaft erfolgt dann ganz normal in Österreich beim niedergelassenen Gynäkologen", so Strohmer.

Samensuche

Abseits der künstlichen Befruchtung in einer Klinik gibt es auch noch die Möglichkeit der Heim-Insemination. Bei dieser Methode wird das Sperma zu Hause mithilfe einer Einwegspritze direkt in den Vaginalkanal eingeführt. Erhältlich sind ­Samenspenden bei diversen Samenbanken. Die weltweit größte ist Cryos. Das dänische Unternehmen versendet Sperma in die ganze Welt – auch nach Österreich. Eva sieht sich hier nach einem geeigneten Spender um.

Sperma shoppen

Der Online-Bestellvorgang kommt dem Einkauf auf Amazon ­erstaunlich nahe. Nach der Registrierung wählt man den Traumspender anhand verschiedener Kriterien aus: Ethnie, Augen- und Haar­farbe, Größe, Gewicht, Alter. Erweiterte Profile enthalten neben einer kurzen Tonbandaufnahme Babyfotos des Spenders, Einblicke in seine Lebenseinstellungen und Vorlieben, Ausbildung und Familiengeschichte. Je höher die Qualität des Spermas (man spricht hier von Motilität) und umso umfangreicher das Profil des Spenders, desto teurer ist es. Die wichtigste Wahl, die Eva zu treffen hat, ist jene zwischen einem anonymen und einem offenen Spender. Sie entscheidet sich für die offene Variante. Mit dem 18. Lebensjahr wird ihr Kind die Möglichkeit haben, Kontakt zu seinem biologischen Vater aufzunehmen.

Egoismusvorwurf

Der Samenkauf mag einfach sein, mit den Reaktionen aus dem Umfeld umzugehen, ist es nicht immer. Alleinstehende Frauen berichten dem Team des Kinderwunschzentrums immer wieder von kritischer Zurückhaltung aus ihrem Umfeld. "Dass sich eine Frau bewusst dafür entscheidet eine Single-Mom zu sein, stößt nach wie vor meist auf Unverständnis", sagt Strohmer. Wie heftig die Reaktionen des Umfelds ausfallen können, beschreibt auch Christina Mundlos, Expertin für Geschlechter- und Familienkunde, in ihrem Buch "Dann mache ich es halt allein". Frauen, die sich dafür entscheiden, allein ein Kind zu bekommen, seien häufig mit der Kritik konfrontiert, egoistisch zu handeln und dem Kind die Vaterfigur zu nehmen.

Kind statt Mann

Kein Wunder also, dass uns keine freiwillige Single-Mom zu einem Gespräch treffen wollte. Eva heißt deswegen auch nicht Eva, ist nicht 36 und auch nicht auf der Suche nach einem Samenspender. Genau genommen existiert sie nicht. Sie ist jedoch der Durchschnitt jener Frauen, von denen man in Medien und Foren liest: Mitte 30 bis Anfang 40, alleinstehend und mit ­einer Sehnsucht nach einem Kind, die sogar über dem ­Bedürfnis nach Partnerschaft stehen kann. Autorin Anya Steiner berichtet in ihrem Buch "Mutter Spender ­Kinder" von der 37-jährigen Sabine. Nach zwei gescheiterten Beziehungen, in denen die Männer jeweils kein Kind wollten, nahm sie ihre Familienplanung selbst in Angriff. Heute hat sie dank einer in Tschechien durchgeführten In-vitro-Fertilisation eine kleine Tochter.

Vatersehnsucht

Seit sie sprechen kann, fragte Sabines Tochter nach ihrem Vater. Damit hatte die Alleinerzieherin, die selbst ohne Papa aufwuchs und diesen nicht sonderlich vermisste, nicht gerechnet. Sie hofft, eines Tages einen Partner für sich und eine Vaterfigur für ihre Tochter zu finden. Genau ­darüber habe sie vor ihrer Entscheidung nachgedacht: "Dass es irgendwann zu spät sein wird, Kinder zu be­kommen – aber nicht, einen ­Partner zu finden."

Stabilität als Schlüssel

Auch ohne Vater hat Sabines Tochter aber alle Chancen auf eine gute Entwicklung. "Aus diversen Studien lässt sich der aufgeklärte Standpunkt ableiten, dass Heranwachsende ein wohlbehütetes Umfeld und Liebe benötigen", sagt Strohmer. "Die traditionelle Familie ist nicht das einzige Modell, das dies bieten kann. Das ist auch die einhellige Meinung vieler Experten." Mangelnde zeitliche und finanzielle Ressourcen können jedoch definitiv eine Einschränkung für Mutter und Kind bedeuten. Das muss Frauen vorab bewusst sein. Für Strohmer gibt es aber keinen nachvollzieh­baren Grund, Frauen ohne Partner gesetzlich zu benachteiligen: "In der Behandlung besteht jedenfalls kein Unterschied zu lesbischen Frauen, die seit 2015 medizinische Unterstützung in Anspruch nehmen können. Die Idee einer selbstbestimmten Mutter entspricht offensichtlich nach wie vor nicht dem österreichischen Weltbild."

Short-Talk

Univ.-Prof. Dr. Heinz Strohmer, Mitgründer des Kinderwunschzentrums Goldenes Kreuz

Weekend: Wie viele Single-Frauen wenden sich pro Jahr an Sie?

Strohmer: Das Kinderwunschzentrum hat heuer bislang rund 25 Anfragen von alleinstehenden Frauen mit Kinderwunsch erhalten. Wir sehen in den vergangenen Jahren einen deutlichen Anstieg. Zu den Geburten liegen keine Zahlen vor, da diese nicht gemeldet werden müssen.

Weekend: Wie läuft der Prozess für eine alleinstehende Frau mit Kinderwunsch ab?

Strohmer: Die Behandlung von alleinstehenden Frauen ist in Österreich gemäß dem Fortpflanzungsmedizingesetz verboten. Das Kinderwunschzentrum verfügt jedoch über ein Netzwerk an europäischen Partnerzentren in verschiedenen Ländern der EU. Nach der Anmeldung im Kinderwunschzentrum erfolgt ein Erstgespräch, bei dem die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten dargelegt werden. Die Patientin trifft dann die Entscheidung in welchem Zentrum die Behandlung stattfinden soll. Alle vorbereitenden Untersuchungen wie z. B. Ultraschalle finden in Wien statt, nur der Eingriff, wie die Insemination oder die Entnahme der ­Eizellen und der Transfer des Embryos finden im ausländischen Zentrum statt. Die Betreuung der Schwangerschaft erfolgt dann ganz normal in ­Österreich beim nieder­gelassenen Gynäkologen.

Weekend: Mit welchen Kosten muss eine Frau in etwa rechnen?

Strohmer: Je nach Behandlung müssen mit Kosten von ca. 1.500 Euro für eine Insemination mit Spendersamen und ca. 3.500 Euro für die Behandlung mit künstlicher Befruchtung und Spendersamen ­gerechnet werden.

Single Moms - Umfrage

  • Wunschkind ohne Vater - was halten Sie davon?