Ob das gutgeht? Nichts als die Wahrheit!

Zur Fastenzeit hat die Evangelische Kirche aufgerufen, 40 Tage lang auf größere und kleinere Flunkereien zu verzichten. Kann das gutgehen?

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Die ewige Frage: Wie viel Flunkern ist erlaubt? Foto: Rawpixel/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ihre Fastenaktion heuer unter ein ungelogen schwieriges Motto gestellt: "Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen". Angelehnt ist die Idee an das achte Gebot ("Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinem Nächsten."). "Der Sinn hinter dieser Aktion ist es, den Menschen das Lügen bewusster zu machen", erklärt der Wiener Psychotherapeut Florian Kwauka. "Ein bewusster Umgang mit Lügen kann dabei helfen, häufiger auf die kleinen und großen Unwahrheiten zu verzichten." Glaubt man der Statistik, sind wir an das Lügen nur allzu sehr gewohnt.

Ehrlich gesagt: schwierig

Nicht nur aus diesem Grund stellt uns die Fastenaufforderung vor eine echte Herausforderung. Im Schnitt lügen wir bis zu zweihundert Mal pro Tag. Das Spektrum beginnt dabei bei einem nicht ganz aufrichtigen "Danke, gut" und endet beim handfesten Betrug. Warum fällt es uns so schwer, bei der Wahrheit zu bleiben? In den häufigsten Fällen entsteht eine Lüge aus dem Konflikt zwischen Ehrlichkeit und Höflichkeit.

Flunkern statt verletzen

Einer Umfrage zufolge löst etwa nur eines von zehn Geschenken echte Freude aus. Natürlich will man den Schenkenden nicht enttäuschen – also greift man zur Notlüge. Beim Lügenfasten sind selbst solche kleinen Höflichkeitsflunkereien streng verboten. Eine Frage, die wir uns deswegen davor unbedingt stellen sollten: Wollen wir denn wirklich immer die hundertprozentige, ungefilterte Wahrheit hören – und sagen?

Eine Sozialkompetenz

Der Ehemann von US-Comedian Amy Schumer gehört zu jenen Personen, die schlichtweg nicht lügen können. "Wenn ich ihn etwa frage, ob mir das Kleid steht, dann sagt er manchmal Dinge wie: 'Du hast viel weniger hässliche Sachen. Warum ziehst du nicht einfach die an?'", erzählt Schumer, die die Sache mit Humor nimmt. Lügen sind moralisch zweifelhaft – aber auch eine wichtige Sozialkompetenz. Sie erhalten Harmonie und helfen, Konflikte zu vermeiden.

Wohlfühllüge

Besonders bei Frauen kann man diese Taktik oft beobachten. "Frauen lügen häufiger, um den Gesprächspartnern ein gutes Gefühl zu vermitteln", erklärt Kwauka. Männer flunkern tendenziell eher, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken.

Bewusstes Schummeln

"Wenn wir Notlügen nicht einsetzen, um Vorteile daraus zu ziehen und dem anderen zu schaden, sind sie wie Öl im Getriebe", schreibt Psychotherapeutin Dr. Doris Wolf. Im Endeffekt komme es jedoch auf die Größe und Dosis der Lügen an. "Auf Lügen zu verzichten würde bedeuten, unserem Gegenüber unsere Gefühle ehrlich mitzuteilen", sagt Kwauka, der dem Lügenfasten Positives abgewinnen kann. Das hieße aber nicht automatisch, jemandem destruktive Kritik ins Gesicht zu sagen. Statt zu sagen: "Du bist immer zu spät!", könnte man mitteilen, was dieses Verhalten in einem selbst auslöst: "Ich fühle mich nicht ernst genommen, wenn du dich verspätest." Aber: "Diese Form der Kommunikation benötigt Übung und ist auch nicht für alle Situationen geeignet", warnt Kwauka.

Short Talk

Florian Kwauka, Psychotherapeut

Weekend: Wie häufig lügen wir?

Florian Kwauka: Laut einer Studie erzählen Menschen zwei bis drei Lügen in einer zehnminü­tigen Unterhaltung. Das zeigt, wie gebräuchlich Lügen im Alltag sind.

Weekend: Gibt es einen Unterschied zwischen "guten" und "bösen" Lügen?

Florian Kwauka: Bei der "Notlüge" gibt es selten wirklich schlechte Absichten. Bei "bösen" Lügen wird die Wahrheit absichtlich verdreht bzw. dem Gegenüber vorenthalten. Hier kommt es zu einer Manipulation durch den Lügenden. Dabei geht es meist nicht darum, dem anderen Schaden zuzufügen, sondern sich selbst einen Vorteil zu verschaffen. Lügen in Verbindung mit Rachegelüsten können sehr destruktive Ausmaße annehmen.

Weekend: Was würde passieren, wenn wir nur noch ehrlich zueinander wären?

Auf Lügen gänzlich zu verzichten würde bedeuten, dass wir mit unserem Gegenüber authentisch unsere Gefühle teilen und die ehrliche Meinung sagen. Dabei geht es nicht darum, jemandem destruktive Kritik ins Gesicht zu sagen, sondern darum, seine Gefühle dem anderen verständlich mitzuteilen. Statt zum Beispiel zu sagen: "Du bist immer zu spät!", kann man mitteilen, was dieses Verhalten auslöst: "Ich fühle mich nicht ernst genommen, wenn du dich verspätest." Diese Form der Kommunikation benötigt allerdings etwas Übung und ist auch nicht für alle Situationen geeignet.