Sexbeichte im Vatikan

Papst Franziskus bekommt seine Firma nicht in den Griff. Die Konservativen mauern – und immer neue Sex-Skandale erschüttern die Öffentlichkeit. Zuletzt outete ein schwuler Callboy aus Neapel 50 Priester – für Weekend Magazin packt er jetzt exklusiv aus.

Pfarrer Kirche
Immer wieder erschüttern Skandale die Kirche Foto: gregorydean/iStock/Thinkstock

Gut, dass Papst Franziskus nur Gott als Vorgesetzten hat. So kann er sich Entgleisungen leisten, für die weltliche Chefs schon mal zum Bußgang beim Vorstand antreten müssten. Etwa wenn Franziskus herausrutscht, dass es schon in Ordnung sei, Kinder zu züchtigen, "solange dabei deren Würde geachtet bleibt". Oder wenn er sich hinter einen chilenischen Bischof stellt, der einen pädophilen Priester gedeckt haben soll. "Es gibt keinen einzigen Beweis gegen ihn (den Bischof). Ist das klar?" hatte der Pontifex heuer im Jänner bei seinem Chile-Besuch gegenüber Presseleuten gewettert. Noch während des Rückflugs ruderte er zurück und entschuldigte sich für seine Äußerungen. Diese seien beleidigend für die Opfer gewesen.

Inkonsequenz

Der Fall Barros ist typisch für die nicht immer konsequente Haltung des Papstes zu den Sex-Skandalen in der Kirche. Anfang 2017 hatte er die ­Bischöfe der Weltkirche zu einer "Null-Toleranz-Politik" gegen den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen aufgerufen. Als die italienische Polizei aber den Vatikan bat, im Falle des Paters Mauro Inzoli Amtshilfe zu leisten, verweigerte der Oberhirte die Mitarbeit. Pikantes Detail: Der Kleriker mit dem Spitznamen "Don Mercedes" hatte zu 800 von Papst Benedikt wegen Pädophilie suspendierten Klerikern gehört, und war – unter Franziskus rehabilitiert – wieder rückfällig geworden. Auch hier musste Franziskus eingestehen, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Die Faust Gottes

Es waren gerade die Missbrauchsskandale in der Kirche, Kriminalfälle im Vatikan, Korruption und eine allgemeine Verlotterung des Klerus, die den Theologen und Intellektuellen Joseph Ratzinger entnervt zum Rücktritt bewogen hatten. Seinem Nachfolger, dem hemdsärme­ligen Volksseelsorger Jorge Maria Bergoglio war ohne Weiteres zuzutrauen, dass er das große Aufräumen zustande bringen könnte. Zumal der Kardinal von Buenos Aires dafür bekannt war, nicht lange zu fackeln, wenn ihm etwas nicht passte. Die Ähnlichkeit zur Romanfigur "Don Camillo" ist nicht nur äußerlich, auch in seiner Streitlust erinnert Bergoglio an den rauflustigen Landpfarrer, den der ­Komiker Fernandel hinreißend verkörpert hatte.

Immunität abgeschafft

In der Tat, der neue Papst ging furios ans Werk. Er schuf eine Task Force aus neun Kardinälen ("K9"), die eine Reform der Kurie (das ist der oberste Verwaltungsapparat der Kirche, vergleichbar mit den Ministerien einer Regierung) vorantreiben sollte. Die Immunität der Kurienkardinäle wurde abgeschafft. "Die Zeiten, in denen ein Vatikanpass den wegen Verdachts der Verschleierung von Missbrauch an Kindern (...) in den USA verdächtigten Kardinal Bernhard Francis Law schützte, sind vorbei", lobt der Journalist Andreas Englisch den Papst in seinem Buch "Der Kämpfer im Vatikan".

Luxus adieu

Auch die skandalträchtige Vatikanbank säuberte der neue "Commandante" der Kirche personell – und ließ das kirchliche Bankgeschäft mithilfe externer Berater auf ein Minimum reduzieren. Dem in Rom residierenden hohen Klerus verordnete er einen strikten Bescheidenheitskurs. Edelsoutanen und Prunk sind seit Franziskus' Amtsantritt verpönt, ebenso wie teure Dienstwagen und Essen in Nobelrestaurants. Er selbst verzichtet auf die ­berühmten roten Schuhe, schmückt sich mit einem Blechkreuz und wohnt bis heute in einem Gästehaus ­innerhalb des Vatikans.

Neue Skandale

Doch der Schwung des neuen Pontifikats scheint zu erlahmen. Die Aufarbeitung der vielen Missbrauchsfälle der Vergangenheit kommt nicht recht voran und statt weniger, erschüttern immer neue Skandale die Kirche. Ausgerechnet Kardinal George Pell, als "Finanzminister" die Nummer drei der kirchlichen Hierarchie, muss derzeit wegen Vorwürfen des sexu­ellen Missbrauchs in Melbourne aussagen. Ob das Hauptverfahren eröffnet wird, stand zu Redaktionsschluss noch nicht fest.

Modernisierungen

Franziskus ist kein Reformpapst, aber er strebt Modernisierungen an. Indem er es etwa für wünschenswert hält, geschiedene und wiederverheiratete Paare unter bestimmten Umständen zur Kommunion zuzulassen. Doch dieses Vorhaben wird bis dato von den Dogmatikern blockiert, ebenso wie die angedachte Zulassung von Frauen zum Diakonsamt. Das Diktum "Wer bin ich denn, zu richten?" hat ihm die Herzen zufliegen lassen, bedeutet aber keineswegs eine Änderung der katholischen Haltung zur Homosexualität.

Kalt abserviert

Die Reformversuche, so zaghaft sie auch sein mögen, haben ­zähen internen Widerstand ausgelöst. Den Konservativen in der Kirche stößt auch sauer auf, dass Franziskus im Vorjahr den Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, abserviert hat. Der Regensburger Bischof, ein 1,95 Meter großer Hüne, war so etwas wie der Wortführer aller "Fundis" in der Kirche gewesen.

Häresie-Vorwurf

Viele unter ihnen sehen durch Franziskus eine Aufweichung des Glaubenskanons herandämmern. Der Pontifex verbreite "Irrlehren", klagten 60 Theologen, Ordensleute und katholische Laien im vergan­genen September in einem offenen Brief. Es gibt auch noch andere Konfliktfelder: Bischöfe der bedrohten christlichen Kirchen im ­Orient sind enttäuscht von der Beschwichtigungspolitik Franziskus’ gegenüber dem Islam und werfen ihm vor, dass er die bedrohten Kirchen links liegen lasse. Die Bürgermeister Italiens sind auch nicht begeistert von Franziskus’ Empfehlung, noch mehr illegale Migranten aufzunehmen, als sie ­ohnehin schon tun.

"Profitgier"

In den Filmklassikern "Don Camillo und Peppone" liefert sich der Pfarrer Camillo Infights mit dem kommunistischen Bürgermeister Peppone. Der jetzige Stellvertreter Gottes auf Erden scheint sich oft nicht sehr von einem Marxisten à la Peppone zu unterscheiden. Seine Tiraden über "Profitgier" und vor allem sein Sager "Kapitalismus tötet" sind legendär. Aber wenig hilfreich. Ein heimischer Kleriker, der namentlich nicht genannt werden will, meint dazu: "Wer dem Kapitalismus letale Eigenschaften ankreidet, sollte gelegentlich ausführen, was er für das ­bessere System hält."

Kleriker auf Abwegen - Die neuesten Skandale

Prozess im Vatikan Ein ranghoher Mitarbeiter der Nuntiatur in Washington soll bei einem Besuch in Kanada Kinderpornos auf seinen Rechner heruntergeladen haben. Zwar verweigerte der Vatikan die Auslieferung des Geistlichen, macht ihm aber jetzt selbst den Prozess. Es ist das erste derartige Verfahren im Kirchenstaat. Der Priester sitzt dort jetzt in U-Haft, es drohen ihm maximal 12 Jahre Haft und eine hohe Geldstrafe.

"Don Euro" Gegen den Toskanischen Pfarrer Don Luca Morini laufen Erhebungen wegen Erpressung, Untreue und Betrug. „Don Euro“ soll "Geld für die Armen" für Schwulenpartys, Koks und andere Lustbarkeiten ­ausgegeben und seinen Erzbischof erpresst haben. Vor Kurzem wurde er in den Laienstand versetzt, was die kircheninterne Höchststrafe für einen Kleriker ist.

Vor Gericht Derzeit steht Kurienkardinal George Pell in Australien wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht – als ranghöchster Kleriker, gegen den derzeit eine derartige Anklage erhoben ist. Der Kardinal gehörte ausgerechnet der "P8-Gruppe" von Kardinälen an, die für eine Neuausrichtung der Kurie sorgen sollten.

Exklusiv-Interview

Francesco Mangiacapra, italienischer Callboy

Herr Mangiacapra, wer waren die Kleriker, mit denen Sie Sex gegen Bezahlung hatten?

Es gab Monsignores aus Kreisen des Vatikans, es gab Priester, Seminaristen, Ordensangehörige, Militärpfarrer und Leute des Opus Dei. In meinem Buch und auch in meinem Dossier habe ich festgehalten, dass es Netzwerke von schwulen Klerikern gibt. Ein Geflecht von Gleichgesinnten, die einander gut kennen, sich aus­tauschen und unterstützten. Die Namenslisten, die ich dem Vatikan übermittelt habe, dienen dazu, die Vorgesetzten zum Handeln und die Betroffenen zum Nachdenken zu bewegen. Es geht mir nicht um eine Hexenjagd oder persönliche ­Rache, sondern um eine ­politische Aktion. Man kann nicht von der Kanzel aus die sexuelle Freiheit verdammen und sie heimlich genießen, das ist heuchlerisch.

Was glauben Sie, sind die Konsequenzen für die ­Betroffenen?

Nur die wenigen, die vom ­Kirchendienst suspendiert werden, tauchen in den Nachrichten auf. Normalerweise werden gemaßregelte Priester still und heimlich in einem Kloster eingesperrt und bekommen weiterhin ihr ­Gehalt. Gut möglich ist aber auch, dass keinem derjenigen, die ich angezeigt habe, etwas passiert. Ich nehme an, dass auch die ärgsten Fälle bloß versetzt werden. Ein ­kleines Bauernopfer und das Spiel geht weiter.

Woher nehmen Kirchenleute, die ja ein Armutsgelübde abgelegt haben, das Geld für Escorts oder Prosti­tuierte?

Priester haben ja wenig Ausgaben, weil sie nicht für Familien sorgen müssen. Außerdem gibt es manchmal persönliches Vermögen oder jenes der Herkunftsfamilie. Manche veruntreuen auch für Messen oder wohltätige Zwecke gespendetes Geld. Einer, der es diesbezüglich am schlimmsten getrieben hat, ist Don Luca Morini, der aufgrund einer Anzeige von mir vor einigen Jahren aufgeflogen ist. Die Machenschaften „Don Euros“, wie er genannt wurde, weil er so geschickt im Geldaufstellen war, waren der Kurie jahrzehntelang bekannt. Sie hat nichts unternommen. Erst als ich ihn angezeigt habe, musste sie handeln. Es dauerte dann noch mal drei Jahre, bis er in den Laienstand versetzt wurde.

Erhalten Sie Drohungen von Leuten, die Sie angezeigt ­haben?

Es gab anonyme Droh­briefe, ja. Sie machen mir aber keine Angst, denn nur die Wahrheit zählt. Ich bin sicher, dass die Priester meine Aktion für ein „mea culpa“ nutzen, über ihr Verhalten nachdenken und mir letztlich dankbar sein werden.

Was hat Sie genau bewogen, Ihre Kunden bei der Kirche anzuzeigen?

Es geschah, nicht weil ich die Kirche mit Schmutz bewerfen wollte, sondern um ihr zu helfen, sich selbst zu reinigen. Was mich empörte, ist die Falschheit mancher Kleriker, die imstande sind, zu den tiefsten Perversionen herabzusteigen und gleichzeitig eine saubere und ehrenwerte Fassade aufrechtzuerhalten, mit deren Hilfe sie über ­andere harte moralische Urteile fällen. Ich glaube nicht, dass eine Revolution in der Kirche möglich ist, aber die Kirchenspitze sollte darüber nachdenken, dass unter den Teppich kehren nicht die Lösung sein kann. Das Problem meiner Kunden aus Kirchenkreisen war nicht die Homosexualität, sondern die Heuchelei.

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