Tirol: Die neue Höflichkeit – Familie Polai im Gespräch

Man muss einen Meter Abstand halten, Handshake und Umarmung sind derzeit nicht angebracht, Treffen mit Freunden oder Berufskollegen sind nur bedingt zulässig – die Corona-Krise hat neben zahlreichen Veränderungen im täglichen Leben auch in puncto Etikette einen Wandel mit sich gebracht. Wir haben bei Familie Polai, die in Innsbruck eine Tanzschule betreibt und als Kenner der Etikette gilt, nachgefragt.

Wirtschaftsball2017_Klein.jpg
Julia (li.), Ferry und Waltraud Polai.  Foto: Die Fotografen/Polai

Nach ihrer Profi-Tanzkarriere haben Waltraud und Ferry Polai 1978 ihre Tanzschule in Innsbruck eröffnet – heute führt Tochter Julia die Geschäfte. Neben Tanzkursen bietet Familie Polai seit über 20 Jahren Seminare zu Umgangsformen und Etikette an.

Weekend: Handshake, Umarmung und Küsschen links und rechts gehörten vor der Corona-Krise zum guten Ton. Wie verhalte ich mich jetzt richtig?
​Ferry Polai:
 Abstand zu wahren ist derzeit das Um und Auf – ungewöhnlich, da es sonst selbstverständlich war, sich bis zu einem gewissen Grad näher zu kommen. Meiner Meinung ist es daher jetzt um so wichtiger, sein Gegenüber wirklich wahrzunehmen, um auch über Distanz oder die Telefonleitung verstehen zu können, was in der Person wirklich vorgeht. Man muss auch bedenken, dass wir uns gerade in einer Stresssituation befinden, weshalb man sehr feinfühlig und verständnisvoll miteinander umgehen muss.

Weekend: Werden klassische Umgangsformen wie Begrüßungsküsschen, Tür aufhalten & Handschlag nach der Krise wieder gefragt sein?
​Julia Polai: 
Ich denke schon, dass diese Begrüßungs- und Umgangsformen wieder zurückkommen. Menschen sind für distanziertes Verhalten in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühen sollen, nicht geschaffen – etwa wenn sie mit Freunden oder Bekannten zusammen sind. Soziale Nähe gehört da einfach dazu.
​Ferry Polai: Gerade in unserem Beruf ist körperliche Nähe etwas sehr Natürliches, und aus über 40 Jahren Berufserfahrung weiß ich aus erster Hand, wie sehr die Menschen Nähe und Kontakt schätzen und auch brauchen. Es wäre sehr schade, wenn Abstand im zwischenmenschlichen Bereich beibehalten werden würde. Aber auch ich glaube nicht wirklich daran, dass es so kommen wird.

Weekend: Wie wichtig ist es auch abseits der Corona-Krise Umgangsformen einzuhalten?
Waltraud Polai:
 Etikette drückt den Respekt aus, den man jedem Menschen gegenüber an den Tag legen sollte, und bringt diesen in eine sichtbare Form. Etikette ist etwas Wunderbares und Wichtiges. Und Tatsache ist, dass in die Ellenbeuge zu husten oder einen respektvollen Mindestabstand Fremden gegenüber einzuhalten auch vor der Krise angebracht war.

Weekend: Wie hat sich die Etikette generell in den letzten Jahrzehnten verändert?
​Ferry Polai: 
Etikette hat sich natürlich verändert – auch sie muss mit der Zeit gehen. Ich denke, dass sich viele Menschen nach mehr persönlicher Nähe und weniger „Handy“ sehnen. Es gibt einen schönen afrikanischen Gruß aus der Sprache der Zulu: „Sawubona“, was bedeutet: „Ich sehe Dich, und dadurch erwecke ich Dich zum Leben“. Darum geht es: Wir müssen einander wieder mehr „sehen“, wodurch wir unglaublich an Lebensqualität gewinnen. Und Etikette mag ein altmodischer Begriff sein, ist aber ein wichtiger Teil des Miteinanders: Etikette spiegelt Anerkennung und Respekt wider.