Therapie bei Verhaltensauffälligkeiten

Sie fragen sich, warum Ihr Kind so schlimm ist? Was Sie falsch gemacht haben? Die gute Nachricht: Es muss nicht an Ihrer Erziehungsmethode liegen. Auch Überreste frühkindlicher Reflexe können zu Verhaltensauffälligkeiten führen.

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Foto: Caro / Caro / picturedesk.com

Jonas ist neun Jahre alt und stellt seine Eltern immer wieder vor große Herausforderungen: Schon als Baby hat er viel geweint, konnte nur im rüttelnden Kinderwagen einschlafen und litt unter Verdauungsproblemen. Im Kleinkindalter berichten die Eltern von unkontrollierten Wut- und Trotzanfällen. Jonas attackiert seine Geschwister und macht sich um vieles Sorgen. In der Schule leidet der Bub unter Lernproblemen. Die Eltern fragen sich nun: Gehört Jonas zur Gruppe verhaltensauffälliger Kinder, oder ist er einfach nur ein schlimmer Junge?

Wissen, was los ist

Die Suche nach Hilfe beginnt bei vielen Eltern zögerlich. Zum einen, weil sie oft nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen. Zum anderen, weil die Ursache des „Problems“ oft bei der eigenen Unfähigkeit vermutet wird. Dabei steckt hinter Jonas’ Verhalten vermutlich eine ganz andere Ursache: Kevin ist ein normales, intelligentes Kind, bei dem sich lediglich manche Reflexe nicht so entwickelt haben, wie sie sollten.

Früher Ursprung

Der Grund dafür kann schon sehr lange zurückliegen. Bereits im Mutterleib muss sich ein Kind bewegen, um sich entwickeln zu können. Dafür wird es mit einem Set frühkindlicher Reflexe („Überlebensreflexe“) ausgestattet, die mit Fortschreiten der Hirnreifung später automatisch wieder gehemmt werden sollten. Läuft dieser Entwicklungsprozess beispielsweise aufgrund von Störungen in der Schwangerschaft oder durch Probleme bei der Geburt oder im Kleinkindalter nicht nach Plan, können einige dieser Reflexe aktiv bleiben und nachfolgende Entwicklungen beeinträchtigen. Wird dies nicht bemerkt, müssen Kinder oftmals unter den Folgen leiden.

Erste Anzeichen

Symptome können sich auf verschiedene Weise zeigen. Oft spiegeln sie sich in aggressivem und gewaltbereitem Verhalten wider, in Stimmungsschwankungen oder unkoordinierten Bewegungen. Die betroffenen Kinder haben viele Ängste und sind übertrieben schreckhaft. Trotz offensichtlich vorhandener Intelligenz haben sie in der Schule Lernprobleme, bewältigen Aufgaben sehr langsam und lassen sich leicht ablenken.

Behandlungswege

Wenn Reste von Reflexen bestehen bleiben, spricht man im Fachbereich von einer „neurophysiologischen Entwicklungsverzögerung“. Wird diese erkannt, kann sie mit einer Entwicklungsförderungs- Therapie behandelt werden. Therapeutin Martina Leonhartsberger hat sich auf diesen Bereich spezialisiert und bietet in Oberösterreich die sogenannte „Mototherapie“ an. Dabei handelt es sich um ein Wahrnehmungs- und Bewegungstraining, das nach dem Erstgespräch individuell an den Patienten angepasst wird. Die vereinbarten Übungen werden täglich 3 bis 15 Minuten mit den Eltern zu Hause durchgeführt. Nach 8 Wochen kommt man wieder, um den aktuellen Status erneut zu analysieren. Dann wird das Übungsprogramm dementsprechend angepasst. Die Angst, die bleibt Es gibt durchaus Menschen, die mit frühkindlichen Reflexen gut aufgewachsen sind, da sie mithilfe von unbewussten Bewältigungsstrategien negative Wirkungen weitgehend vermeiden konnten. Oft müssen Betroffene aber ihr Leben lang mit den Folgen leben, wie z. B. mit Höhenangst, Gleichgewichtsproblemen, übertriebenen Gefühlsausbrüchen oder Zurückgezogenheit. Wenn alles gut wird Im besten Fall aber wird Jonas mit einem Förderungsprogramm behandelt. Danach werden ihn die kleinen Geschwister zwar wahrscheinlich immer noch nerven und vielleicht findet er Mathe genauso doof wie vorher. Aber unrealistische Ängste, übertriebene Wut anfälle oder gar Aggressionen sollen verschwinden.

Worum geht es bei der Mototherapie?

Um Reste frühkindlicher Reflexe als Ursache für Lern- und Verhaltensprobleme. Schon seit den 70er-Jahren wird die Problematik im Institut für Neurophysiologische Psychologie in Chester, England, untersucht. Dort wurde für betroffene Kinder und Jugendliche ein Bewegungsübungsprogramm entwickelt, das dem Gehirn eine zweite Chance gibt, Entwicklungslücken zu schließen.

Wie wird den Kindern und Jugendlichen in der Praxis geholfen?

Unter anderem mit der in Chester entwickelten Methode. In einem Anamnesegespräch findet ein erstes Abklären statt, ob das Kind von dieser Förderung profitieren kann. Entsprechend dem Untersuchungsergebnis erstellt es dann ein individuelles Übungsprogramm. Dazu können Balancieren oder Schaukeln gehören.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Probleme tatsächlich durch die Therapie gelöst werden?

Die Erfolgschancen liegen laut Studien bei 85 Prozent, in der Praxis sind sie nach Erfahrungen der Expertin sogar durchaus höher.