Stefan Petzner im Interview: „Strache erinnert mich an Haider“

Polit-Rambo. Eigentlich wollte sich Stefan Petzner nach Dancing Stars eine längere Auszeit nehmen. Doch dann kam das Ibiza-Video und der Politikberater nahm sich eine Auszeit von der Auszeit. Im Weekend Magazin-Interview lässt der Dancing Star kein gutes Haar an den Wahlkämpfern.

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„Die SPÖ ist im wahrsten Sinne des Wortes eine sterbende Partei.“ Foto: Jeff Mangione/Kurier/picturedesk.com

weekend: Herr Petzner, versetzen Sie sich für einen Moment in die Rolle von Karina Sarkissova und verteilen Sie an die wahlwerbenden Parteien Dancing Stars-Noten.
Stefan Petzner: Das Spannende ist, dass die Wahlkämpfe der einzelnen Parteien so schlecht sind wie mein Tango bei Dancing Stars. Es läuft bei allen unrund, was mich wundert. Da ist nichts griffig, alle agieren holprig und fehlerhaft. Daher halte ich den Ausgang nach wie vor für offen.

weekend: Bei welcher Partei überrascht Sie das am meisten?
Stefan Petzner: Natürlich bei den Türkisen. Im Wahlkampf 2017 hatten sie ein perfektes Drehbuch in der Schublade, das sie wie ein Schweizer Uhrwerk umgesetzt haben. Jetzt wurden sie von Ibiza überrascht und überrumpelt. Daher läuft es nicht rund. Wenn die ÖVP schnell reagieren muss, ist sie fehleranfällig. Kurz liegt zwar in den Umfragen auf einem Niveau, dass ihm das egal sein kann. Aber wir wissen, wie schnell sich der Wind in Wahlkämpfen drehen kann. weekend: Halten Sie es für möglich, dass Kurz noch vom Thron stürzt? Stefan Petzner: Das nicht, aber ein Ergebnis von 40 Prozent plus, wie es sich manche in der ersten Euphorie erhofft haben, ist nicht in Sichtweite. Derzeit sind 34 bis 35 Prozent realistisch. Das ist zwar ein Zuwachs, aber die Bäume wachsen auch bei den Türkisen nicht in den Himmel. Das große Glück der ÖVP ist, dass weit und breit kein Gegner in Sicht ist, der die Steilvorlagen ausnutzen könnte.

weekend: Damit kommen wir zur SPÖ. Warum kann Rendi-Wagner trotz des stotternden ÖVP-Motors nicht punkten?
Stefan Petzner: Die SPÖ ist in den 70er-Jahren stecken geblieben. Wir leben aber in einem neuen Jahrtausend. Die Sozialdemokraten haben die Modernisierung ihrer Strukturen völlig verschlafen. Das ist auch durch einen Spitzenkandidaten nicht korrigierbar. Die SPÖ ist im wahrsten Sinne des Wortes eine sterbende Partei. Sie lebt von den Pensionisten und alten Menschen, die sterben aber schön langsam weg. Ich schließe nicht aus, dass die SPÖ ein ähnliches Schicksal erleidet wie die SPD in Deutschland, die aktuell um den Einzug in den Landtag in Sachsen bangen muss. weekend: Hat die SPÖ die neuen Kommunikationsformen verschlafen? Stefan Petzner: Ja, haben sie, aber da versuchen sie jetzt aufzuholen. Das Hauptproblem ist aber die verkrustete Struktur, der aufgeblähte, schwerfällige Apparat, der in sich geschlossen ist und viel zu lange braucht, um Entscheidungen zu treffen. Die Struktur der SPÖ läuft dem heute geforderten Tempo in der Politik zuwider.

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„Die Wahlkämpfe der einzelnen Parteien sind so schlecht wie mein Tango bei Dancing Stars.“ Foto: Jeff Mangione/Kurier/picturedesk.com

weekend: Das ist jetzt ein wenig abstrakt …
Stefan Petzner: Ich bringe dazu ein konkretes Beispiel: Heute kann ich das erzählen, weil Christian Kern eh Geschichte ist. Als ich damals ein Gespräch mit Kern hatte, habe ich ihn gefragt, aus wie vielen Personen sein Wahlkampfteam besteht. Voller Stolz hat er mir erzählt, dass er auf 16 Personen zurückgreifen könne. Und da fängt das Problem an. Wenn 16 Leute mitreden kommt am Ende nichts heraus. Wahlkampf ist eine hierarchische Veranstaltung, keine demokratische. Das ist wie beim Bundesheer.

weekend: Hat die SPÖ auch ein inhaltliches Problem?
Stefan Petzner: Nein, das sehe ich nicht. Ich glaube, dass die sozialdemokratischen Themen wie Gesundheit, Einkommen, Wohnen nach wie vor relevant sind. Nur nimmt der SPÖ niemand mehr ab, dass sie diese Probleme lösen kann.

weekend: Wird Rendi-Wagner nach dem 29. September noch Parteichefin sein?
Stefan Petzner: Die SPÖ wird sich in ihrem Überlebenskampf in eine Türkis-Rote Regierung retten wollen. Ich schließe nicht aus, dass das gelingen wird. Gänzlich ausschließen kann ich, dass dies zum Wohle der Partei sein wird. Dann haben zwar wieder einige Bonzen schöne Posten, aber es wird der Untergang der SPÖ sein.

weekend: Sie rechnen also mit einer Neuauflage der Großen Koalition?
Stefan Petzner: Meiner Meinung nach sind zwei Varianten realistisch: entweder Türkis-Rot oder eine Fortsetzung von Türkis-Blau. Letzgenannte wird allerdings von Tag zu Tag unwahrscheinlicher, weil die Hürden immer größer werden. Ein Dreierbündnis Türkis-Pink-Grün schließe ich aus, weil zu instabil. Türkis-Grün wird sich nach jetzigem Stand nicht ausgehen. Und selbst wenn, wird es nicht funktionieren.

weekend: Warum?
Stefan Petzner: Weil es die Grünen dann zerreißt. Ich habe sie sogar vor einer solchen Konstellation gewarnt. Ich halte zwar Werner Kogler für einen Mann mit Handschlagqualität, einen bürgerlichen Pragmatiker, mit dem es gehen könnte. Aber dahinter sind dieselben linksradikalen VolltrottelInnen – richtig gegendert – wie eh und je. So unvorbereitet, aus einer außerparlamentarischen Opposition kommend, in eine Regierung mit der ÖVP einzutreten halte ich für ein grünes Selbstmordkommando.

weekend: Dennoch: die Grünen sind wohl die Partei der Stunde?
Stefan Petzner: Ja, aber völlig unverdient. Das momentane Hoch ist zwei Aspekten geschuldet. Einerseits dem wirklich guten Spitzenkandidaten Werner Kogler und andererseits der Themenlage, Stichwort Klimakrise. Ansonsten hat sich an den Grünen seit 2017 nichts verändert.

weekend: Wie unverdient sind dann die prognostizierten 20 Prozent der FPÖ?
Stefan Petzner: In Anbetracht dessen, was passiert ist, ist das tatsächlich erstaunlich. Ich tu mir in der Beurteilung von HC Strache schwer. Denn einerseits sehe ich den Menschen Strache, der die FPÖ aus dem Nichts wiederaufgebaut hat. Das ist eine große Leistung. Und wenn das alles plötzlich weg ist, tut das wahnsinnig weh. Zugleich muss man aber an seine Vernunft appellieren. Alles, was er jetzt sagt und tut und vor allem das permanente Aufrollen des Ibiza-Skandals schadet der Partei. Ich halte die Macher des Videos für kriminell. Aber niemand hat Strache gezwungen, dort zu sagen, was er gesagt hat. Er hat das aus freien Stücken getan. Strache erinnert mich in vielem an Jörg Haider. Er weiß um seine Hausmacht.

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Zur Person: Stefan Petzner begann seine Karriere als Pressesprecher bei Jörg Haider, wurde später Obmann des BZÖ. Heute ist Petzner als Buchautor und PR-Berater tätig. Foto: Starpix/Alexander Tuma/picturedesk.com

weekend: Droht der FPÖ ein zweites Knittelfeld?
Stefan Petzner: Nur dann, wenn sie mit aller Gewalt eine Neuauflage der Koalition will, wenn sie zum billigen Jakob der ÖVP wird und jeden Kompromiss mitträgt. Wenn die FPÖ diesen Fehler macht, wird die Basis rebellieren und es droht tatsächlich ein zweites Knittelfeld. 

weekend: Wenig Bewegung ist bei den Neos und der Liste Jetzt. Warum kommen die nicht vom Fleck?
Stefan Petzner: Bei den Neos passieren keine großen Fehler. Aber ja, sie treten auf der Stelle. Sie haben das Problem der doppelten Konkurrenz. Sie stecken zwischen den linksliberalen Grünen und der konservativen ÖVP, verlieren an beide Stimmen. Naja und der Peter Pilz von Jetzt ist zwar ein Ungustl, hat aber als Aufdecker vieles geleistet. Für ihn wird es nach dem 29. September wohl keine politische Zukunft geben.