Das große Wetten: Das Geschäft mit dem Sport

Das Geschäft mit Sportwetten boomt. Weltweit wird über eine Billion Dollar umgesetzt – ein äußerst lukrativer Markt, der auch Kriminelle magisch anzieht.

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Das Geschäft mit Sportwetten boomt Foto: Pixfly/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

In der noblen Festspielstadt Salzburg gibt es in einem weniger noblen Stadtteil eine Kreuzung mit drei Wettbüros in den vier Eckhäu­sern. Man hat die Wahl zwischen "Admiral Sportwetten", "tipico" und "HBYBet". Nur in einem der vier Eckgebäude hält noch eine Apotheke die Stellung, aber in Steinwurfnähe schräg gegenüber blinkt schon Wettbüro Nummer vier, "tipwin". Und noch ein paar Schritte weiter locken "runbet" und "Sport Live" die Kundschaft. Man zählt also sage und schreibe sechs Sportwetten-Etablissements im Umkreis von 150 Metern.

Wetten statt Automaten

Auch in Wels, Innsbruck oder Wien, überhaupt in jeder größeren österreichischen Stadt, gibt es diese Wettshops. Sie siedeln sich gern in bevölkerungsreichen, von Migranten geprägten Stadtvierteln an, besetzen die Geschäftslokale des sterbenden Einzelhandels und vermehren sich dort besonders gut, wo das "kleine Glücksspiel" verboten ist. Das sind die Bundesländer Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Wien. Die Entwicklung ist nicht unbedingt im Sinne des Erfinders, zumal viele Stadtverwaltungen die schnöden Automatencafés loswerden wollten und dann feststellen mussten, dass sie halt durch Wettbüros ersetzt wurden. Diese frequentieren jetzt auch die Spielsüchtigen, die man mit dem Verbot der einarmigen Banditen zwangsentwöhnen wollte.

Sport-Wissen gefragt

Das Sportwettengeschäft ist in Österreich völlig legal. Es gilt nicht als "großes" Glücksspiel und fällt deshalb auch nicht unter das staatliche Monopol. Juristisch gesehen handelt es sich um ein "Geschicklichkeitsspiel", weil laut Verwaltungsgerichtshof das Resultat eines sportlichen Wettbewerbs nicht nur vom Zufall abhängig ist, sondern auch von der "Geschicklichkeit", also dem Können der Sportler. Aber auch die Geschicklichkeit desjenigen, der wettet, ist gefragt. Mit dem Slogan "Setzen Sie Ihr Sport-Wissen in Cash um" umschmeichelt zum Beispiel die Novomatic-Tochter Admiral die Sport-Auskenner.

Österreich zockt

Die Summen, die Herr und Frau Österreicher in Glücksspiele und Wetten investieren, werden Jahr für Jahr größer. Die gesamte Branche inklusive des staatlichen Glücksspielmonopolisten erzielte 2018 einen Brutto-Spielertrag (Einsätze minus Gewinnausschüttungen vor Steuern) von 1,9 Milliarden Euro. Die stationären Sportwetten-Anbieter Österreichs erwirtschafteten im Vorjahr einen Brutto-Ertrag von 187,4 Millionen Euro vor Steuern. Auch hier ist Online stark im Kommen: 125,2 Millionen Brutto-Spielertrag wurden in die Kassen der Onlinebuchmacher gespült.

Alles, was Sport ist

Ob online oder offline, das Geschäft mit Wetten boomt weltweit. Gewettet wird auf so ziemlich alle Sportarten von Fußball über Golf und Tennis bis hin zu Autorennen, Cricket, Boxen, Pferderennen, Hockey, Badminton und vieles mehr. Laut einer neuen, heuer veröffentlichten Studie von Zion Market Research wurden im Jahr 2017 global 1,04 Billionen (!) US-Dollar mit "sports betting" umgesetzt. Die Zahl soll sich laut diesem Bericht in den kommenden vier Jahren noch auf 1,55 Billionen Dollar erhöhen. Die gigantischen Summen, die da im Spiel sind – allein innerhalb Europas dürften jedes Wochenende drei bis vier Milliarden Euro auf Fußballspiele gesetzt werden –, wecken selbstredend auch jede Menge kriminelle Energien. Das Stichwort lautet Wettbetrug, „Spielmanipulation“, auch "betting fraud" und "matchfixing" genannt.

Die Wettmafia

Seit die organisierte Kriminalität auf die Idee gekommen ist, über ­manipulierte Sportwetten schmutzige Gelder weißzuwaschen (und zu vermehren), haben die illegalen Absprachen an Dynamik zugelegt. Längst ist der große Wettbetrug länderübergreifend und konzernartig organisiert. Die Drahtzieher sind Mafia-Organisationen oder andere kriminelle "Wettgemeinschaften", die oft Tausende Kilometer vom Spielort entfernt sitzen. Im Zeitalter des globalen Wettgeschäfts, das es ermöglicht, von Österreich aus auf die Chinese Super League zu wetten und von China aus auf die heimische Regionalliga West, ist das nicht ungewöhnlich.

Heim-Skandal

Im November 2013 erschütterte ein Manipulationsskandal den österreichischen Fußball, der bis dahin als halbwegs sauber gegolten hatte. Im Zentrum der Affäre standen der Exnationalstürmer Sanel Kuljić, der Grödig-Kapitän Dominique Taboga und sechs weitere Personen. Kuljić wurde des Wettbetrugs, der Erpressung und der Nötigung überführt und zu fünf Jahren Haft verurteilt. Taboga bekam eine teilbedingte, dreijährige Haft wegen Wettbetrugs. Wie auch Doping zerstört Wettbetrug das Vertrauen in den Sport. Den Kampf gegen die Spielmanipulation haben sich zahlreiche Akteure auf die Fahnen geschrieben. Zu nennen sind die UEFA, die FIFA, "Transparency International", nationale Vereine wie "Fair Play" oder die in der Schweiz ansässige Agentur "Sportsradar". In Graz sitzt die von Rudolf Stinner gegründete Detektei "Indexx Data".

Der IBIA-Bericht

Die in Brüssel ansässige "International Betting Integrity Organisation" (IBIA), ein Zusammenschluss von großen Wettanbietern, veröffentlicht vierteljährlich einen Bericht zur Korruptionssituation. Der dritte Quartalsbericht des privaten Kontrollgremiums listet zwischen Juli und September dieses Jahres weltweit 50 verdächtige Wettereignisse auf. Die Wettmafia ist so etwas wie der natürliche Fressfeind der Wettanbieter, geht es doch Ersteren darum, Letztere maximal auszuplündern. Die Unternehmen sind daher auf der Hut, bei sehr hohen und scheinbar unlogischen Wetten schrillen sofort die Alarmglocken.

Politwette

Das mussten auch zwei Wettfreunde aus Wien feststellen, die im Frühjahr 1.150 Euro auf Neuwahlen gewettet hatten – eine Woche vor dem Ibiza-Video und noch während des schönsten Koalitionsfriedens. Bet-at-home vermutete Ibiza-Insiderwissen aus SPÖ-Kreisen und erstattete Anzeige. Die "Soko Ibiza" schaltete sich ein. Eine Überreaktion, wie sich zeigen sollte. Gesetzt hatten die Wiener den Betrag nämlich auf ein Koalitionsende heuer und in den zwei folgenden Jahren – eine recht rationale Wette also, für die man weder ein Hellseher noch ein Insider sein musste. Zeitungslektüre hat auch genügt.

Short Talk

Rudolf Stinner ist ehemaliger Kriminalpolizist und leitet jetzt die auf Wettbetrug spezialisierte Firma "Indexx Data"

Weekend: Gibt es Wettbetrug, der unbemerkt durch die diversen elektronischen Warnsysteme der Wettanbieter schlüpft?

Rudolf Stinner: Warnsysteme sind auf Quotenbewegungen aufgebaut. Verändern sich diese bei einem Spiel in nicht erklärbarer Weise, nimmt man einen kriminellen Grund an. Es gibt global Wettanbieter in vierstelliger Zahl, darunter unzählige seriöse, aber auch viele dubiose und sogar kriminelle, die mit Sicherheit nicht an ein Wettalarmsystem angeschlossen sind. Gerade diese Anbieter werden von den Manipulatoren aber benützt. Die Systeme schlagen erst an, wenn gewisse Wettvolumina erreicht werden oder etwa viele Wetten von einem Einzelnen einlangen. Das kann umgangen werden, indem man einfach geringe Einsätze auf viele Wettkonten bei unterschiedlichen Anbietern platziert.

Weekend: Halten Sie es für möglich, dass auch in unserer Bundesliga Spiele manipuliert werden, wie Sanel Kuljic vor Kurzem in der Krone gesagt hat?

Rudolf Stinner: In Europa gab es bisher mit Ausnahme des Vatikanstaats kein einziges Land, in dem nicht in irgendeiner Weise in den Sportarten Fußball, Tennis, Basketball oder Handball ein Wettbetrug stattgefunden hat. Denn es geht einfach um zu viel Geld.

Weekend: Sie sind Privatermittler in Sachen Wettbetrug. Wie ­arbeiten Sie?

Rudolf Stinner: Musste ich mich vor Jahren noch bemühen, wie ich an Informationen herankomme, ist es nun so, dass man mir unaufgefordert Hinweise auf Matchfixing gibt oder liefert. Oftmals sogar schon mit Mutmaßungen über die Täter und deren Vorgangsweise.