Spitäler funken SOS

Notfall. Überfüllte Warteräume, randalierende Patienten und eine durch diverse Reformankündigungen ungewisse Zukunft: Ausnahmezustand an den österreichischen Spitälern. Ein Weekend-Lokalaugenschein in der Notaufnahme.

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Foto: AUVA

Sie bringen den Unterschenkel?“ Small Talk am Dach des Grazer Unfallkrankenhauses – die Crew von Christophorus 12, angeführt von Pilot Peter Fleischhacker, hat gerade einen Schwerverletzten eingeflogen. Nach der „Begrüßung“ durch Primarius Michael Plecko geht’s per Lift runter in einen der Schockräume zur Erstbehandlung. „Der Mann hat sich bei Forstarbeiten schwer am Unterschenkel verletzt – die Kollegen klären nun die weitere Vorgehensweise ab, müssen im Fall der Fälle einen Operationssaal frei bekommen, schauen, ob genügend Personal zur Verfügung steht und so weiter“, klärt Plecko im Laufschritt in Richtung Fahrstuhl auf. „Business as usual“ eben – so wie in jeder anderen Notaufnahme in Österreich auch.

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Foto: Elisabeth Stolzer

Erstversorgung

„Tagsüber versehen bei uns fünf Ärzte in der Notaufnahme Dienst – in der Nacht ist es einer weniger“, klärt Stephan Schwarz, der an diesem Tag leitende Oberarzt, auf. An die 300 Menschen werden am UKH Graz täglich erstversorgt – „dazu kommen noch 300 bis 400 ambulante Patienten zur Nachbehandlung. Richtig ruhig ist’s nie“, lächelt Schwarz. Bei 5.200 Operationen, die hier pro Jahr durchgeführt werden, ist das auch durchaus zu glauben.

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Foto: Elisabeth Stolzer

Wartezeit

Bei unserem Lokalaugenschein in Graz-Eggenberg ist der Wartebereich vor den drei Behandlungskojen der Notaufnahme ungefähr zur Hälfte gefüllt. „Am Wochenende ist bestimmt mehr los“, murmelt man vor sich hin. „Das ist ein alter Mythos, der so einfach nicht stimmt“, hakt Plecko gleich ein. „Am Wochenende ist allerdings nur die Notfallmannschaft da – es heißt ja schließlich auch Notaufnahme. Das Problem dabei ist, dass es halt relativ ist, was jemand als Notfall empfindet“, weiß der ärztliche Leiter des größten steirischen Trauma-Spitals, worauf man hinaus will. Die Reihung der Patienten erfolgt übrigens in jeder Notaufnahme nach einem internationalen Bewertungssystem. „Bei einer schweren Verletzung kommt man natürlich unmittelbar zu einem Arzt – wird man mit niedriger Priorität bewertet, wird man immer nach hinten gereicht, wodurch lange Wartezeiten entstehen.“

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Foto: Elisabeth Stolzer

Eskalation

Was für die meisten Menschen hoffentlich nachvollziehbar klingt, stößt immer wieder auf Unverständnis. „Unsere Gesellschaft wird einfach immer ich-bezogener, dazu kommt, dass auch der Respekt vor der Institution Spital und Ärzten dramatisch gesunken ist. So kommt es vor, dass Leute zu toben beginnen, weil wir ihnen einen Schwerverletzten vorziehen – dazu kommt natürlich das Problem mit Drogen und Alkohol. Bei uns haben Patienten schon die komplette Wundversorgung zerstört“, erinnert sich Schwarz, der als ehemaliger Eishockeyspieler und nach wir vor imposantem Erscheinungsbild eigentlich nicht in die Kategorie schreckhaft fällt. Dass der Gewaltanstieg in unseren Spitälern ausschließlich auf die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 zurückzuführen ist, will man in Graz nicht vorbehaltlos unterschreiben. „Zweifellos gründen diese Zwischenfälle hin und wieder auf kulturellen Unterschieden – doch die Hemmschwelle ist auch bei Inländern dramatisch gesunken“, stellt Plecko klar. Gewaltschutztrainings für Mitarbeiter, Sicherheitspersonal, sowie ein Notfallknopf mit direkter Verbindung zur Polizei sind deshalb heute in jedem Krankenhaus Standard.

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Foto: Elisabeth Stolzer

Umwälzungen

Volle Warteräume, sinkende Hemmschwellen – und dazu geisterten im Vorjahr auch noch Gespenster in Gestalt der Kassenreform und der Zerschlagung der AUVA durch die heimischen Spitalsflure. Letztere ist ja angeblich vom Tisch – die Frage nach der Zukunft stellt man sich aber nicht nur an den sieben Krankenhausstandorten (Meidling, Brigittenau/Lorenz-Böhler, Linz, Klagenfurt, Salzburg, Kalwang und Graz) der AUVA. „Die Unruhe in der Belegschaft ist noch immer greifbar – wir wissen, dass im Hintergrund große Umwälzungen geplant werden. Was konkret auf uns zukommt und was dies auch für die Versorgung der Bevölkerung bedeutet, ist aber noch offen.“ 

Short Talk mit Prim. Michael Plecko

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Foto: Elisabeth Stolzer

Herr Primarius, im Zuge der AUVA-Reform wird immer von Einsparungen gesprochen – wo sehen Sie da Potenzial?
Prim. Michael Plecko: Wenn ich höre, dass bei den Unfallkrankenhäusern 32 Millionen eingespart werden sollen, ist das ein Riesen-Brocken unseres Budgets. Zumal man nicht vergessen darf, dass wir schon ein Sparprogramm hinter uns haben, wo wir jeden Euro rausgequetscht haben – es ist also nirgends mehr Luft.

Ein Argument, das angeführt wird, die AUVA-Häuser würden quasi an ihrer Bestimmung vorbei, immer mehr Nicht-Arbeitsunfälle behandeln. Prim. Michael Plecko: Es ist sicher ein Problem, dass unsere Krankenhäuser zwar von den Arbeitgebern finanziert werden, aber 80 Prozent Nicht-Arbeitsunfälle behandeln – und dafür keine angemessene Refundierung erhalten. Über kurz oder lang müssen wir daher in das öffentliche Verrechnungssystem eingegliedert werden.

Bekrittelt wird auch die Auslastung diverser Häuser …
Prim. Michael Plecko: Wir haben eine Auslastung zwischen 95 und 100 Prozent. Es gibt Tage, an denen wir kein Bett frei haben. Aber selbst, wenn wir gesperrt sind, ist die Notfallambulanz immer besetzt. Die Frau Ministerin war da einmal nicht optimal informiert, hat sich gedacht, wenn wir gesperrt sind, sperren wir zu und gehen einen Kaffee trinken …

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