Bettruhe und rote Rüben

1918-1920: Die Spanische Grippe in Salzburg

Menge Menschen - Cover
Foto: iStock.com/Hydromet

Just als die Monarchie zusammenbrach, suchte auch noch die „spanische Grippe“ ganz Salzburg heim.

Egon Schiele und Gustav Klimt, der Soziologe Max Weber und Frederick Trump, der Großvater des heutigen US-Präsidenten, waren prominente Opfer der „Spanischen Grippe“ , die gegen Ende des ersten Weltkriegs den ganzen Globus heimsuchte.

Diese Influenza-Pandemie wurde durch eine brandgefährliche Variante eines Vogelgrippe-Virus ausgelöst und kostete schätzungsweise zwischen 30 und 50 Millionen Menschen das Leben. Heute gilt es als gesichert, dass die Krankheit in Kansas/USA im Frühjahr 1918 von einem Tier auf den Menschen übersprang und durch US-Truppentransporte nach Europa eingeschleppt wurde.

Die Krankheit erreichte in einer ersten Welle die Westfront in Frankreich im April 1918 und bald darauf auch Großstädte wie Berlin und München. In Wien kam sie im Juli an und erfasste schließlich die gesamte Monarchie. Auch Salzburger Zeitungen berichteten von einigen Erkrankungen hierorts.

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Foto: Projekt ANNO
Man maß der neuen Krankheit aufgrund des eher milden Verlaufs keine allzu große Bedeutung zu. Erst die zweite Welle ab dem Herbst 1918 alarmierte die Sanitätsbehörden, weil diesmal die Todesrate durch akutes Lungenversagen rasant anstieg. Beunruhigend war, dass diese Art der Influenza in hohem Maße auch die 15- bis 40-jährigen dahinraffte. Es gab noch kein Penicilin und auch die künstliche Beatmung war noch nicht erfunden. Ärzte empfahlen im Krankheitsfall Bettruhe, rote Rüben und Durchlüften des Krankenzimmers. In den Spitälern, die mit verwundeten und kranken Soldaten gefüllt waren, gab es kaum Plätze für erkrankte Zivilisten.

Erste Todesfälle in Salzburg durch die „spanische Krankheit“ dürften bereits Anfang September aufgetreten sein, wurden aber offiziell dem allgemein schlechten Gesundheitszustand der Bevölkerung zugeschrieben. Erst am 27. September beschloss die Halleiner Stadtverwaltung die Schließung der Schulen und nach und nach folgte die Sperre fast aller Bildungseinrichtungen im damaligen Kronland. Die Schulen in der Stadt Salzburg blieben schließlich vom 9. Oktober bis 5. November 1918 geschlossen. Einzige Ausnahme war aus unerfindlichen Gründen das Borromäum, in dem weiter unterrichtet wurde. Im St. Johanns-Spital (dem späteren LKH) war ab Mitte Oktober jeglicher Krankenbesuch untersagt, man verbot das Aufbahren von Toten und Versammlungen im öffentlichen Raum. Letzteres dürfte kaum eingehalten worden sein, weil nach dem Waffenstillstand Anfang November der Rückstrom der Soldaten von den Fronten einsetzte.

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Hungerdemonstration am 19. September 1918 vor dem Regierungsgebäude am Mozartplatz. Foto: Stadtarchiv Salzburg
Die Schließung von Theatern, Kinos und Gasthäusern fand die Salzburger Gesundheitsbehörde nicht für angebracht, weil sie meinte, dass die Krankheit Ende Oktober ihren Höhepunkt bereits überschritten habe. Erst Ende November verringerte sich die Rate der Neuansteckungen. Zwei Jahre lang flackerte die Seuche immer wieder auf, erst 1920 ist vermutlich die „Herdenimmunität“ (70 Prozent der Bevölkerung war angesteckt) erreicht und der Spuk hört auf.

Man kann davon ausgehen, dass im Bundesland Salzburg (im November wurde die Republik ausgerufen) allein im Jahr 1918 bis zu tausend Menschen an der Influenza starben (bei damals 212.000 Einwohnern). In der noch jungen Republik Deutschösterreich sind der Krankheit bis Anfang 1919 rund 21.000 Menschen zum Opfer gefallen. In ganz Europa gab es rund zwei Millionen Grippetote.

2005 konnten Genetiker den Bauplan des Virus der „Spanischen Grippe“ entschlüsseln. Seit 2005 warnen Seuchenxperten auch vor einer Neuauflage dieser schlimmsten Seuche der vergangenen hundert Jahre. Leider zeigt sich jetzt, dass sie mit dieser Warnung recht hatten.

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Foto: Stadtarchiv Salzburg

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