45 und kein bisschen müde

Salzburgs Snowboard-Lady Claudia Riegler lässt die Sportwelt staunen: Mit 45 Jahren gewann sie kurz vor der WM erstmals ein Heimrennen und spricht vor dem Großereignis über Rekorde, Rituale und nervige Fragen.

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Foto: GEPA pictures/ Jasmin Walter

Weekend: 24 Jahre nach deinem Weltcupdebüt hat es zum Jahresbeginn mit dem ersten Heimerfolg geklappt. Welchen Stellenwert räumst du diesem Sieg ein?

Riegler: „Dass es in der Heimat der erste Sieg ist, wurde mir erst in Bad Gastein bewusst. Ich wollte hier immer gerne gewinnen. Dieser Erfolg ist für mich der schönste gleich nach dem WM-Titel. Was sicher auch mit der Vorgeschichte zu tun hat.“

Weekend: Du sprichst die zwei Ausfälle beim Saisonstart an?

Riegler: „Ja, auch das. Es ist in meiner Karriere nicht oft vorgekommen, dass ich zwei Mal in Folge ausgefallen bin. Was mitunter daran liegt, dass ich in den Rennen viel Risiko eingehe. Mir war klar, dass es mit einem dritten Ausfall schwierig wird. Aber auch das Gefühl, zeigen zu können, was noch möglich ist, hat mich sehr berührt. Wenn ich nur daran denke, was ich im Laufe der Jahre alles zu hören bekommen habe: Angefangen von `du wirst sicher nie einen Weltcup gewinnen` und `du bist keine Siegläuferin` bis hin zu ich sei zu nett und zu alt.“

Weekend: Die Frage nach dem Alter und Karriere-Ende begleitet dich seit über zehn Jahren. Gab es für dich einen Moment, wo du tatsächlich mit dem Gedanken gespielt hast, aufzuhören?

Riegler: „Wenn man ständig danach gefragt wird, beeinflusst einen das in gewisser Weise. Aber ernsthaft darüber nachgedacht habe ich nur in der Zeit, als ich aus den .SV-Kadern geworfen wurde. Und selbst da war ich lange motiviert. Als ich aber als zweitbeste Österreicherin im Olympiawinter 2006 nur drei Rennen fahren durfte und mir das Schienbein gebrochen habe, wollte ich nicht weitermachen. Zu diesem Zeitpunkt kam es zum Trainerwechsel – das war wohl ein Zeichen. Ich wurde oft gefragt, warum ich mir das alles antue. Aber für mich ist das keine Qual sondern das, was mich erfüllt.“

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Vor 20 Jahren: Schon 1999 gehörte Claudia Riegler dem ÖSV-Kader an. Foto: GEPA pictures/ Hans F. Punz
Weekend: Hat sich deine Rennvorbereitung über die Jahre verändert?

Riegler: „Erstmals genieße ich diesen Winter das Privileg eines Einzelzimmers. Ich mache Yoga und meditiere. Früher habe ich nicht offen über diese Themen gesprochen, bis ich mir gesagt habe: Claudia, steh doch zu dem, was dir gut tut. Unsere Gedanken beeinflussen unseren Körper und unsere Gesundheit. In dieser Hinsicht lebe ich bewusster als vor 20 Jahren. Früher ist mir die Nervosität oft direkt in die Füße geschossen, mittlerweile habe ich meine Methoden entwickelt, dem gegenzusteuern.“

Weekend: Hilft diese Routine vor allem bei Großereignissen wie der bevorstehenden Weltmeisterschaft?

Riegler: „Naja, ich bin nicht weniger motiviert oder ehrgeizig als früher. Wenn ich im Training beispielsweise drei Mal in Folge rausfliege, fluche ich auch heute noch. Aber ich habe eine gewisse Gelassenheit und Ruhe entwickelt, die mir sicher zugute kommt. Einen Tag vor dem Rennen in Bad Gastein hatte ich einen echten Hänger, war auch gesundheitlich angeschlagen. Nachdem mich eine Freundin energetisch aufgebaut hat, konnte ich mich konzentrieren und war ganz bei mir. Plötzlich ging alles leicht. Mein Trainer hat vor dem Rennen zu mir gesagt: ´Claudia, das ist dein Tag´ und ich habe mir innerlich gedacht: Ja, das ist er.“

Weekend: Den Rekord als älteste Weltcupsiegerin der Geschichte hast du auf 45 Jahre erhöht. Dasselbe könntest du bei der WM schaffen und deinen Titel von 2015 wiederholen ...

Riegler: „Ich hätte in jedem Fall nichts dagegen (lacht). Ich traue mich zu sagen, dass ich noch nie so gut Snowboard gefahren bin wie derzeit. Dazu kommt, dass mir die Schneeverhältnisse in Amerika liegen. Aber ich weiß eben auch, dass an einem solchen Tag vieles zusammenspielen muss. Bei den Olympischen Spielen im Vorjahr standen die Zeichen beispielsweise so gut wie nie zuvor. Doch die Nacht davor konnte ich kaum schlafen. Beim Rennen ging dann einfach gar nichts.“

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Foto: GEPA pictures/ Dominik Angerer

Weekend: Erstmals seit 2013 wirst du bei der WM neben dem Parallel-Riesenslalom auch den Slalom fahren...

Riegler: „Dass ich vor der WM ausgerechnet im Slalom gewonnen habe, also der Disziplin, in der ich bei den letzten Weltmeisterschaften nicht antreten durfte, ist eine schöne Geschichte. Den Erfolg habe ich auch meinem neuen Board zu verdanken. Dabei ist es eigentlich ein altes, dass ich vorschnell in den Keller verbannt und jetzt wieder rausgeholt habe.“

Weekend: Gibt es bei all deinen Erfolgen und Rekorden noch ein Ziel, dass du selbst unbedingt erreichen möchtest? Ist Olympia 2022 beispielsweise ein Thema?

Riegler: „Ich werde es zumindest nicht ausschließen. Solange mein Herz ja sagt und ich spüre, dass noch etwas möglich ist, fahre ich weiter. Es sind nicht nur die Erfolge, die diesen Sport für mich so schön machen. Auch dieses ständige Auseinandersetzen mit sich und seinem Körper gibt mir unendlich viel. Es ist einfach ein unbeschreibliches Freiheitsgefühl.“