Singles auf Partnerjagd: Es geht auch ohne Tinder

Immer mehr Paare lernen sich online kennen. Aber was, wenn einem das virtuelle Flirten nicht liegt? Singleevents bieten eine entspannte Alternative im „echten“ Leben. Wir waren bei einem live dabei.

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An einem lauen Abend finden wir uns zum 1. Singlemarkt & Heiratskirtag in der Prater Alm ein. Foto: Weekend Magazin / SH

Der Abend ist lau, die Neugier groß. Zu zweit nehmen wir, zwei Frauen Ende Zwanzig, an einem der wenigen noch leeren Heurigentische Platz. Der Geruch von Pizza und Bier mischt sich mit süßlichem Parfum und herbem Aftershave. Es ist Donnerstagabend und wir haben uns beim „1. Singlemarkt & Heiratskirtag“ in der Wiener Prater Alm eingefunden. Alleinstehende unterschiedlichster Altersgruppen hoffen hier auf ein Kennenlernen im entspannten Rahmen. Die steirische Band Silberklang stimmt erste Austropop-Töne an. An unserem Tisch nimmt Robert Platz.

Singles auf Partnerjagd

Robert hat einen grauen Vollbart, ist  64 und geschieden. Heute hofft er auf eine nette Bekanntschaft, vielleicht eine neue Liebe. Wie jeder dritte Mensch in Österreich ist er Single. Robert zählt zu jenen zehn Prozent der Alleinstehenden, die engagiert auf der Suche nach einem Partner sind. „Am aktivsten sind junge und ältere Singles“, sagt Caroline Erb, Psychologin bei Parship. „Eines ist klar: Wer sich wirklich umsieht, statt auf den Zufall zu warten, hat bessere Chancen, einen passenden Partner zu finden.“ Singleevents wie der Heiratskirtag sollen mit ihrem Rahmenprogramm das Anbandeln erleichtern. „Weißt du, in einem gewissen Alter wird das mit dem Kennenlernen schwer“, erzählt uns wenig später Peter (65). Das bestätigt auch Liebescoach Eva Fischer. „Ich habe bei vielen Singles gemerkt, dass Leute einfach nicht die Gelegenheit haben, jemanden zu treffen“, so Fischer. „Eine gute Möglichkeit bietet natürlich das Internet.“

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Ein Fragebogen sollte am "Heiratsmarkt und Singlekirtag" das Kennenlernen erleichtern. Foto: Weekend Magazin / SH

Smartphone: Feind und Helfer

Kein Wunder also, dass sich die Zahl der Mitglieder auf Online-Datingbörsen seit 2013 verdreifacht hat. Mittlerweile lernt sich jedes dritte Paar im Internet kennen. Vieles spricht für das Anbandeln im Cyberspace. Laut aktueller Studien führen Paare, die sich online kennengelernt haben, befriedigendere Beziehungen, haben kürzere Verlobungszeiten und niedrigere Scheidungsraten. Trotzdem: Nicht jeder ist ein Fan vom virtuellen Flirten. Vielen fehlt das Gefühl echter zwischenmenschlicher Nähe. „Andere wieder sagen, dass sie die Chemie spüren wollen und erst dann entscheiden können“, sagt Fischer.

Jemanden in der U-Bahn, auf der Straße oder im Supermarkt anzusprechen erfordert jedoch einiges an Mut. Den Großteil der Zeit verschanzen sich Menschen hinter ihren Smartphones – den Blick starr auf das Display fixiert. Die Flirtexpertin hat einen Tipp: „Wenn Ihr Gegenüber ins Telefon schaut, fragen Sie, ob Sie eine Freundschaftsanfrage oder ein lustiges Video oder Ähnliches schicken dürfen.“ Und generell: „Öfter mal schauen und lächeln. Da sein – statt irgendwo im Webspace.“ Oder eben ein Singleevent besuchen. „Es ist hier einfacher Leute kennenzulernen weil hier Menschen zusammenkommen, die auch Kontakt suchen“, sagt Peter.

Erste Funken fliegen

„Auf so einem Singletreff kommt man viel leichter ins Gespräch“, bestätigt Inge (45). Die Mittvierzigerin ist heute als Begleitung eines Freundes mitgekommen. Dass der Abend auch für sie die eine oder andere Überraschung bereit hält, damit hatte sie eigentlich nicht gerechnet. „So einen intensiven Blickkontakt wie heute habe ich schon lange nicht mehr“, schwärmt Inge und strahlt Martin (32) an. Wir begleiten die beiden in den Gastgarten. Erst vor wenigen Stunden haben sie sich auf dem Event kennengelernt. Wie es aussieht, werden sie zumindest die Nacht zusammen verbringen. Was danach kommt, wissen sie noch nicht. „Ich lasse das auf mich zukommen“, sagt Martin. „Alles andere wäre Kaffeesudlesen.“ „Ich glaube wenn man auf so Singleparties geht, will man schon etwas erleben“, sagt Ingrid und lächelt. „Wenn man dann nicht offen dafür ist, dann verpasst man eigentlich was.“

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Gemeinsam statt einsam: nicht nur Tinder sondern auch Singleevents verhelfen zum Liebesglück. Foto: Colourbox

Flirten auf dem Rückzug

Bei aller Lockerheit findet Martin, dass das Schäkern und Anbandeln immer schwieriger wird. Das klassische Flirten befindet sich auf dem Rückzug. „Durch Tinder und Co. bleiben die meisten in ihrer Komfortzone und sind es nicht mehr gewohnt, im echten Leben jemanden anzusprechen, ihm oder ihr in die Augen zu schauen und zu flirten“, meint Flirttrainer Niklas Wiezorek. „Genau diese Fähigkeiten sind jedoch essentiell, sei es beim Flirten, in der Beziehung oder in der Kommunikation zwischen Menschen generell.“

#MeToo

Und auch Debatten wie #MeToo dürften eine Rolle spielen. „Sprich eine Frau einmal irgendwo an. Da musst ja gleich aufpassen, dass du nicht angezeigt wirst“, sagt Martin. Der 22-jährige Lukas kann dem nur zustimmen: „Ich habe teilweise echt schon Schiss, eine anzusprechen.“ In die Prater Alm sind sie deswegen auch nicht zufällig gekommen. Gezielt haben sich die beiden, die sich beruflich kennen, nach Singleveranstaltungen in Wien umgesehen. „Es sollte mehr solche Veranstaltungen geben“, sagt Inge. „Ich glaube es gibt da einen totalen Bedarf.“