Das Geschäft mit der Lust

Sex sells: Die Sexindustrie boomt: Online-Versandhandel, Videoplattformen und Pharmakonzerne bedienen einen stetig wachsenden Markt. Tourismus- und Techanbieter naschen am Kuchen mit.

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Die Sexindustrie ist schon lange nicht mehr das, was sie einmal war: anrüchig, obszön und privat. Serien wie Sex and the City haben einen freieren Umgang mit Erotik propagiert – und der Industrie bei der Erschließung eines neuen Marktes geholfen. Seit 2010 konzentriert sich das 20 Milliarden Euro schwere Business verstärkt auf die weibliche Bevölkerung. Ein Konzept, das aufgeht: 75 Prozent aller Sexspielzeuge werden von Frauen gekauft. Alleine der Wert des deutschen Markts wird in diesem Bereich auf 361 Millionen Euro geschätzt.

Frischer Wind

Neue Anbieter wie Eis.de und Amorelie bewerben ihre Produkte längst im Free-TV. Raus aus der Schmuddelecke und rein in den Lifestylebereich, lautet die Devise. Der Erfolg gibt den Newcomern recht. Alteingesessenen Platzhirschen wie Beate Uhse und Orion haben die Neulinge bereits den Rang abgelaufen. Amorelie verzeichnete 2017 einen Umsatz von 56 Millionen Euro – im Vergleich zum Vorjahr ein sattes Plus von 55 Prozent. 2013 als Start-up gegründet, hält mittlerweile auch ProSiebenSat.1 Anteile am Unternehmen, das über 20.000 Produkte im Programm hat.

Smarte Gadgets

Die drei beliebtesten Hilfsmittel im Schlafzimmer: Vibrator, Dildo und Handschellen. Eine Flut neuer Entwicklungen drängt konstant auf den Markt. Geräte mit eingebauter Kamera, Devices, die sich via App steuern lassen, und Gadgets, die mit dem Smart Home verbunden werden können, sind nur einige wenige Trends.

Filme für Frauen

Sexy Mädchen in schwarzen Netzstrümpfen und Negligé mit einem Smartphone in den Händen auf dem Bett sitzend
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Am stärksten zu spüren sind die Auswirkungen der Digitalisierung in der Pornoindustrie. Was früher verschämt in Hinterzimmern einschlägiger Videotheken zum Verleih angeboten wurde, ist heute nur einen Mausklick entfernt. Pornografie ist im gesellschaft­lichen Mainstream so stark verankert wie nie zuvor. Täglich setzen Onlineanbieter  fast 13 Millionen Dollar um. Und längst handelt es sich dabei nicht mehr nur um ein rein männliches Genre. 30 Prozent aller PornHub-Besucher sind mittlerweile weiblich. Das schlägt sich auch auf die Machart der Filme nieder. Die Perspektive wird weiblicher. Auch der nächste technologische Sprung ist bereits in Sicht: Virtual Reality (VR) wird die Illusion prickelnder Erlebnisse auf eine neue Stufe heben. Mittels VR-Brillen erhalten Konsumenten den Eindruck, hautnah dabei zu sein. Die Bilder sind 3D, die Perspektive kann über Bewegung des Kopfes gesteuert werden.

Roboterliebe

Virtuelles Verlangen und der Ersatz des Menschen durch Maschinen schreitet auch in anderen Bereichen voran. Sexpuppen heißen heute Lovedolls und haben eine veritable Transformation durchgemacht. Von Luftmatratzen nicht unähnlichen, aufblasbaren Plastikhüllen haben sie sich zu Hightechgeräten gemausert.

Schon länger Trend in Japan und den USA, setzen sie sich in Europa langsam durch. Der erste europäische Love­doll-Entwickler hat seinen Sitz sogar in Österreich. Josef Le bietet mit seinen Real Life Dolls  lebensechte High-End-Produkte an. Was als Nische begann, wird neue Normalität. „Am Anfang hat man mich belächelt“, sagt Le. „Mittlerweile sehen die Leute sie als Erweiterung eines Sextoys.“ Den klassischen Kunden gibt es übrigens nicht. „Das Einzige, was alles gemeinsam haben: Sie sind berufstätig“, sagt Le. Kein Wunder: Wer sein Bett mit einer solchen Puppe teilen möchte, muss dafür tief in die Tasche greifen. Zwischen 5.000 und 10.000 Euro kosten die Dolls im Durchschnitt. In den kommenden Jahren sollen dank Künstlicher Intelligenz (KI) auch einfache Gespräche möglich sein.

Erregung auf Rezept

Nicht nur die Hightech-, auch die mächtige Pharmaindustrie hat ihre Finger im Spiel. Pfizer verdient mit Viagra weltweit 640 Millionen Euro. Nach dem Erfolg mit der Pille für den Mann kommt demnächst mit Vyleesi jene für die Frau. Trotz Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit hofft der Pharmakonzern Amag auf Umsätze von bis zu einer Milliarde Dollar jährlich.

FKK-Kreuzfahrten

Kaum eine Branche, die nicht versucht aus der schönsten Nebensache der Welt Profit zu schlagen – so auch der Tourismus. Besonders kreativ zeigt sich die Kreuzfahrtindustrie und lässt von FKK-Schiffen über Sadomaso-Ausflüge bis zu schwimmenden Swingerklubs keine Wünsche offen. Ein etwas fragwürdiges Angebot bietet unterdessen der Veranstalter von „The Sex Island“, der mit dem Versprechen einer drogenfreundlichen Umgebung wirbt. Vier Tage auf der kolumbianischen Privatinsel kosten 5.200 Euro. Dafür ist all inclusive wörtlich zu verstehen. 60 Prostituierte stehen den 30 Teilnehmern rund um die Uhr zur Verfügung. Wer am Golfplatz ein Hole-in-one schafft, darf sich über 30 Minuten Exklusivzeit mit allen Damen freuen.

Interessante Fakten

  • Im Internet drehen sich 25 Prozent der Suchanfragen um Pornografie.
  • 95 Prozent der Männer haben beim Sex einen Orgasmus, aber nur 65 Prozent der Frauen.
  • 15 Milliarden Euro werden weltweit jährlich alleine im Online-Erotikhandel umgesetzt, Tendenz steigend.
  • 106 Mal haben ÖsterreicherInnen im Schnitt pro Jahr Sex.
  • Online-Pornoanbieter machen weltweit einen Umsatz von 12,6 Millionen Euro pro Tag.

Short Talk

Josef Le, Gründer Companion GmbH

Weekend: Aus welchem Material bestehen die Real Dolls?

Josef Le: Wir verwenden Platinum Silikon aus dem medizinischen Bereich, dessen Formel wir je nach Körperteil anpassen. Die Brust fühlt sich anders an als der Bauch, der Schlüsselbeinbereich anders als Knie oder Oberschenkel. Wenn Sie unsere Dolls angreifen, spüren Sie sogar Hautporen. Dementsprechend teuer ist die Produktion.

Weekend: In welchem Preisbereich bewegen sich die Puppen?

Josef Le: Am häufigsten verkaufen wir aus einem Modulkasten nach persönlichem Geschmack zusammengesetzte Puppen. Im Durchschnitt geben Kunden bei uns dafür zwischen 5.000 und 10.000 Euro aus. Individuelle Maßanfertigungen kosten über 20.000 Euro.

Weekend: Gibt es Wünsche an Puppen, die Sie nicht erfüllen?

Josef Le: Da gibt es eine ganz klare Grenze: Wir produzieren keine Dolls unter 1,48 Metern. Bei Pädophilie hört es sich bei mir auf.

Le hat mit seinen lebensechten Puppen eine Nische am österreichischen Markt entdeckt.