Sepp Gröfler: Rat und Trost

Sepp Gröfler ist Leiter der Telefonseelsorge Vorarlberg. Mit der zweiten hauptamtlichen Mitarbeiterin Barbara Moser-Natter und insgesamt 94 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen wurden voriges Jahr fast 15.000 Anrufe entgegengenommen.

Sepp Groefler
„Scheitern ist erlaubt. Und: Sorgen kann man mitteilen und teilen, das erleichtert uns.“ Sepp Gröfler, Leiter Telefonseelsorge Vorarlberg Foto: walser-image.com

Weekend: Ist der Advent eine Hauptzeit der Telefonseelsorge?
Sepp Gröfler:
Wir haben es untersucht – die Sorgen haben keine Saison. Es gab schon verregnete, neblige Allerseelen- oder Weihnachtstage an denen kaum Anrufe kamen. Hingegen glühten nach Weihnachten die Leitungen: wenn Erwartungen sich nicht erfüllt haben, wenn der Stress scheinbar vorbei ist. Selbst Banalitäten wie ein Essen, das nicht gelobt wurde, führen zu Frust.

Weekend: Seit wann kann man mit Euch online chatten?
Sepp Gröfler:
Die Mailberatung haben wir bereits 2002 eingeführt, Chatten kann man seit vier Jahren. Es ist zwar kein geeignetes Medium für akute Situationen, dennoch wird es von den Leuten gewählt. Durch das Schreiben allein entsteht oft schon eine Entlastung.

Weekend: Sind Scherzanrufe immer noch ein Thema?
Sepp Gröfler:
Früher sind wir mit Scherzanrufen belagert worden, das war ein großes Problem, schließlich sollte die Leitung für akute Notfälle frei bleiben. Wir verzeichneten bis zu 25.000 Scherzanrufe im Jahr und standen fast am Rande des Zusammenbruchs. Wir sind in Schulen gegangen und haben Workshops durchgeführt und mit einigen Reumütigen gesprochen. Mancher An- rufer hat schon bekannt, dass er uns einst „gefuxt“ hat und uns nun brauche. Jetzt erreichen uns ca. 1000 Juxanrufe.

Weekend: Welche Problembereiche führen die Statistik an?
Sepp Gröfler:
Psychische Belastungen spielen zu einem Drittel eine Rolle, Vereinsamung mit ca. 20 Prozent, Belastung durch körperliche Beschwerden und Probleme im persönlichen Umfeld wie  Familie oder Arbeitsplatz und Mobbing sind die weiteren Themen. Intensive Gespräche bei Selbstmordankündigungen können eineinhalb Stunden dauern. Am Schluss weinen oft beide – Anrufer und TelefonseelsorgerIn.

Weekend: Was können wir als Gesellschaft tun?
Sepp Gröfler:
Nicht Wegschauen! Es gibt einen Spruch, dass man „sich nur mit Menschen umgeben soll, die einem gut tun“. Das stimmt einfach nicht. Man muss seine Zeit auch an jemanden verschenken, dem es nicht so gut geht.  Es belastet mich nicht, wenn ich jemanden freundlich grüße oder dem Nachbarn das Ohr leihe. Sorgen kann man teilen. Mitteilen und teilen erleichtert das Leben vieler!

Weekend: Was war Ihr erstes Gespräch an der Hotline?
Sepp Gröfler:
Das war eine Achtjährige die ich fast nicht trösten konnte, weil ihre Freundin wegen der Scheidung ihrer Eltern so traurig war. Die Tochter fühlte sich schuldig – es war wichtig den beiden Mädchen zu sagen, dass sie es nicht ist. Auch die Mama, die einen Joint beim Sohn findet können wir beruhigen oder gegebenenfalls an die richtigen Stellen verweisen. Wir wurden auch schon bei Matheproblemen angerufen – es gibt nichts was es nicht gibt. Männer warten länger, sie stellen ein Drittel der Anrufer.

Weekend: Wie finden Sie Ausgleich?
Sepp Gröfler:
Ich spiele auf mehreren Theaterbühnen, gebe Seminare als Humorbotschafter und habe soeben das illustrierte Gedichtbüchlein „Sich aufmachen“ im Eigenverlag herausgegeben. Kraft steckt in den kleinen Dingen! 

Sepp Groefler
Foto: walser-image.com

Zur Person: SEPP GRÖFLER
Leiter Telefonseelsorge Vorarlberg

  • Jahrgang 1961
  • geb. im Pinzgau
  • wohnhaft in Dornbirn,
  • verheiratet, 3 Kinder
  • Werdegang: Handwerkliche Lehre; Einstieg in Sozialpädagogischen Bereich, Sozialmanagement, Stationen u. a. Kinderpsychiatrie Carina, Kinderdorf, seit 2000 Leiter der Telefonseelsorge Vorarlberg www.142online.at
  • Hobbies: Theaterspielen, Sport, Schreiben (aktuell Gedichtband „Sich aufmachen“ www.beff.at)

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