Geheimes Doppelleben: Der Reiz der Affäre

Rund die Hälfte aller Österreicher war mindestens einmal im Leben untreu – obwohl ein Großteil davon angibt, lieber treu zu sein. Warum gibt es trotzdem Menschen, die bereit sind, die eigene Beziehung aufs Spiel zu setzen und eine heimliche Dreiecksbeziehung zu führen?

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Rund 50 Prozent der Österreicher waren einmal in ihrem Leben untreu Foto: bluebeat76/iStock/Thinkstock

Je nach Umfrage schwanken die Werte: Von 40 bis hin zu 80 Prozent aller Österreicher ­sollen im Lauf ihres Lebens ­zumindest einmal untreu gewesen sein. Bei den Gründen wird vorwiegend sexuelle Unzufriedenheit mit dem eigenen Partner angegeben. Vom betrunkenen Ausrutscher ­berichten dennoch nur die wenigsten, wie eine Studie der Göttinger Georg-August-Universität gezeigt hat: Mehr als die Hälfte der Seitensprünge ist ein längerfristiges Arrangement. Nur rund 10 Prozent der ­Befragten hatten einen ­One-Night-Stand, über 30 Prozent dagegen eine Affäre, die länger als sechs Monate dauerte.

Der Nette von nebenan

Weitere Befragungen haben gezeigt, dass eine Affäre in den seltensten Fällen mit einem Unbekannten beginnt – Kollegen, langjährige Freunde oder Nachbarn stehen ganz oben auf der Watchlist der Untreuen. Psychologen begründen dies mit dem Wunsch nach Intimität: Zwar steht in den meisten Fällen der Sex im Mittelpunkt, Fremd­geher wünschen sich jedoch vermehrt auch Nähe und ­Vertrautheit. Paartherapeut Daniel Hitschmann fasst ­zusammen: "Bei einer Affäre geht es immer um einen ­Aspekt, der in der Beziehung fehlt. Das hat viel mit Energie zu tun: Es gibt beziehungsfördernde Energien wie Lob und Anerkennung und beziehungstrennende Energien wie Kritik oder Vorwürfe." Überwiegen die beziehungstrennenden Energien, ist es natürlich reizvoll, von einer außenstehenden Person angehimmelt zu werden und wieder positive Energie zu empfangen. In den vergangenen Jahren hat sich übrigens das Bild der Untreue ­geändert: Männer lassen sich vermehrt auf emotionale Bindungen ein, Frauen legen dagegen mehr Wert auf die sexuelle Komponente als früher. Das Klischee "Mann sucht Sex, Frau sucht Nähe" träfe nicht mehr zu, meint Autorin Shirley Glass ("Die Psychologie der Untreue").

Unglücklich untreu

Dass eine Affäre glücklich macht, scheinen Umfrageergebnisse zu widerlegen. 90 Prozent der Untreuen geben an, dass sie lieber treu wären. Buchautorin Shirley Glass attestiert vor ­allem Frauen, die eine Affäre haben, negative Gefühle: "Verheiratete Männer mit ­Affäre haben annähernd denselben Glückslevel wie jene ohne Affäre. Verheiratete Frauen mit Affäre sind da­gegen weitaus unglücklicher." Eine groß angelegte Online-Umfrage der Buchautorin ­Janett Menzel konkretisiert die Theorie: Deutlich mehr untreue Frauen beschäftigen sich mit der Frage, wie sie die Affäre beenden können, als damit, wie sie den Affärenpartner ganz für sich gewinnen können.

Auf der Suche nach Liebe

Warum trotz der negativen Gefühle, die mit einer Affäre einhergehen, dennoch so viele Menschen in fremden Betten zu finden sind, begründet Psychotherapeut Daniel ­Hitschmann: "Das liegt daran, dass sie entweder in einer suboptimalen Beziehung feststecken, aber gerne eine gute Beziehung hätten – was sie sich dann von der Affäre erwarten –, oder dass sie ihren Trieben nicht widerstehen können. Es geht immer um persönliche Bedürfnisse, die scheinbar von außen leichter zu erfüllen sind als in der Beziehung." Die Suche nach Anerkennung, der Reiz des Neuen, die Möglichkeit, sexuelle Wünsche ohne Hemmungen auszuprobieren oder der Nervenkitzel des Verbotenen sind weitere Gründe, das monogame ­Leben hinter sich zu lassen.

Zur Beichte

Was auch immer der Grund für die Affäre war: Kommt sie ans Licht, hinterlässt sie tiefe Spuren beim Betrogenen. Untersuchungen haben gezeigt, dass die betrogenen Partner oft monatelang unter Symptomen leiden, die einer posttraumatischen Belastungsstörung ähneln. Sowohl für den Beziehungsbrecher als auch für den Betrogenen sei es danach sinnvoll, die Affäre aufzuarbeiten und die Mechanismen dahinter zu verstehen, erklärt Therapeut Daniel Hitschmann. Beide müssen erkennen: Eine Affäre ist meist nicht der Grund für Probleme in der Beziehung, sondern ein Resultat bereits bestehender Prob­leme – und oft eine Art "Lösungsversuch" des Untreuen. Dieser gelingt jedoch nur, wenn beide Partner gewillt sind, trotz des Vertrauensbruchs aktiv an einer gemeinsamen Basis zu arbeiten – und die Untreue nicht nur als ­großen Fehler, sondern auch als Chance wahrnehmen.

Wie Männer betrügen

Wenn Frauen Affären haben, können sie diese für gewöhnlich geschickter tarnen als Männer - bei ihnen fällt kaum eine Verhaltensänderung auf. Männer reagieren dagegen anders, wenn sie eine Affäre haben: Sie sind tendenziell gereizter und kritisieren ihre Partnerin häufiger. Diesem Verhalten liegt eine psychologische Logik zugrunde: Je mehr sie nörgeln, desto eher reagiert auch die Partnerin verärgert - was wiederum dazu führt, dass Männer ihr Verhalten vor sich selbst besser rechtfertigen können.

Daten und Fakten

  • Ans Licht kommen etwa 50 Prozent aller Seitensprünge. Rund 25 Prozent der Männer bzw. 33 Prozent der Frauen beichten den ­Seitensprung selbst.
  • Das wahrscheinlichste Alter für einen Seitensprung ist 39, gefolgt von 49 und 29. Forscher vermuten, dass das damit zusammenhängt, dass Menschen ­extremer reagieren, wenn sie vor einem runden Geburtstag stehen.
  • Einer Umfrage der Buchautorin Janett Menzel zufolge wollen nur 20 Prozent aller Frauen ihre Affäre dazu bewegen, sich von der aktuellen Partnerin zu trennen. Mehr als die Hälfte fragt sich dagegen: "Wie kann ich meine Affäre vergessen?"
  • Wer einmal untreu war, ist es vermutlich wieder: Die Hemmschwelle sinkt mit jeder neuen Affäre weiter.