Schrebergarten-Kult: Meine kleine Welt

Das Bild vom spießbürgerlichen Schrebergärtner, der seine Nachbarn mit Argusaugen überwacht und Vorschriften quält , hat ausgedient. Immer mehr Jungfamilien zeigen Interesse an einem Refugium im Grünen.

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Immer mehr junge Menschen wünschen sich einen Garten Foto: Vladimirs_Gorelovs/iStock/Getty Images Plus/Getty Images

Herr Huber ist seit gut 40 Jahren Kleingartenbesitzer. Der Garten ist sein ganzer Stolz – seine 100 Quadratmeter pflegt er liebevoll, sein Gemüsebeet, das er stundenlang beackert, steht über allem. Und auch für seine Nachbarn hat er so manch wichtige "Ezzes" übrig – denn "Vurschrift ist schließlich Vurschrift", und Ordnung muss im urbanen Paradies eben sein. Doch diese Vor­stellung des pensionierten und im Ruderleiberl werkelnden Heimgärtners entspricht längst nicht mehr der Realität. In den letzten Jahren ist den Hubers dieser Welt in ihren Kleingartenvereinen eine gravierende Veränderung aufgefallen: Immer mehr junge Familien ersetzen die alteingesessen "Schrebergartler" und verändern die Kleingartenkultur nachhaltig. Der Altersschnitt in den heimischen Kleingärten sinkt seit 2007 (ca. 64 Jahre) stetig. Der Zuzug von Jungfamilien hat vor allem damit zu tun, dass es kaum noch strenge Vorgaben gibt. Während man in der Steiermark vor zehn Jahren noch zu je einem Drittel Obst, Gemüse und Rasen pflanzen musste, bleibt heute die Gestaltung jedem selbst überlassen. Einschränkungen gibt es noch beim Pool – in manchen Bundesländern sind zum Beispiel nur Becken zum Aufstellen oder in limitierter Größe erlaubt. Die junge Generation sorgt auch für einen rascheren Wechsel. Wird etwa aus beruflichen Gründen der Wohnsitz geändert oder ein Einfamilienhaus gebaut, geben die meisten den Kleingarten wieder zurück. Wie viele Kleingärten es in Österreich gibt, ist nicht ganz einfach zu sagen, denn nicht alle sind im Zentralverband, der rund 40.000 Mitglieder zählt, organisiert. Und die Zahl ­privater Kleingartenprojekte steigt österreichweit rasant.

Überschaubar?

Die Kosten für einen Kleingarten setzen sich aus Pacht, Ablöse und "Betriebskosten" (Strom, Wasser, Versicherung und Mitgliedsbeitrag) zusammen. Während die Pacht nicht besonders hoch ist - bei manchen Parzellen zahlt man nur 40 Cent pro Quadratmeter und Jahr - kann sich die Ablöse heftig auf das Geldbörserl auswirken. "Je nach Zustand der Parzelle muss man zwischen 8.000 bis 30.000 Euro kalkulieren. Bei gefragter Lage und perfektem Zustand kann die Summe bis auf 50.000 – in Wien auf bis zu 200.000 – steigen", erklärt Wilhelm Wohatschek, Präsident des Zentralverbands der Kleingärtner. Bei "Schnäppchen" bis 6.000 Euro ist es meist besser, die Hütte abzureißen. "Die Ablöse wird nicht vom aktuellen Pächter, sondern von einem Sachverständigen festgelegt", stellt Wohatschek klar. Die Erhaltungskosten liegen im Schnitt zwischen 500 und 1.500 Euro.

Wartezeiten

Grundstückseigentümer der Kleingärten ist häufig die Gemeinde. Die Eigentümer verpachten dann an den Zentralverband, die Landesverbände oder direkt an die Vereine, die wiederum Unterpachtverträge für die einzelnen Parzellen abschließen. Wer sich für einen Kleingarten anmeldet, wird oftmals auf eine Geduldsprobe gestellt. "Leider können wir der hohen Nachfrage nicht nachkommen", weiß der Präsident des Zentralverbands. Trotz des schnelleren Wechsels der Pächter sind zum Beispiel Wartezeiten zwischen fünf und acht Jahren keine Seltenheit. Grundsätzlich werden die Parzellen nach der Reihenfolge der Anmeldung vergeben. Eltern, Ehepartner, Lebensgefährten und Kinder haben jedoch ein Vorrecht. Auch ein "Vorstellungsgespräch" beim jeweiligen Verein muss oft gemeistert werden.

Wien ist anders

Ähnlich wie bei der Bauordnung, kocht auch bei den Kleingärten jedes Bundesland sein eigenes Süppchen. So ist zum Beispiel ganzjähriges Wohnen – historisch bedingt – nur in Wien erlaubt. Aber auch nur dann, wenn die Widmung "Erholungsgebiet Kleingarten ganzjähriges Wohnen" gilt. "Hier darf eine Fläche von maximal 50 Quadratmetern verbaut werden, plus Keller und einem Obergeschoss", erklärt Wohatschek. So eine großzügige Bebauung ist außerhalb von Wien nicht vorgesehen. In der Steiermark dürfen es 40 Quadratmeter sein, in Salzburg darf das Häuschen nicht größer als 14 Quadratmeter sein und in Oberösterreich darf man maximal 35 Quadratmeter verbauen. Je nach Flächenwidmungsplan und Gemeinde können es aber auch weniger sein.

Nachbarschaftskonflikte

Neben den Kleingartengesetzen und Verordnungen gibt es in jedem Verein eine Gartenordnung. Diese Fülle an Vorschriften und Bestimmungen wurde in den letzten Jahren zwar aufgeweicht, regelt aber zum Beispiel die Höhe und die Art der Bäume und Hecken. Auch Draht- oder Holzzäune sind in vielen Vereinen nicht erlaubt. Wer sich nicht an die Regeln hält, bekommt eine schriftliche Ermahnung. Laut dem Zentralverband gibt es aber nur wenige "Delikte", bei denen es im äußersten Fall zu einer Kündigung kommen kann. Das ist der Fall, wenn kein Pachtzins mehr gezahlt wird oder die Häuser vermietet werden. Und bei Problemen auf zwischenmenschlicher Ebene? "Bei Streitigkeiten unter Nachbarn, wo es teilweise um Nichtigkeiten geht, können wir leider nur als Vermittler tätig werden", erklärt Wohatschek.